Die sieben Todsünden (29)

von Ulrich Metzmacher

Völlerei bei Tisch steht seit jeher für Maßlosigkeit, aber indirekt auch als Zeichen für Lebensüberdruss. Eine sich ausbreitende Sinnlosigkeit sucht nach Kompensation in Form von Genussorgien, deren Dosis aufgrund leidiger Abnutzungseffekte beständig erhöht werden muss. Extensive Bedürfnisbefriedigung und subkutane Todessehnsucht gehen eine Verbindung ein, deren Dynamik, ist sie erst einmal in Gang gebracht, kaum noch aufzuhalten ist. Der italienische Kinofilm Das große Fressen aus dem Jahr 1973 hat dem Verfall allegorisch ein Denkmal gesetzt.

Gula #6

Im Rahmen eines Wochenendgelages im Landhaus vermischen sich obszöne Fressorgie und intermittierende sexuelle Ausschweifungen. Initiatoren sind vier erfolgreiche Männer, deren Runde durch drei bestellte Prostituierte sowie die eher zufällig hinzukommende Andrea ergänzt wird. Zunächst entwickeln sich die Dinge wie nach einem herkömmlichen Drehbuch: Sex in unterschiedlichen Konstellationen sowie Speise und Trank vom Feinsten, aber vor allem reichlich. Als Folge wird gekotzt und das Klo ist im Dauerbetrieb. Den Prostituierten wird die Fresserei schließlich zu viel und eine nach der anderen verlässt die Runde. Übrig bleiben neben Andrea die vier lebensüberdrüssigen Kerle, die in der Folge auf unterschiedliche Weise zu Tode kommen. Marcello gibt vor, die Runde verlassen zu wollen, erfriert dann jedoch in der kalten Nacht am Steuer seines Bugatti, ohne den Wagen gestartet zu haben. Michel erliegt seinen Blähungen, er platzt geradezu innerlich. Ugo verendet beim Genuss einer riesigen Pastete und Philippe schließlich stirbt beim Anblick neu gelieferter Speisen in den Armen Andreas.

Eines der vorherrschenden Motive der Todessüchtigen ist die Langeweile. Beruflich erfolgreich und so saturiert, dass sich Glücksgefühle nur noch selten einstellen, bildet die Suche nach dem ultimativen Kitzel den Einstieg in den kollektiven Suizid durch Völlerei. Auch Andrea, von Beruf Lehrerin, schließt sich dem dekadenten Treiben an. Aber sie belässt es beim Ausleben ihrer sexuellen Phantasien, ohne sich vollständig der Agonie hinzugeben.

Teile des Publikums waren bei der Kinopremiere empört. Auslöser waren nicht so sehr die Exkremente oder die Kotzerei und schon gar nicht eine Empörung aufgrund der gezeigten sexuellen Ausschweifungen. Aber es gab eben keine positive Identifikationsfigur, mit der man sich durch den Ekel hätte retten können. Hinzu kam, dass als suizidales Hilfsmittel keine klassischen Drogen dienten, sondern eine übervolle Tafel, und das auch noch im Land der Feinschmecker. Und schließlich war da diese unendliche Langeweile, die einen empfindlichen Nerv des nicht selten ebenfalls nihilistischen Bürgertums traf. Die geplatzte Toilette und die herausgeschleuderten Exkrementen bildeten da nur noch den allegorischen Höhepunkt einer sinnentleerten Völlerei.

Die oben im Ausschnitt abgebildete Skulptur befindet sich im Bode-Museum, Berlin.

 

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