Die sieben Todsünden (28)

von Ulrich Metzmacher

Begibt man sich in der Literatur oder im Theater auf die Suche nach der Darstellung des Geizigen, kommt man an Molière kaum vorbei. Dessen berühmte Komödie wurde erstmals 1668 aufgeführt und gehört bis heute zum Standardrepertoire vieler Bühnen. Auch wenn die Handlung in einer uns fremd gewordenen Zeit spielt, sind die Charakterzüge Harpagons, der reichen und überaus geizigen Hauptfigur, in nahezu idealtypischer Form mit Wiedererkennungseffekt bis in die Gegenwart gezeichnet.

Avaritia #6

Neben der Angst, seine im Garten vergrabene Geldkassette könnte gefunden und gestohlen werden, macht sich Harpagon Tag und Nacht Gedanken um die Heiratswünsche der beiden Kinder. Schließlich kann eine Hochzeit teuer werden und obendrein droht die Last einer Mitgift für die Tochter. Am besten wäre es, wenn diese einen vermögenden Greis ehelichen würde, das spart Geld, und der Sohn statt der Auserwählten, für die sich Harpagon im Übrigen selbst interessiert, eine reiche Witwe heiratet. Allerlei Intrigen und Verwicklungen folgen, Harpagons Plan geht jedoch nicht auf. Der Sohn und seine Auserwählte finden zusammen. Auch die Tochter landet am Ende in den Armen des heimlich schon immer Geliebten. Vermischt wird die zweifache Paarungsstory mit einer wirren Geschichte um die gestohlene Geldkassette. Am Ende befindet sich diese zwar wieder im Besitz Harpagons, allerdings hat er es sich mit allen verdorben und bleibt einsam auf seinem Vermögen sitzen. Der Geiz Dagobert Ducks erscheint im Vergleich zu dem Harpagons fast schon liebenswert.

Molière hat das Stück mit hoher Dynamik und großem Sprachwitz angelegt. Einige ausgewählte Textstellen zeigen dies.

Hier die Klage des Sohnes im Gespräch mit der Schwester: Sag selbst, kann man sich etwas Grausameres denken als die harte Sparsamkeit, die man gegen uns ausübt, und die unerhörte Dürftigkeit, in der wir schmachten müssen? – Wozu hilft uns unser Vermögen, wenn es uns erst in einer Zeit zufällt, wo wir nicht mehr in den schönen Jahren sind, es genießen zu können? ... Lass uns ihm beide entfliehen und uns von der Tyrannei frei machen, in der sein unerträglicher Geiz uns schon so lange gekettet hält.

Nun ein Dialog zwischen dem Bediensteten La Fléche und Harpagon, der die Wahrheit partout nicht hören will: La Fléche: Ich sage: wenn doch der Teufel den Geiz und alle Geizhälse holte! Harpagon: Wen meinst du damit? La Fléche: Die Geizhälse. Harpagon: Und wer sind denn die Geizhälse? La Fléche: Die schmutzigen Knicker und schäbigen Filze. Harpagon: Aber auf wen geht das alles? La Fléche: Was kümmert das Euch? Harpagon: Ich kümmere mich um was mir gut dünkt. La Fléche: Glaubt ihr etwa, ich rede von Euch? Harpagon: Ich glaube was ich glaube, aber du sollst mir sagen, zu wem du das alles sprichst? La Fléche: Ich spreche … ich spreche mit meiner Mütze. Harpagon: Nimm dich in acht! oder ich werde mit deinen Ohren sprechen. La Fléche: Wollt Ihr mir wehren, die Geizhälse zu verwünschen? Harpagon: Nein; aber ich werde dir's wehren, unverschämtes Zeug zu schwatzen! Schweig!

Eine Anweisung Harpagons gegenüber seinen Dienern: Euch, Brind' avoine und Euch, La Merluche, euch übertrage ich das Amt, die Gläser zu schwenken, und bei Tisch einzuschenken, aber nur, wenn einer Durst hat, und nicht, wie so oft die impertinenten Schlingel von Lakaien es machen, die die Gäste ordentlich zum Trinken auffordern, und sie drauf bringen, wenn sie gar nicht daran dachten. Wartet immer, bis ihr zweimal gerufen seid, und vergesst mir nicht, gehörig Wasser dazu zu gießen. ... Wir werden unser acht oder zehn sein; rechnen wir aber nur acht. Wenn für acht zu essen ist, haben auch zehn genug. ... Wir müssen Gerichte nehmen, von denen man wenig isst, und die gleich satt machen; so etwa eine gute Schüssel recht fette weiße Bohnen, und dazu eine Topfpastete mit recht viel Kastanien darin.

Auch der Bedienstete Jacques bringt den Geiz Harpagons unumwunden zur Sprache: Von allen Seiten bekommen wir Sticheleien über Euren Geiz zu hören, und die Leute finden ihr Hauptvergnügen daran, Euch durchzuhecheln, um sich immer neue Geschichten von Eurer Knauserei zu erzählen. Der eine spricht, Ihr ließet aparte Kalender drucken, in denen die Quatember und die Fasttage doppelt ständen, damit Eure Dienstboten weniger zu essen bekämen; ein anderer behauptet, Ihr hättet zur Zeit des Gesindewechsels oder um Neujahr stets einen Streit mit ihnen parat, um Euch die Geschenke zu sparen. ... Kurz, wenn Ihr's denn wissen wollt, man kann sich nirgends blicken lassen, wo man Euch nicht heruntermachen hört. Ihr seid die Fabel und der Kinderspott der ganzen Stadt, und heißt bei den Leuten nicht anders als der Geizteufel, der Knicker, der Filz und der Pfandwucherer.

Abschließend Harpagon selbst beim vorübergehenden Verlust seiner Geldkassette: Ach, mein liebes Geld, mein liebes Geld, mein einziger Freund! Dich haben sie mir genommen, du bist mir entführt, und mit dir habe ich meinen Stab, meinen Trost, meine Freude verloren; es ist aus mit mir, und ich habe nichts mehr auf dieser Welt zu tun. Ohne dich kann ich nicht leben; ich bin hin, ich kann nicht mehr; ich sterbe, ich bin tot, ich bin begraben. Will mich denn niemand wieder aufwecken und mir mein liebes Geld wiedergeben, oder mir sagen wer's genommen hat?

Die oben im Ausschnitt abgebildete Skulptur befindet sich im Bode-Museum, Berlin. Die Textausschnitte gehen auf die Übersetzung von Wolf Heinrich Graf von Baudissin aus dem Jahr 1887 zurück.

 

Zurück