Die sieben Todsünden (27)

von Ulrich Metzmacher

Nicht selten wird Trägheit schöngeredet als passiver Widerstand gegen die Forderungen der Leistungsgesellschaft oder als Erscheinung feingeistiger Kontemplation. Aber es gibt eben auch jene nervende Antriebslosigkeit, der Iwan Gontscharow mit dem Roman Oblomow einst ein literarisches Denkmal gesetzt hat. In der Psychiatrie wurde seine Titelfigur gar zum Namensgeber eines Trägheitssyndroms. Dieses ist jedoch nicht unbedingt Ausdruck einer depressiven Erkrankung, sondern kann auch als Phänomen einer kulturell geformten Seelendispositionen verstanden werden.

Acedia #6

Ilja Iljitsch Oblomow, ein russischer Adliger des 19. Jahrhunderts, verbringt sein Leben weitgehend im Schlafrock und auf dem Diwan. Die ersten Seiten des Buches handeln gar überwiegend von morgendlichen Reflexionen, die zunächst noch Pläne für den Tag beinhalten, dann jedoch, wieder einmal, mit dem Verbleib im Bett enden. Charakter und Physiognomie Oblomows, so Gontscharow gleich zu Beginn des Romans, bilden eine Einheit:

Er war ein Mann von zwei- oder dreiunddreißig Jahren, von mittlerer Statur und angenehmem Äußern, mit dunkelgrauen Augen; aber seine Gesichtszüge zeigten einen Mangel an jeder bestimmten Idee und an jedem regen Interesse. Ein Gedanke flog wie ein freier Vogel über sein Gesicht, flatterte in den Augen umher, setzte sich auf die halbgeöffneten Lippen, versteckte sich in den Falten der Stirn, ging darauf ganz verloren, und dann verbreitete sich über sein ganzes Gesicht die warme, gleichmäßige Helle der Sorglosigkeit. Von dem Gesichte ging diese Sorglosigkeit auf die Haltung des ganzen Körpers über, sogar auf die Falten des Schlafrocks.

Oblomows Leben scheint geprägt von jener dekadenten Haltung des materiell abgesicherten Adligen, der sich das Nichtstun schlichtweg leisten kann und nicht viel zu seinem Lebensunterhalt tun muss. Intellektuell sensibel und von moralischen Standards geleitet, führt die Abwärtsspirale der sich selbst verstärkenden Trägheit jedoch immer tiefer in eine Scheu vor Verantwortung, die einer konsequenten Planverfolgung zu eigen gewesen wäre. Lieber nichts tun, als etwas für die Vermeidung des Scheiterns zu tun. Das hat zwar potentiell eine Unzufriedenheit mit sich selbst und der Welt zur Folge, aber mit guter Speise und Wein lässt sich diese Empfindung immer wieder aufs Neue, zumindest ein wenig und auch nur eine Zeit lang, betäuben. Nachhaltig ist dies jedoch nicht. Beziehungen scheitern, dann rächt sich auch materiell das faule Leben, schließlich führt die Bewegungslosigkeit zu Krankheiten und zum Schlaganfall. Die Lethargie und vordergründige Sinnlosigkeit seines Lebens finden im Tod Oblomows ihren Abschluss.

Natürlich lässt sich Gontscharows Roman gesellschaftskritisch deuten, und bezüglich der feudalen russischen Elite im 19. Jahrhundert gibt es hierfür auch gute Gründe. Die bis heute vorherrschende Wirkungsgeschichte nimmt jedoch psychogrammartig eher das Trägheitsmoment der Titelfigur ins Visier als die gesellschaftskritische Metabetrachtung der damaligen Zeit. In die Gegenwart gewendet, macht die Herstellung von Wechselbeziehungen zwischen individueller Trägheit und kulturell angebotenen Trägheitsmustern aber durchaus Sinn. Apathie, die zum Leben auf der Couch führt, und Willensschwäche, die aus vermeintlicher Perspektivlosigkeit resultiert, bilden auch heute die eine, in der Regel kritisch konnotierte, Seite. Andererseits gibt es eine Reihe positiver Projektionen, die, losgelöst von Oblomows feudalem Kontext, insgeheim das von ihm realisierte Ideal des leistungsverweigernden Müßiggängers wertschätzen.

Oblomows Leben schien zu Beginn standesgemäß vorgezeichnet. Beruf und Karriere waren prägende Motive, aber bald schon stellt sich Unbehagen ein beim Gerangel in der Konkurrenzgesellschaft mit ihren Zwängen und Heucheleien. Überdruss und Erschöpfung breiten sich aus, das Bedürfnis nach Rückzug wächst. Anders als beim modernen Menschen, dem heutzutage beständig Angebote zur Verfügung stehen, um der Müdigkeit zu entgehen, und der mit Sport, Unterhaltung und stimulierenden Substanzen seine Lebensaktivitäten optimiert, geht Oblomow den entgegengesetzten Weg und entzieht sich den Anforderungen. Das hat auch etwas Rührendes an sich und ähnlich wie beim Don Quijote ist man bei der Lektüre hin- und hergerissen zwischen dem Stöhnen über die Weltfremdheit der Helden und der sie umgebenden aufrechten Tragik. Denn beide erweisen sich als moralisch absolut integre Gestalten ohne Hinterhältigkeiten oder unlautere Absichten. Oblomow will keinem etwas Böses antun. Leben und leben lassen sind ihm wichtiger als ein pädagogischer Zeigefinger oder Weltverbesserungsmissionen. Und er empfindet Abscheu für Lügen und Ungerechtigkeiten.

Oblomow gleicht einem modernen Menschen, dem die mittelalterliche Angst vor der Acedia fremd geworden ist. Für frühere Mönche war Trägheit noch Teufelszeug gewesen und sie fürchteten wenig mehr als den Überdruss an der Einsamkeit oder die mittägliche Erschöpfung, wenn sich im Dämmerzustand allerlei unkontrollierbare Gedanken und Phantasien einstellten, denen mit scholastischer Logik oder Beten nicht beizukommen war. Mit der Aufklärung änderten sich die Umstände und die Begründungen für das Verbot solcher Trägheitsneigungen. An die Stelle von Gott und Teufel rückte die Vernunft als neue Herrscherin. Das tätige Leben, die aktive Gestaltung der Natur, das Carpe diem, die protestantische Ethik und allerlei moderne Aktivitätsimperative forderten von nun an den handlungswilligen Menschen. Wer dem nicht folgte und am Ende des Tages kein Ergebnis vorzuweisen hatte, erhielt im 19. Jahrhundert schnell das Label Neurasthenie aufgedrückt. Später kamen andere Bezeichnungen hinzu, die Diagnose Burn-out gehört zu den aktuellen Varianten. In Gestalt des Chillens steht zwar auch ein sozial zulässiges Untätigkeitsmuster zur Verfügung, aber mit der Vita contemplative im ursprünglichen Sinn hat dies nicht viel zu tun. Oblomows Schicksal regt deshalb auch heute noch zur Auseinandersetzung mit der alten Todsünde Trägheit an.

Die oben im Ausschnitt abgebildete Skulptur befindet sich im Bode-Museum, Berlin.

 

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