Die sieben Todsünden (26)

von Ulrich Metzmacher

Wer da zürnt, wo der Anlass und die Personen den Zorn rechtfertigen, wer in der rechten Weise, zur rechten Zeit und die rechte Zeitdauer hindurch zürnt, dessen Verhalten findet Billigung. ... Die Entscheidung darüber, auf welche Weise, welchen Personen, aus welchem Anlass, wie lange Zeit man zürnen soll, und wo die Grenze liegt zwischen dem richtigen und dem falschen Verhalten, lässt sich nicht leicht treffen. ... Soviel geht aus alledem mit Sicherheit hervor, dass die Charaktereigenschaft, die Mitte innezuhalten, diejenige ist, nach der man zu streben hat.  (Aristoteles)

Ira #6

Das rechte Maß zu finden, bestimmte schon die Geschichte von Daedalus und Icarus, die sich mit den Gefahren des Hochmuts befasste. Wer vom Mittelweg abweicht, läuft Gefahr zu scheitern. Ähnliches zeigt sich auch bei der Polarität zwischen dem gerechten und dem ungerechten Zorns. Aristoteles hat dies prägnant zusammengefasst. Mehr als zweitausend Jahre später hat Heinrich von Kleist in der Geschichte des Pferdehändlers Michael Kohlhaas das Thema aufgegriffen und beschrieben, wie sich aus einem legitimen, nachvollziehbaren Zorn eine verderbliche Tragik entwickeln kann, die zur tödlichen Wut wird.

Grundlage ist eine historische Begebenheit aus dem 16. Jahrhundert, in dem auch Kleist seine Erzählung ansiedelt. Auf dem Weg des Pferdehändlers zum Markt in Sachsen werden vom Feudaljunker Wenzel von Tronka mit willkürlicher Begründung zwei Rappen einbehalten, die Kohlhaas bei der Abholung einiger Zeit später völlig abgemagert und entkräftet vorfindet, da sie zwischenzeitlich zur harten Feldarbeit eingesetzt worden waren. Eine juristische Klage gegen das Unrecht scheitert. Der nachvollziehbare Zorn wandelt sich in der Folgezeit in wilde Wut. Kohlhaas tötet mit einem Trupp Aufsässiger alle Bewohner der Burg Tronkas und wütet auch in der Stadt Wittenberg. Nach einem von Martin Luther beim sächsischen Kurfürsten erwirkten freien Geleit erhält Kohlhaas aufgrund des erlittenen Unrechts hinsichtlich seiner Pferde gleichwohl die Möglichkeit, die Klage erneut vor Gericht zu bringen. In Dresden unter Hausarrest gestellt, ergibt sich eine Möglichkeit zur Flucht. Diese misslingt, Kohlhaas wird verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Nun kommt die große Politik ins Spiel. Der brandenburgische Kurfürst stellt sich gegen Sachsen und auf die Seite von Kohlhaas. Tronka wird zum Schadenersatz verurteilt, Kohlhaas selbst erhält jedoch wegen Aufruhrs die Todesstrafe. Vor der Hinrichtung bietet sich eine letzte Gelegenheit zur Rache, denn Kohlhaas verfügte, so wird gesagt, über ein besonderes Wissen hinsichtlich der Zukunft des Kürfürstentums Sachsen. Das Schriftstück mit der Prophezeiung zu dessen Ende wird vom Todgeweidten kurz vor der Hinrichtung in den Mund gesteckt und verschluckt. Der sächsische Kurfürst verbleibt in der Unsicherheit hinsichtlich des Zeitpunktes des eigenen Unterganges und bricht ohnmächtig, machtlos gegenüber diesem letzten Akt der Revolte zusammen.

Der Wandlungsprozess vom gerechten Zorn zur tödlichen Wut ist nur eines der Themen in Kleists Geschichte. Hinzu kommen der Konflikt mit dem feudalen Herrschaftssystem, die Selbstjustiz als Antwort auf institutionalisierte Ungerechtigkeiten sowie die Frage des staatlichen Gewaltmonopols in der Transformationsphase vom Mittelalter zur bürgerlichen Zivilgesellschaft. Heinrich von Kleist schreibt das Werk in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts, also nach der Französischen Revolution, aber noch vor den bürgerlichen Freiheitsbewegungen in Deutschland. Das Stück ist deshalb als politische Botschaft zu verstehen. Die Verkürzung auf eine Psychologie des Zorns wäre deshalb eine Fehlinterpretation. Eher sind es die Gerechtigkeitsfragen, die sich mit den Taten der handelnden Akteure verbinden. Tronka ist im Unrecht, Kohlhaas erlebt seinen Zorn zu Recht. Der Widerstand gegen die feudale Herrschaft und ihr Rechtssystem steigert sich zur Revolte, die zunächst freiheitlich gesonnene Anhänger findet, dann jedoch zur wütenden Gewaltorgie und so zum Unrecht wird. Kohlhaas akzeptiert deshalb die Todesstrafe und erkennt das staatliche Gewaltmonopol, da es auf einem gerechten Verfahren beruht, an.

 

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