Die sieben Todsünden (25)

von Ulrich Metzmacher

Ähnlich wie bei den griechischen Dramen der Antike waren auch für Shakespeare die menschlichen Leidenschaften und Laster ein zentrales Thema. Nicht selten machte er sich in Komödienform über die kleinen und größeren Nicklichkeiten des Zusammenlebens lustig, bestimmte Konflikte und Intrigen jedoch forderten das Format der Tragödie. Neben Hamlet, King Lear und Macbeth ist dies nicht zuletzt beim Othello der Fall, dem klassischen Lehrstücke zum Thema Neid und Eifersucht.

Invidia #6

Auf der Theaterbühne beansprucht die titelgebende Rolle in der Regel die stärkste Präsenz. Die übrigen Figuren dienen mit einem deutlich geringeren Sprechanteil meist eher der Nuancierung der Hauptperson. Nicht so beim Othello. Mindestens gleichwertig zur Titelrolle, wenn nicht gar spielentscheidend, stellt sich Jago dar, der Intrigant und Treiber der Handlung. Den Höhepunkt des Dramas bilden zwar die Ermordung Desdemonas durch Othello und dessen anschließender Freitod, die vorangegangenen Bosheiten Jagos geben dem Stück jedoch die eigentliche Prägung. Es ist eine Geschichte von verletzter Eitelkeit, Neid und Eifersucht.

Der Soldat Jago ist verärgert, weil er vom Heerführer Othello bei einer Beförderung zugunsten Cassios übergangen wurde, und sinnt auf Rache. Dem reichen venezianischen Geschäftsmann Brabantio lässt er deshalb einreden, dessen Tochter Desdemona habe ein heimliches, unehrenhaftes Verhältnis mit Othello. Brabantio sucht nach Wegen, diesen dafür ins Gefängnis werfen zu lassen. Währenddessen treibt Jago ein doppeltes Spiel, indem er Othello scheinheilig vor dem hinterlistigen Brabantio warnt, der ihm Schaden zufügen wolle. Brabantio wendet sich an den Senat der Stadt. Dieser will jedoch aufgrund des bevorstehenden Angriffs einer feindlichen Flotte nicht vom erfolgreichen Feldherrn Othello abrücken und stellt die Staatsraison über die persönliche Fehde. Hinzu kommt, dass Desdemona als Zeugin geladen wird und zur Überraschung aller die heimlich geschlossene Verlobung mit Othello bestätigt. Jagos Intrige ist damit im ersten Anlauf gescheitert und seine Rachegelüste haben keine Befriedigung gefunden.

Die Kriegsschlacht bleibt aus, da die feindliche Flotte im Sturm zerstört wird. Othello ist weiterhin bewunderter Feldherr und wird vom Volk verehrt. Cassio preist in einer Feier überschwänglich auch Desdemona. Jago verbreitet daraufhin das Gerücht, Cassio sei verliebt in die Braut des Heerführers und verleitet ihn zum Genuss von Wein, den er nicht verträgt. Im betrunkenen Zustand wird Cassio seinen Dienstpflichten nicht gerecht und Othello degradiert ihn. Aber das genügt Jago nicht. In einem weiteren Doppelspiel schlägt er nun Cassio vor, Desdemona zu bitten, bei Othello ein gutes Wort für ihn, Cassio, einzulegen. Sie sagt dies zu. Othello reagiert ungehalten und deutet die Bitte aufgrund der von Jago gestreuten Gerüchte als Beweis für eine heimliche Liebschaft Desdemonas mit Cassio. Sein eifersüchtiger Zorn steigert sich zur Gewalt, die Desdemona schließlich das Leben kostet. Othello begreift erst danach, dass er einer Intrige zum Opfer gefallen ist, und nimmt auch sich selbst das Leben.

Shakespeares Stück lebt von verletzten Eitelkeiten, Neid und Eifersucht. Jeder gegen jeden, so könnte man die Intrigen zusammenfassen. Der auf- und abgeklärte Gegenwartsmensch hat mit solchen Dingen natürlich nichts mehr zu tun. Oder vielleicht doch? In der Managementlehre etwa handelt es sich beim Othello-Syndrom um ein bekanntes Phänomen. Vorgesetzte mit mangelndem Selbstvertrauen neigen nicht selten zu Eifersüchteleien, die für die Mitarbeitenden zur Qual werden. Die Angst, dass die eigene Position von Konkurrenten bedroht werden könnte oder Nachgeordnete über bessere Fachkenntnisse verfügen, löst destruktive Reaktionen aus. Vermeintliche Nebenbuhler werden aus Versehen nicht über Sitzungstermine informiert, es werden Gerüchte über charakterliche Unzulänglichkeiten in Umlauf gebracht oder Kollegen werden mit überkritischen Augen betrachtet, um jeden kleinsten Fehler aktenkundig zu machen. Die Folgen von Neid und Eifersucht zählen in nahezu jeder Organisation zu prägenden Elementen der informellen Struktur.

 

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