Die sieben Todsünden (24)

von Ulrich Metzmacher

Beim Hochmut wie auch bei Neid, Zorn, Trägheit, Geiz, Völlerei und Wollust handelt es sich um Dinge, mit denen sich die Menschen zu allen Zeiten konfrontiert sahen. Das christliche Register der sieben Todsünden bildet deshalb nur eines der Konzepte zum Umgang mit ihnen. Auch in anderen Religionen, Mythologien und kulturellen Deutungssystemen fand eine vergleichbare Auseinandersetzung statt. Die Kunst und die Literatur von der Antike bis in die Moderne spiegeln dies wider. So zählte der menschliche Hochmut und seine Folgen bereits zu den zentralen Themen der griechischen Tragödie. Wer der Hybris verfällt, muss zwangsläufig scheitern.

Superbia #6

Der fliegende Mensch, der sich den Kräften der Erde entzieht, geht stets an die Grenzen. Schnell werden diese überschritten, sei es aus Übermut, aus dem im Sekundenbruchteil Hochmut wird, sei es, weil er die ihm auferlegten physikalischen Beschränkungen für einen Moment vergessen hat oder weil, so muss man heute hinzufügen, irgendein Computer fehlerhaft programmiert war. Ein aufgeblasenes Bewusstsein, man schwebe über den Dingen und alles werde gelingen, bedarf schlimmstenfalls, so der Kern der griechischen Tragödie, einer Katastrophe, um auf den Boden der Tatsachen zurück zu kommen.

Dem im Labyrinth des Minotaurus auf Kreta in Verbannung lebenden Daedalus und seinem Sohn Icarus erschien, so Ovids Geschichte, als einziger Fluchtweg die Luft. Der Betrachtung und Analyse des Vogelflugs folgt eine Flügelkonstruktion aus Federn, die mit Schnüren und Wachs zusammengehalten wird. Daedalus zeigt sich hier als früher Forscher, der aus Empirie und einigen theoretischen Annahmen zur Praxis gelangt. Der kleine Icarus hingegen kann noch gar nicht verstehen, auf welches Abenteuer die Experimente des Vaters hinauslaufen, und spielt, während dieser am Werkeln ist, unbekümmert mit den Flaumenfedern und dem heißen Wachs. Als die Konstruktion fertig ist, zwängt sich Daedalus hinein und instruiert Icarus, es ihm gleich zu tun. Es folgt die Ermahnung, nach dem Start, dem Vater folgend, eine mittlere Flugbahn zu wählen, um zum einen dem aufgepeitschten Wasser des Meeres zu entgehen, das die Flügel beschweren würde, andererseits nicht zu hoch zu fliegen, um nicht vom Feuer der Sonne versengt zu werden. Die Flugversuche machen schnell Fortschritte, bald sind die ersten Inseln jenseits Kretas zu erblicken. Nun wird der Junge übermütig und er beginnt, eine eigene Flugbahn, entfernt vom Vater, zu wählen. Toll, wie das alles klappt, frei wie ein Vogel! Die weitere Geschichte ist bekannt. Icarus fliegt zu hoch, die Hitze der Sonne lässt das Wachs schmelzen, die Federn lösen sich und es folgt der Absturz ins Meer. Icarus ertrinkt. Daedalus wird fortan seinen Forscherdrang verfluchen, der zu der Fiktion geführt hatte, wie ein Vogel fliegen zu können.

Die Moral der Geschichte liegt darin, dass es nicht Icarus ist, dessen Hochmut zur Katastrophe geführt hat. Er war noch Kind und konnte die Konsequenzen seiner Handlungen nicht übersehen. Die eigentliche tragische Gestalt ist Daedalus, der auf phantastische Weise Neues schafft, dabei jedoch in seiner Egozentrik vernachlässigt, dass der Sohn noch nicht in gleicher Weise in der Lage ist, das richtige Maß zu erkennen und einzuhalten.

Die Fabel dient als Lehrstück für eine ausgeglichene Lebensgestaltung, die sich, so die antike Vorstellung, an den Gesetzen der Götter auszurichten habe. Geht das Gleichgewicht verloren, im übertragenen Sinne: das Gleichgewicht der ethisch richtigen Lebensführung, droht der Sturz in den Abgrund. Daedalus hatte es versäumt, seiner Erzieherfunktion verantwortungsvoll nachzukommen. Stattdessen wurde die eigene Sichtweise unreflektiert verallgemeinert und der eigene Erfahrungsstand auf den Sohn übertragen. Letztlich trifft ihn die Schuld an seinem Tod. Der eitle Forscher- und Erfinderdrang war einfach zu mächtig gewesen. Demut und Verzicht auf Überheblichkeit, so Ovids Fazit, seien deshalb als ein fester Bestandteil der alltäglichen Lebensführung anzustreben. Die Reue hinsichtlich des hochmütigen Versagens kam in diesem Fall zu spät.

 

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