Die sieben Todsünden (23) - Eine Rotation

von Ulrich Metzmacher

Der Versuch, den Gehalt und den Wert des altkirchlichen Konzeptes der sieben Todsünden als potentielles Element einer zeitgemäßen Ethik zu prüfen, erweist sich mehr und mehr als problematisch. Die Loslösung des Sündenkatalogs aus dem ursprünglichen religiösen Kontext und seine gedankliche Übertragung ins Säkulare ist dabei noch die leichteste Übung, auch wenn sich dabei kein einheitliches Bild ergibt. Da zeigt sich eine große Bandbreite, von der Akzeptanz bis zur vollständigen Ablehnung.

Konzept in Bewegung

Schwierig wird es auch bei der Sprache. Werden die alten Begrifflichkeiten nicht modern übersetzt, lösen sie allein aufgrund ihres mitunter verstaubt erscheinenden Klanges Abwehrhaltungen aus. Worte wie Wollust, Völlerei und vielleicht auch Hochmut wirken wie aus einer fernen Zeit. Neid, Zorn und Geiz hingegen sind auch heute vertraut und haben sprachlich überlebt. Und dennoch, die Frage ihrer Relevanz als mögliche Bausteine einer zeitgemäßen Ethik ist nur schwer zu beantworten. Ein Grund hierfür liegt auch in der Bedeutungsverschiebung ehemaliger Sünden, die im Laufe der Zeit zu dynamischen Antreibern der modernen Konsumgesellschaft mutiert und nun in sprachlich modifizierter Form nicht selten positiv konnotiert sind. Ohne das Habenwollen und Geltenwollen zum Beispiel entfielen wichtige Motoren der umsatzorientierten Warenwirtschaft.

Die folgende Annäherung an die Thematik stellt den traditionellen Sündenbegriffen die entsprechenden Tugenden gegenüber. Dabei werden auch hier zunächst sprachliche Formen gewählt, die in etwa denen der sieben Sünden entsprechen.

Superbia #5

Dem Hochmut steht die Demut gegenüber, ein Begriff, der hinsichtlich einer Reihe existenzieller Grundfragen des Lebens auch im Rahmen einer Sozialethik verwendbar erscheint. Gleichwohl, Hochmut, verstanden als Eitelkeit oder Geltenwollen, bildet für die Dynamik moderner Konkurrenzgesellschaften einen mächtigen Antrieb. Eine eindeutig negative Konnotation des mit dem Begriff Hochmut Verbundenen ist nicht mehr festzustellen. Demut erscheint vielen nicht unbedingt attraktiv.

Invidia #5

Zum Neid gehört als Gegensatz das Wohlwollen. Eine freundliche, auch empathische Grundhaltung wäre als ethische Kategorie für viele wahrscheinlich zustimmungsfähig. Auch hier gilt jedoch: Das Habenwollen als Folge von Neid bildet ein wichtiges Motiv für das Verhalten im Konsummarkt. Neid wird nicht unbedingt als negativ betrachtet und Wohlwollen im Kampf um eigene Vorteile von manchen gar als Schwäche ausgelegt.

Ira #5

Der Sünde Zorn steht die Tugend Geduld gegenüber. So wie es allerdings auch einen verständlichen Zorn gibt, der auf Ungerechtigkeiten reagiert, gibt es umgekehrt eine Eselsgeduld, der nicht viel Positives abzugewinnen ist. Als Grundhaltung dürfte es sich bei der vernünftigen Geduld dennoch wie bei der Demut und dem Wohlwollen um eine im Prinzip akzeptierte Tugend handeln. Dass die Praxis, etwa im Straßenverkehr oder bei den kleinen Aggressionen im Alltag, eine andere ist, wissen wir. Geduld ist oftmals die Ausnahme.

Acedia #5

Als Alternative zur Trägheit wird häufig Fleiß genannt. Hier wird es schwieriger. Einerseits war schon die nicht ganz einfache Abgrenzung der Trägheit etwa zur Depression oder zur Kontemplation Thema mehrerer Blogbeiträge. Die Übersetzung von Acedia mit Trägheit des Herzens im Sinne von Empathielosigkeit überzeugte aber auch nicht vollständig. Die Übertragung des Verbots sündhafter Trägheit in eine säkulare Ethik stößt jedenfalls auf zahlreiche Hürden. Darüber hinaus erscheint Fleiß als Kontrastbegriff nicht wirklich passend. Unter dem Strich ist Acedia eine so komplexe Kategorie, dass man sie im Rahmen kurzer Beiträge wohl nicht angemessen erfassen kann.

Avaritia #5

Dem Geiz steht, so wird häufig gesagt, die Mildtätigkeit gegenüber. Auf den ersten Blick erscheint der Ausdruck recht altbacken und könnte dazu verleiten, als Gegenbegriff zum Geiz eher die Großzügigkeit zu nennen. Bei näherer Betrachtung kommen daran jedoch Zweifel auf. Als ethische Norm erscheint weniger eine indifferente Großzügigkeit sinnvoll, die nicht selten dem Konsum oder der Statusgewinnung dient, sondern eher die altruistische Unterstützung gemeinnütziger Zwecke oder das soziale Engagement. Der alte Begriff der Mildtätigkeit fasst das, so gesehen, als Kontrast zum Geiz eigentlich recht gut zusammen.

Gula #5

Das Gegenstück zur Völlerei bildet die Mäßigung. Auch hier bleibt es schwierig, da, wie schon beim Hochmut, dem Neid und dem Geiz, die Völlerei im erweiterten Wortsinn einen starken Motor der modernen Konsumgesellschaft darstellt. Appelle an die Bescheidenheit sind schnell weltfremd. Gleichwohl weisen viele gesellschaftskritische Überlegungen darauf hin, dass die Zukunft nicht ohne eine Berücksichtigung von Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit gestaltet werden kann. Mäßigung könnte sich da als eine geeignete Norm herausstellen.

Luxuria #5

Den Gegensatz zur Wollust stellt in der Begriffswelt traditioneller Tugenden die Keuschheit dar. Schnell wird hier deutlich, warum sich die katholische Kirche mit kaum einem Thema so schwer tut wie mit der Sexualität, denn Keuschheit bildet auch heute noch eine verbindliche Norm für Priester und, bei enger Auslegung der katholischen Morallehre, für alle diejenigen, die nicht mit dem Segen der Kirche als gegengeschlechtliches Paar verheiratet sind. Die Entfernung von der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist unübersehbar. Die Regeln haben mit der Lebenspraxis selbst der Gläubigen in den Industriegesellschaften kaum mehr etwas zu tun. Und der Diversität sexueller Orientierungen wird sie überhaupt nicht gerecht.

Wollust als Sünde und Keuschheit als Tugend sind für eine säkulare Sozialethik unbrauchbar. Dies bedeutet jedoch noch lange nicht, dass es keine Ansatzpunkte dafür gibt, bestimmte Erscheinungsformen konsumerabel gemachter Sexualität kritisch zu betrachten und einer ethischen Reflexion zu unterziehen. Der Todsündendiskurs hilft da aber nicht weiter.

 

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