Die sieben Todsünden (22)

von Ulrich Metzmacher

Nun noch einmal zur Wollust. Das Verbotene reizt bekanntlich in besonderer Weise. Es ist deshalb Vorsicht angebracht, wenn man die warnenden Hinweise auf die böse Existenz des Nichterlaubten für bare Münze nimmt. Wer akribisch dem Verbotenen nachforscht, bis endlich seine Spuren entdeckt sind, um dann mit Empörung zu reagieren, ist nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit selbst fasziniert von den aufgedeckten Abgründen.

Luxuria #4

Der Jäger findet sich im Spiegel seiner eigenen Traumphantasien, muss sich diese jedoch nicht eingestehen und bestraft stattdessen andere. Der Diskurs zur Wollust als Ausdruck für sexuelle Aktivitäten jenseits des gesellschaftlich Erlaubten zeigt dies in besonderer Weise. So wie der Pornografiejäger früherer Zeiten nichts sehnlicher wünschte, als endlich auf Spuren des Verbotenen zu stoßen, liegt auch beim kirchlichen Wollustverbot der Ambivalenzverdacht nahe. Insbesondere diejenigen, die sich dem Keuschheitsgebot unterworfen haben, stehen unter dem Druck, mit den eigenen teuflischen Trieben irgendwie umgehen zu müssen. Meditieren und kalte Duschen helfen da nicht immer. Auswege, wenn auch höchst problematische, bieten die, offenbar nicht seltene, Doppelmoral, die heimlich das geschehen lässt, was es offiziell nicht geben darf, oder der mitunter gar als Zuwendung getarnte kriminelle Missbrauch Schutzbefohlener, insbesondere jedoch eine projektive Form der Verarbeitung, die bei anderen genau das anprangert, was man selbst gerne hätte, ohne wirklich zur Tat zu schreiten.

Jenseits der Heuchelperspektive gibt es weitere Erkenntnisse, die es zu berücksichtigen gilt. Jede Gesellschaft, ob Stammeskultur oder komplexes System, fordert von ihren Mitgliedern die Einhaltung bestimmter Regeln, auch hinsichtlich der sexuellen Aktivitäten. Die Normen weisen eine große Brandbreite auf, mal ist mehr erlaubt, mal weniger. Gleichwohl, die Konfrontation mit dem Nichterlaubten ist nicht nur eine Herausforderung für den Einzelnen, sondern führte über Jahrhunderte hinweg auch zur Anwendung von Sanktionen. Diese basierten auf einem Strafsystem von der sozialen Ächtung bis zum Gefängnis oder gar dem Scheiterhaufen. Individuell waren gleichwohl stets auch Wege im Angebot, die nach außen zwar die Konvention wahrten und somit den Sanktionen entgingen, unter der Bettdecke jedoch dem Begehrten einen heimlichen Raum zur Entfaltung gaben. Wollust als eine der mittelalterlichen Todsünden ist somit eine Verbotsnorm, die dazu anstachelt, die Konzentration auf das Sexuelle zu richten und es damit noch interessanter zu machen, als es ohnehin ist. Die Folge waren Strafandrohungen und Projektionen. Darüber hinaus forderten wollüstige Impulse zur Auseinandersetzung mit dem potentiellen Widerspruch zwischen individuellen Bedürfnissen und sozialen Regulierungsmechanismen.

Das musste früher nicht von Übel sein und muss es auch heute nicht. Die moderne Entwicklungspsychologie hat gezeigt, dass der bewusste und reflektierte Verstoß gegen die Tabunormen der Gesellschaft sogar eine Voraussetzung für die Entwicklung Ich-starker Persönlichkeiten darstellen kann. Man/frau muss sich halt durchwurschteln mit den eigenen Bedürfnissen und dem Konflikt hinsichtlich der hier und dort abweichenden Erwartungen der Umgebung. Wem dies gelingt, der wächst daran.

Wir fühlen uns in der Moderne zwar schnell von den alten Konventionen befreit, verkennen dabei jedoch, dass bestimmte Verbote inzwischen soweit internalisiert sind, dass wir sie gar nicht mehr als solche empfinden. Nehmen wir als Gedankenübung einen fiktiv gedachten mittelalterlichen Nacktbadestrand. Ein solcher Ort wäre wahrscheinlich Auslöser für mancherlei wollüstige Phantasien und auch Handlungen gewesen. Ob geschlechtsspezifisch gleich verteilt oder nicht, sei dahingestellt. Und heute? Wir haben es, viel stärker als in früheren Zeiten, gelernt, unsere Triebbedürfnisse zu beherrschen. Visuelle sexuelle Stimuli bleiben in der Regel folgenlos. Wir verhalten uns wesentlich kontrollierter als die mittelalterlichen Vorfahren. Das gilt im Übrigen nicht nur für das häufig negativ konnotierte Bürgertum und dessen, wie meist unterstellt wird, rigide Lebensweise und Moral.

Zahlreiche Bilder in den Museen aus der Zeit des Spätmittelalters bis zur Renaissance beinhalten direkt oder indirekt Hinweise auf die sieben Todsünden. Entweder geht es um deren Darstellung und Folgen oder um die sich aus ihnen ergebenden Höllenqualen. Bei dem hier gezeigten Bild handelt es sich um die verfremdete Fotografie des Details eines Werkes aus der Gemäldegalerie Berlin.

 

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