Die sieben Todsünden (21)

von Ulrich Metzmacher

Völlerei macht gedankenlos und stumpfsinnig, so lässt sich der Kern des mittelalterlichen Sündenverdikts knapp zusammenfassen. Wer in Saus und Braus lebt, hat jegliche Demut abgelegt. Alles wird als selbstverständlich empfunden, auch die Gaben der Natur. Missernten und Hungersnöte konnte jedoch nur diejenigen ignorieren, die im oberen Bereich der gesellschaftlichen Machtpyramide lebten. Existenzielle Armut stellte für sie ein entferntes Phänomen dar. Wer im Mittelalter, ohne arm zu sein, bescheiden lebte, tat dies freiwillig.

Gula #4

Der anklagende Zeigefinger der Kirche weist auch bei dieser Todsünde, wie schon beim Geiz, auf eine gewisse innere Spannung hin. Die Strafandrohung unterschied formal nicht zwischen den Stellungen in der gesellschaftlichen Hierarchie und wandte sich somit erst einmal an jeden. Die Gelegenheit, überhaupt der Völlerei zu verfallen, war über viele Jahrhunderte jedoch praktisch nur wenigen gegeben, und diese waren nicht zuletzt Angehörige des Klerus selbst. Berichte über gefräßige Mönche und Bischöfe, die es sich an reichlich gedeckten Tafeln gut gehen ließen, haben bis zur Reformation das Bild einer Kirche gezeichnet, die reichlich mit Bigotterie und Heuchelei zu tun hatte. Luthers Aufstand gegen das klerikale Establishment ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen.

Nun war Luther erklärtermaßen kein Anhänger einer asketischen, freudlosen Lebensweise. Auch zu Speise und Trank fühlte er sich durchaus hingezogen. Aber nach allem, was wir über seinen und Katharina von Boras Alltag im Wittenberger Haushalt wissen, war dieser zwar durch große Gastfreundschaft ausgezeichnet und man traf sich regelmäßig im größeren Kreis an der Tafel. Mit Ausschweifung und Völlerei hatte die Geselligkeit aber wenig zu tun. Und dennoch, die Haltung der Kirche, auch der neuen protestantischen, blieb gegenüber der ehemaligen Todsünde Völlerei ambivalent. Durfte man/frau sich nun den Freuden des Genusses ohne Reue hingeben? Oder nicht?

Die gefundene Kompromissformel setzte insbesondere auf den Begriff der Mäßigung. Völlerei an sich konnte auf diese Weise weiterhin als eitel und demutsfern gebrandmarkt werden. Andererseits wurde das Streben nach gutem Essen und Genuss akzeptiert, wenn es stilvoll im Rahmen begrenzender Konventionen stattfand. Das Große Fressen, ob nun bei Hofe, im Bischofspalast oder als filmische Dekadenzaufführung, gehörte deshalb nicht zum offiziell Erlaubten. Aber es war eine Gratwanderung und manche Unklarheiten blieben bestehen. Dass eine Reihe französischer Spitzenköche vor einigen Jahren einen Vorstoß gegenüber der katholischen Kirche unternahm, die Völlerei offiziell als Todsünde zu streichen oder wenigstens durch die enger gefasste Sünde der Gefräßigkeit zu ersetzen, war deshalb nur logisch. Die Initiative blieb allerdings erfolglos.

Die Unterscheidung zwischen dem Feinschmecker und dem gefräßigen Hedonisten ist eine kritische Angelegenheit. Die Kultur der Gegenwart neigt allerdings stark dazu, die Grenzen wieder schärfer zu ziehen und die Völlerei als Charakterschwäche und letztlich sündhaft zu bewerten. Mit religiöser Gesinnung hat das freilich kaum etwas zu tun. Diätprogramme und Schlankheitswahn werden nicht als Verzichts- und Demutsübung verstanden, sondern gänzlich ohne transzendentalen Hintergrund aus den Idealen permanenter Fitness und altersloser Schönheit abgeleitet. Die Schuldkomplexe der Sündigen mögen heute allerdings als ähnlich belastend empfunden werden wie in früheren Jahrhunderten beim Verstoß gegen das religiös begründete Völlereiverbot. Einiges spricht sogar dafür, dass im Vergleich zum heutigen Schlankheitswahn die altehrwürdige Doppelmoral entlastender gewirkt hat. Man ging zur Beichte und setzte sich anschließend wieder zu Tisch. Die säkulare Gegenwartskultur ist da viel gnadenloser. Wer etwas werden will, muss in der Regel den Anforderungen entsprechen und sündenfrei erscheinen. Zumindest was die körperlich sichtbaren Folgen der Völlerei anbelangt. Schlanksein ist Pflicht. Die alte Todsünde wirkt fort, wenn auch in anderer Erscheinungsform und mit anderen Konsequenzen.

Zahlreiche Bilder in den Museen aus der Zeit des Spätmittelalters bis zur Renaissance beinhalten direkt oder indirekt Hinweise auf die sieben Todsünden. Entweder geht es um deren Darstellung und Folgen oder um die sich aus ihnen ergebenden Höllenqualen. Bei dem hier gezeigten Bild handelt es sich um die verfremdete Fotografie des Details eines Werkes aus der Gemäldegalerie Berlin.

 

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