Die sieben Todsünden (20)

von Ulrich Metzmacher

Es kann nicht verwundern, dass die mittelalterliche Kirche den Geiz auf die Liste der Todsünden gesetzt hat. Geizige Menschen gelten als knickrig, und da die päpstlichen Geldeintreiber nun einmal allzu gerne nahmen, konnte eine Motivation zum Geben nicht schaden. Der Handel mit Ablassbriefen funktionierte bis in Luthers Zeiten aber nur, weil erstens das höllische Drohkonzept jede sündhafte Tat anschließend zum inneren Alptraum werden ließ und zweitens das Verbot des Geizes alle Bedenken hinsichtlich der befreienden Gaben an den Klerus vom Tisch wischte.

Avaritia #4

Die Schwestern des Geizes heißen Habsucht und Raffgier. Und hier wird die Sache spannend. Denn während die päpstliche Kirche aus eigenem Interesse den Geiz verdammte und auch selbst nicht sparsam blieb bei den Investitionen in prunkvolle Bauten sowie der Finanzierung der Lebensweise ihrer hohen Würdenträger, entwickelte sich mehr und mehr ein autonomer Mechanismus, der die Anhäufung von Reichtümern zum Selbstzweck werden ließ. Die Renaissance ist voller Beispiele hierfür. Zwar sind gerade in dieser Zeit grandiose Kunstwerke entstanden, die uns bis heute faszinieren, aber eben auch Schatzkammern, Bankkonten und ein immenser Immobilienbesitz, was ohne die institutionalisierte Angstmacherei und klerikale Scheinheiligkeit undenkbar gewesen wäre.

Einige katholische Orden hatten schon lange vor Luther das Problematische dieser Heuchelei erkannt und einen Weg des bewussten Verzichts gewählt, aber erst mit der Reformation wurden die Frage nach dem Gehalt des christlichen Sündenkonzeptes noch einmal grundsätzlich neu gestellt, der Ablasshandel als Mumpitz entlarvt und die Scheinheiligkeit einer Reihe katholischer Priester rigoros und mit drastischen Worten an den Pranger gestellt. Und heute? Nun ja, ein bekannt gewordener Limburger Protzbischof hat die, offenbar keineswegs überwundene, mentale Haltung klerikaler Raffgier vor wenigen Jahren noch einmal in einer karnevalesken Version neu vorgeführt. Das war schon recht lustig.

Zahlreiche Bilder in den Museen aus der Zeit des Spätmittelalters bis zur Renaissance beinhalten direkt oder indirekt Hinweise auf die sieben Todsünden. Entweder geht es um deren Darstellung und Folgen oder um die sich aus ihnen ergebenden Höllenqualen. Bei dem hier gezeigten Bild handelt es sich um die verfremdete Fotografie des Details eines Werkes aus der Gemäldegalerie Berlin.

 

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