Die sieben Todsünden (17)

von Ulrich Metzmacher

Das weltliche Kapitel der christlichen Mythologie beginnt nach der Schöpfung mit Kain, dem ersten Sohn Adam und Evas, der den jüngeren Bruder Abel erschlug. Dieser Urmord des Menschengeschlechts war, so die erzählte Geschichte, Folge des Neides als primärer Sünde nach dem Paradies. Als quälende Leidenschaft, die zum Äußersten führen kann, nahm er fortan in der Hierarchie der schweren Laster einen hohen Rang ein.

Invidia #4

Kains Neid bildet, folgt man der alttestamentarischen Logik, ein Grundübel, das an alle nachfolgenden Generationen weitergegeben wurde. Natürlich handelt es sich hierbei um Mythologie. Das muss nicht näher ausgeführt werden, so wie überhaupt alle Geschichten des Alten Testaments Bilder beschreiben, die in frühen Zeiten zur Deutung der Welt erdacht wurden. Dies ändert nichts an der Tatsache, dass es sich beim Neid auch aus säkularer Sicht um eine der Grundkonstanten sozialer Beziehungsmuster zu handeln scheint. Selbst Völkerkundler haben nur in ganz wenigen, archaisch lebenden Stammeskulturen Hinweise darauf gefunden, dass es eine vollkommene Abwesenheit von Neid geben könnte. Die Gegenwartskultur der Moderne gehört jedenfalls, das darf behauptet werden, nicht dazu.

Beim Neid handelt es sich um einen der wirkungsvollsten Antreiber der Konsumökonomie. Das zu haben, was auch der Nachbar besitzt, so auszusehen wie das angesagte Supermodel, sich so darstellen zu können wie der coole Talkshowgast, alles dies sind Erscheinungen eines domestizierten Neidimpulses, der kompatibel ist zur vorherrschenden Mehrheitskultur. Nur in wenigen, dann meist extremen Fällen, werden neidische Attitüden mit Argwohn betrachtet oder negativ konnotiert. Wer aus Neid zu fies wird, wer zu unlauteren Mitteln der Bedürfnisbefriedigung greift oder wer zu arrogant und egozentrisch wirkt, muss damit rechnen, als unangenehmer Zeitgenosse klassifiziert zu werden. Naheliegend dabei dennoch der Verdacht, hinter der moralischen Empörung könnten sich eigene neidvolle Impulse verbergen, die insgeheim die fremde Frechheit bewundern, oder negative Projektionen, nach der man/frau genau das an anderen ablehnt, was einem selbst als impulsive, aber sozial nicht erwünschte Neigung durchaus vertraut ist. Bei der Eifersucht handelt es sich im Übrigen um eine Unterkategorie der Invidia.

Zahlreiche Bilder in den Museen aus der Zeit des Spätmittelalters bis zur Renaissance beinhalten direkt oder indirekt Hinweise auf die sieben Todsünden. Entweder geht es um deren Darstellung und Folgen oder, wie hier, um die sich aus ihnen ergebenden Höllenqualen. Es handelt sich um die verfremdete Fotografie des Details eines Werkes aus der Gemäldegalerie Berlin.

 

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