Die sieben Todsünden (16)

von Ulrich Metzmacher

Hochmut galt bis in das Spätmittelalter als übelste der Todsünden. Nahezu immer ging es um den Vorwurf der Verletzung kirchlicher Dogmen. Wer sich anmaßte, selbst die Welt verstehen oder gar lenken zu wollen, forderte den Klerus und seinen Machtapparat heraus. Ketzerei konnte zur Hinrichtung und auf den Scheiterhaufen führen. Das letzte Todesurteil wegen Hexerei wurde in Deutschland im Jahr 1775 durch Enthauptung vollstreckt.

Superbia #4

Neben Ichbezogenheit bilden Eitelkeit und Machtstreben weitere Erscheinungsformen des Hochmuts. Sie entfernen den Menschen von Gott, so die mittelalterliche Logik, und rücken ihn selbst auf anmaßende Weise in das Zentrum der Weltbetrachtung. Seit der Renaissance veränderte sich das Verständnis der Superbia dann allerdings, da die neue Zeit wesentlich durch die Entdeckung genau solcher individueller Perspektiven gekennzeichnet war. Der Blick des Einzelnen auf die Dinge der Welt setzte sich mehr und mehr als zulässig durch und das alttestamentarische Verständnis des Hochmuts als Gotteslästerung verlor seine Wirkkraft.

An ihre Stelle trat eine Interpretation der Superbia, die sich nun eher durch den Gegensatz zur neutestamentarischen Demut definierte. Auch diese bedeutete zwar weiterhin Demut vor Gott, in Folge der Individualisierung der Weltsicht und in gewisser Weise auch des Gottesverständnisses führte der weitere Weg nach der Reformation sowie später der politischen und philosophischen Aufklärung jedoch zu einer Auffassung, die den expliziten Gottesbezug nicht mehr zwingend voraussetzte. Der schonende und nachhaltige Umgang mit den Ressourcen der Welt, kompetentes Sozialverhalten und diskursiv angelegte Kommunikationsformen, die akzeptieren, dass es immer auch eine Wahrheit des anderen gibt, können deshalb als moderner Ausdruck demütigen Verhaltens verstanden werden.

Hochmut bildet für die meisten nun keine religiös begründete Todsünde mehr. Aber auch bei einem säkularen Verständnis wird sein destruktiver Charakter deutlich. So lassen sich die Geschichten des Turmbaus zu Babel oder vom fliegenden Ikarus in die Moderne übertragen und als Gleichnisse des Menschen verstehen, der jeglichen Maßstab verlorenen hat. Größenwahn und Omnipotenzphantasien sind keine Erscheinungen nur der Vergangenheit.

Zahlreiche Bilder in den Museen aus der Zeit des Spätmittelalters bis zur Renaissance beinhalten direkt oder indirekt Hinweise auf die sieben Todsünden. Entweder geht es um deren Darstellung und Folgen oder um die sich aus ihnen ergebenden Höllenqualen. Bei dem hier gezeigten Bild handelt es sich um die verfremdete Fotografie des Details eines Werkes aus der Gemäldegalerie Berlin.

 

Zurück