Die sieben Todsünden (15) - Ein Zwischenruf

von Ulrich Metzmacher

Der ursprünglich religiöse Kontext und die alte Sprache verstören offenbar gelegentlich. Und dennoch: Während die Laster Hochmut, Neid, Zorn und Geiz auch heute als überwiegend unangenehm betrachtet und negativ konnotiert werden, zeigt eine Reihe von Reaktionen auf die bisherigen Blogbeiträge, dass es sich bei der Trägheit, der Völlerei und der Wollust um Erscheinungen handelt, die in der Moderne nicht mehr in gleicher Weise abgelehnt werden wie früher.

Superbia #3

Unabhängig von der Unterteilung in die eher eindeutig negativen auf der einen Seite und die ambivalenten Laster auf der anderen geht es heute nicht mehr um die Identifikation ketzerischer Sünden, die nach dem Beichtstuhl rufen oder gar mit dem Fegefeuer bedroht sind, sondern um die Psychologie menschlicher Schattenseiten, die in jedem von uns schlummern. Hier liegt auch der Sinn der Beschäftigung mit den alten Konzepten.

Invidia #3

Darüber hinaus steht die Frage im Raum, ob die Auseinandersetzung mit den sieben traditionellen Sünden einen Beitrag zur Sozialethik der Gegenwart zu leisten vermag. Wie lassen sich diese konfliktträchtigen menschliche Impulse zähmen? Die Frage kann ohne Weiteres von religiösen Bekenntnissen losgelöst betrachtet werden.

Ira #3

Auch für Menschen, die sich selbst als nichtgläubig im herkömmlichen Sinn verstehen, vermag die Auseinandersetzung mit den archetypischen Grundmustern der sozial als fragwürdig betrachteten Verhaltensweisen neue Wege der Reflexion eröffnen.

Acedia #3

Gesellschaftliche Normen und soziale Korrektursysteme von der Erziehung bis zur Bestrafung oder Ächtung sind aller Erfahrung nach nur eingeschränkt geeignet, das vielleicht sogar in der Anthropologie des Menschen Verwurzelte zu bändigen.

Avaritia #3

Sobald man von der alten Sprache und den alten Kontexten abstrahiert, bildet der Kanon der sieben Todsünden einen Katalog von Herausforderungen sowohl an den Einzelnen wie an die Gesellschaft, die bis heute nach Bewältigungsmustern rufen.

Gula #3

Selbst in den sich alternativ oder subkulturell verstehenden Lebensformen sind die genannten Laster anzutreffen, wenn auch mitunter in anderen Erscheinungsformen als im Alltag der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft.

Luxuria #3

Wer frei ist von Begegnungen mit den dunklen Seiten des eigenen Seins, dürfte ein seltenes Exemplar der Gattung Mensch darstellen. Das Konzept der sieben Laster kurzerhand als überholtes Zeug aus vergangenen Zeiten abzutun, könnte sich deshalb am Ende als Verdrängungsversuch hinsichtlich der Wahrnehmung eigener Schattenseiten erweisen.

 

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