Die sieben Todsünden (14)

von Ulrich Metzmacher

Luxuria, mit Wollust nur unzureichend übersetzt, ist als siebente Todsünde beteiligt, wenn Exzessives zum vorherrschenden Lebensthema wird. Explizite Sexsucht ist eine ihrer Erscheinungsformen, für die nicht zuletzt die Vermarktung sexueller Reize in modernen Konsumgesellschaften den Nährboden bildet. Im Kontrast hierzu steht die grundsätzliche Verdammung der Wollust im Kontext mittelalterlicher Hexen- und Teufelsphantasien. Keine andere der sogenannten Todsünden weist vergleichbare Gegensätze auf.

Luxuria #2

Wollust hat auch in früheren Jahrhunderten trotz ihrer kirchlichen Missbilligung eine, zumindest unterschwellige, positive Konnotation als Ausdruck eines vitalen Lebensprinzips erfahren. Schließlich gilt das Bonmot, es handele sich bei ihr um das schönste aller Laster, für das Triebwesen Mensch nicht erst in der Neuzeit. Und seit Freud wissen wir, dass es sich bei der Mischung aus Lust und einer aus dem Verbot entstehenden Angst um eine höchst brisante Angelegenheit handelt, die allerlei Belastendes hervorrufen kann, aber eben auch ein erhebliches Erregungspotential aufweist. Wer sich, zumindest offiziell, dem Zölibat unterwirft, muss das bis in die heutige Zeit offenbar in besonderer Weise verspüren. Aber während über Jahrhunderte hinweg das Verbotene in Gestalt doppelter Moral still praktiziert wurde, ist das katholische Dogma nun erstmals in seiner jahrhundertealten Geschichte mit gesellschaftlichen Forderungen nach einem Ende des Schweigens konfrontiert. Priesterliche Doppelmoral wird in Zukunft nicht mehr funktionieren.

Losgelöst vom kirchlichen Tabu begegnete man der Wollust als Ausdruck verzehrender Leidenschaft stets mit einem gewissen neugierigen, nicht selten als Literatur oder Kunstbetrachtung getarnten, Interesse. Aber während man die Geschichten Casanovas oder Don Juans einstmals noch mit einem wohligen Schauer las, gelten heute beide als lächerliche Figuren oder üble Chauvinisten, für die Sex nichts weiter als Ausnutzung von Frauen zur Versicherung der eigenen Herrlichkeit bedeutete. Rückt man hingegen männliche und weibliche Perspektiven gleichermaßen, und gleichberechtigt, in den Blickpunkt der Betrachtung, entsteht ein Bild der Wollust, die sexuelle Begierde und auch den Einsatz der Phantasie zur Steigerung der Lustempfindung im Duett gesellschaftsfähig macht. Deren Verachtung als ruchlos und frevelhaft, wie früher verbreitet, ist heute einer Wertschätzung als kultivierte Kunst sexueller Praxis gewichen. Auch bei der Umsetzung von Phantasien sind die Grenzen des Erlaubten weiter gezogen als in früheren Zeiten. Nicht die Ekstase, die gegenüber der alltäglichen Vernunftsteuerung ein Korrektiv bietet, sondern eher die sexuelle Verklemmtheit gilt deshalb nun als Makel. Hier sind neue Regeln, damit allerdings auch ein neuer Druck, entstanden.

 

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