Die sieben Todsünden (13)

von Ulrich Metzmacher

Völlerei als sechste der sieben Todsünden ist beteiligt, wenn man/frau sprichwörtlich den Hals nicht vollbekommt. Es geht aber nicht nur um Speise und Trank, sondern auch um andere Formen der Maßlosigkeit. Der kritische Blick darauf scheint jedoch so gar nicht in die Zeit zu passen, wird doch das moderne Leben, zumindest für einen Teil der Gesellschaft, beständig von Überfluss bestimmt. Für einen anderen Teil hingegen gilt genau dies nicht. Der Mangel mag hier relativ sein, mitunter zeigt er sich aber auch absolut.

Gula #2

Auf der globalen Ebene fällt die Erkenntnis leichter als auf der lokalen: Überfluss für die Einen bedeutet Mangel für Andere. Dies wird bei der Betrachtung volkswirtschaftlicher Handelsbilanzen deutlich. Das national angestrebte Ziel einer Erfolgsrechnung mit Überschuss kann logisch niemals zur Realität für alle werden. Nationen mit positiver Bilanz sind nur denkbar, weil es andere gibt, die auf einer negativen Ergebnisrechnung sitzenbleiben. Auch wohlfeile Wettbewerbserklärungen, nach der einige eben klüger oder fleißiger seien, können die Folgen nicht schönreden: Kollektiver Reichtum auf der einen Seite bedingt kollektive Armut an anderer Stelle. Das alles ist nicht neu, hält uns aber nicht davon ab, weiterhin den eigenen Überfluss zu Lasten Dritter zu gestalten, denen wir im Übrigen allzu gerne unsere Produkte verkaufen und gleichzeitig die zur Rechnungsbegleichung notwendigen Kredite zur Verfügung stellen. Schließlich sichert dies ja Arbeitsplätze, jedenfalls bei uns. Global kann das Modell auf Dauer nicht funktionieren. Die Kredite werden bei einer Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Struktur des globalen Handels und der sich daraus ergebenden Bilanzen nicht zurückgezahlt werden können. Wer das nicht wahrhaben will, verschließt die Augen vor dieser unangenehmen Erkenntnis.

Lokal betrachtet verteilt sich das Ergebnis der jeweiligen nationalen Erfolgsrechnungen noch einmal höchst unterschiedlich. Korrupte Eliten in einer Reihe der ausgebeuteten Länder der Welt scheren sich einen Dreck um die negative Handelsbilanz ihres Landes und raffen zusammen, was zu kriegen ist. Der Kontrast zu den Lebensbedingungen der Ärmsten der Armen im eigenen Land ist nirgendwo größer. Und bei uns? Auch in den Wohlstandsnationen mit Handelsbilanzüberschuss spreizt sich seit Jahrzehnten das Gefälle zwischen Arm und Reich immer mehr auf. Den einen ist es offenbar gelungen, das Nettoergebnis des national Erwirtschafteten verstärkt auf sich zu ziehen. Letztlich gilt hier Ähnliches wie bei der globalen Betrachtung.

Auch wenn in westlichen Industrienationen niemand lebensbedrohlich hungern muss, hat die relative Armut, gemessen am nationalen Wohlstandsniveau, zugenommen. Dies bedeutet Überfluss für die einen, Mangel für andere. Völlerei bei Speise und Trank ist dabei nur ein Aspekt, der im Übrigen mit dem Indikator Wohlstand nicht einmal unbedingt korreliert. Auch mit wenig Geld lässt sich der Bauch vollstopfen. Das ist aber eine andere Geschichte.

 

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