Die sieben Todsünden (12)

von Ulrich Metzmacher

Geiz als fünfte der sieben Todsünden ist beteiligt, wenn materieller oder finanzieller Besitz weit über den notwendigen Bedarf hinaus angehäuft und ständig argwöhnisch bewacht wird. Die Angst vor seinem Verlust fordert aufwändige Sicherungsmaßnahmen, so dass sich Dritten gegenüber ein zunehmendes Misstrauen einstellt. Während Sparsamkeit als Mittel der Daseinsvorsorge für Notzeiten gelten kann, ist Geiz Ausdruck des Strebens nach Reichtum als Selbstzweck.

Avaritia #2

Bereits die Trägheit ließ sich aufgrund des ausbleibenden Gebrauchs eigener Talente und Begabungen als eine geizige Haltung verstehen. Man beschränkt sich selbst, lässt andere von seinen Fähigkeiten nicht profitieren und Veränderungen steht man eher ängstlich gegenüber. Geistiger Geiz ist nicht selten Ausdruck eines Mangels an Vertrauen. Vorsichtshalber ist man mit Wenigem zufrieden und hortet innere Reichtümer, die ohne Verwendung bleiben. Dumm nur, dass Talente und Begabungen bei Nichtgebrauch verkümmern oder sich gar in Luft auflösen.

Diese Gefahr droht auf anderem Feld aber auch dem pekuniär Geizigen, wenn Angespartes seinen Wert verliert oder aufgrund gieriger Fehlspekulation verspielt wird. Geiz führt direkt ins Verderben, wenn aus Habgier jegliche Vorsicht fallengelassen wird und das Motiv des immer mehr Habenwollens eine Sucht entstehen lässt, die Risiken nicht mehr wahrhaben will. Der Süchtige agiert übermütig wie im Rausch und produziert Unmengen an verstärkenden Glücksbotenstoffen. Bis zum Finale. Und dann folgt der Katzenjammer.

Die Habsucht in Form der Geldvermehrung als Selbstzweck hat nicht ohne Grund seit dem Aufkommen der Handels- und Finanzwirtschaft in der Epoche zwischen Hochmittelalter und Renaissance in der Hierarchie der Todsünden die Hochmut als einstmals tabellenführendes Laster abgelöst. Dahinter stand die Erfahrung, dass die Folgen der Habsucht dramatischer sein können als die des zwar lästigen oder peinlichen Stolzes, über den man pikiert die Augen verdrehen kann, der ansonsten aber häufig nicht mehr ist als ein unangenehmer Charakterzug.

Sich aus Angst vor Armut nichts zu gönnen und so ein Leben in genau dieser Armut zu führen, stellt eine Paradoxie dar, die freudlos und misstrauisch macht. Über den auf einem Berg von Talern sitzenden und über die Welt schwadronierenden Dagobert Duck konnte man noch schmunzeln, aber auch hier blieb mitunter das Lachen schon im Halse stecken. Zufriedenheit oder gar Glück konnte das ja nicht sein. Der Mafiaboss, der in einer einfachen Hütte haust, der zurückgezogene Eigenbrötler, der nach seinem Tod eine verkommene Wohnung und ein prall gefülltes Bankkonto hinterlässt, oder eben Dagobert verkörpern verschiedene Elemente eines allgemein als negativ empfundenen Geizes. Dass die Übergänge von der Tugend der Sparsamkeit zum Laster der Habsucht jedoch fließend sind, macht die Sache nicht einfacher.

 

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