Die sieben Todsünden (11)

von Ulrich Metzmacher

Trägheit als vierte der sieben Todsünden ist beteiligt, wenn man/frau beständig unter seinen/ihren Möglichkeiten bleibt. Nicht Müßiggang ist das Übel, im Gegenteil. Die temporäre Verweigerung gegenüber den Forderungen an ein Leben im Hamsterrad voller aufgedrehter Aktivitäten, Frohsinn und Konsum mag Ausdruck eines subversiven Unbehagens sein. Diesem Raum zu geben, wäre eine Strategie aktiver Selbsterhaltung. Trägheit hingegen bedeutet Faulheit und Bequemlichkeit. Das ist etwas anderes.

Acedia #2

Wie auch bei den anderen Todsünden stellen sich die Dinge bei genauerer Betrachtung noch ein wenig komplizierter dar. So zeigt sich nicht selten gerade bei hochbegabten Heranwachsenden ein Leistungshandeln unterhalb der potentiell gegebenen Möglichkeiten, wenn das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten nicht hinreichend entwickelt ist. Dahinter steht im Falle einer unzureichenden Förderung die Erfahrung eines als stupide empfundenen Schulunterrichts, der zu Langeweile, Unlust und schließlich einer schwachen Anstrengungsbereitschaft geführt hat. Pessimismus sowie, auf längere Sicht, die Entwicklung depressiver Charakterstrukturen können folgen. Trägheit im Verhalten stellt sich hier nicht als individuell zu verantwortende Faulheit dar, sondern als Ergebnis vorangegangener lähmender Umstände. Dies lässt sich übertragen: Bei einer durch Depression entstandenen Trägheit handelt es sich nicht um eine freiwillig gewählte Lebenshaltung, sondern eine ungewollte Beschränkung des eigenen Handelns. Hier von Laster oder Todsünde zu reden, wäre verfehlt.

Auch wer sich ganz bewusst einer trägen Langsamkeit hingibt und seine innere Ruhe nach außen durch ein abgesenktes Aktivitätsniveau zum Ausdruck bringt, mag zwar auf den ersten Blick als faul erscheinen. Von der Antike über Rousseau bis zu Hermann Hesse und modernen Konsumverweigerern wurde die Kunst des Müßiggangs hingegen schon immer als Ausdruck einer vita contemplativa und wertvoll für kreative, innovative Gedanken geachtet. Einen Ausgleich zwischen Ruhe und Arbeit, zwischen Passivität und Aktivität herzustellen, fällt aber in modernen Industriegesellschaften nun einmal schwerer, als sich einem dynamischen Aktionismus hinzugeben. Die häufig negative Konnotation des Müßiggangs zeigt so ihre Wirkung. Das einfache Nichtstun wird als schwer erträglich empfunden oder gar mit schlechtem Gewissen verbunden. Man muss ja schließlich produktiv sein und das Leben effektiv gestalten.

Eine lasterhafte Erscheinungsform der Faulheit offenbart sich, wenn ohne triftige Ursache vorhandene Potentiale oder Begabungen kontinuierlich nicht genutzt werden und stattdessen für das Nichtstun Ausreden mit fadenscheinigen Begründungen herhalten müssen. Mitunter werden auch Schuldige verantwortlich gemacht oder gar Betäubungen gesucht, die zur Sedierung der eigenen Aktivitätskräfte führen. Mittel für die Selbstlähmung stehen im nächsten Supermarktregal ja reichlich zur Verfügung. Die einstmals vorhandenen Potentiale und Begabungen gehen auf diese Weise sukzessive verloren. Vielleicht ist es vor allem diese Verschwendung, die dazu geführt hat, Trägheit als eine der Todsünden zu benennen.

 

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