Die sieben Todsünden (10)

von Ulrich Metzmacher

Zorn in seiner Erscheinungsform als dritte der Todsünden ist beteiligt, wenn die eigene Wut in eitler Weise als Ausdruck emotionaler Spontaneität gedeutet und selbstgefällig als berechtigt betrachtet wird. Zorn ist jedoch mehr als das, er ist vielschichtig. Zorn kann laut sein, kann mit Worten verletzen, kann bedrohlich sein. Zorn kann zur Handlung und damit gefährlich werden. Er kann aber auch gerechtfertigt und sinnvoll sein.

Ira #2

Wenn die Störung der eigenen Sichtweise auf die Dinge dieser Welt durch die Geltendmachung der Perspektiven anderer unerträglich scheint und ängstlich eine Grenzziehung mit Abschreckung verlangt, sind eruptive Ausbrüche und atmosphärische Verseuchungen nicht fern. Wut zeigt sich in einer außer Kontrolle geratenen Form, wenn die Bereitschaft zur sozial geregelten Auseinandersetzung ersetzt wird durch dumpfes Grollen und Drohgebärden. Verbirgt sich dahinter die diffuse Angst vor dem Verlust der eigenen Bedeutung, kann Wut als Indikator für Ohnmachtsphantasien gelten. Sich als machtlos zu empfinden gegenüber fremden Sichtweisen, wirkt, nicht zuletzt auf kollektiver Ebene, immunisierend hinsichtlich des Kulturimperativs der Aggressionskontrolle. Folgen sind Vergeltungsphantasien und eine Wut, die Schuldige sucht.

Der emotionalen Wut steht ein reflektierter Zorn gegenüber. Zeigt sich Zorn nicht individuell spontan oder als Ergebnis kollektiver Hysterie, die mitunter von interessierter Seite gezielt erzeugt wurde, sondern infolge einer Ungerechtigkeit, die vor allem Dritte betrifft, bekommt er einen anderen Charakter als bei der diffusen Form, die sich auf die vermeintliche Bedrohung des eigenen Seins beruft. Zorn über Unterdrückung, Ausbeutung, Gewalt, Hunger, Genozid oder die fahrlässige Vernichtung der Ressourcen dieser Welt ist zu unterscheiden von dem unliebsamen Gefühl der Einschränkungen, das sich als Reflex auf den Anspruch anderer auf ihre eigenen Handlungsspielräume einstellt.

Zorn kann aber auch aus der Erfahrung einer Ungerechtigkeit erwachsen, von der konkret die eigene Integrität ganz real, nicht nur gefühlt, bedroht ist. Nicht die Existenz anderer Sichtweisen ist dann das Problem, sondern die tatsächliche Einschränkung der eigenen Freiheit. Wer ungerechtfertigt eingesperrt wird, wem die freie Rede verboten ist, wer aufgrund falscher Entscheidungen von Mächtigen ohne eigenes Zutun in Notlage gerät, darf nach allgemeinem Verständnis zornig sein. Zorn wird in diesem Fall als Ressource der Selbstbehauptung anerkannt. Nur die Verursacher der Bedrohung werden dies mitunter anders sehen und alles dafür tun, einen solchen Zorn als illegitim und maßlos zu diskreditieren.

Wie auch beim Neid als zweite der sieben Todsünden handelt es sich beim Zorn um eine komplexe Angelegenheit, die eine Betrachtung des jeweiligen Kontextes notwendig macht. Erschwerend kommt hinzu, dass sich das lateinische Ira sowohl mit Zorn wie mit Wut übersetzen lässt. Streng genommen sind beide Emotionstypen zu unterscheiden. Noch in der Antike oder zum Beispiel in Buddhismus und Taoismus waren jedoch sowohl der Zorn wie die Wut negativ konnotiert, und der Einzelne wurde zu ihrer Beherrschung aufgerufen. Das heutige Verständnis nördlich und südlich des Mittelmeers beruft sich in der Regel hingegen, meist unbewusst, eher auf monotheistische Religionen, deren Konzepte göttlichen Zorns sich der säkulare Mensch angeeignet hat und nun für eigene Zwecke nutzt.

 

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