Die Seele des Fotografierenden

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Beim fotografischen Bild handelt es sich um ein Dokument der Welt. Zumindest gilt dies für die analoge Fotografie. Gleichzeitig ist es ein Zeugnis der Innenwelt des Fotografierenden. Damit stellt es unter sämtlichen Bildformen einen einzigartigen Sonderfall dar. Alle anderen, nichtfotografischen Bilder haben ihren Ursprung in der Innenwelt, also der Vorstellung des Malers, Zeichners oder Grafikers, weisen jedoch keine zwingende Außenweltabhängigkeit auf.

Die Fotografie ähnelt hingegen einem Topos, der schon in vorfotografischer Zeit die Romantiker beschäftigte. Novalis formulierte es im Jahr 1799 in den Fragmenten so: Die Vorstellung der Innen- und Außenwelt bilden sich parallel, fortschreitend – wie rechter und linker Fuß. Diese Bescheibung entspricht modernen erkenntnistheoretischen Konzepten. Jede Welterkenntnis ist ein Konstrukt, das die vermeintliche Unabhängigkeit von Subjekt und Objekt aufhebt. Beim Wissen handelt es sich stets um das Ergebnis eines Dialogprozesses zwischen Geist und Materie. Wie wir die Welt sehen, ist die Welt. Den Romantikern war dies bewusst. Wer ihnen lediglich süßliche Weltverklärung und träumerische Ichbezogenheit unterstellt, verkennt die erkenntnistheoretische Modernität ihrer Überwindung der Dualität von Ich und Außenwelt. Die Art und Weise, wie wir die Dinge wahrnehmen, ist ein Konstrukt fernab naturgegebener Eindeutigkeiten.

Das Kind wächst in eine Welt hinein und lernt, sich in dieser zu bewegen und mit ihr umzugehen. Es baut eine kognitive Repräsentanz der Umwelt auf, indem es die Beschaffenheit und Eigenschaften der Dinge im wahrsten Sinne des Wortes begreift und mit Hilfe der Sprache zu beschreiben erlernt. Diese stellt als Symbolsystem ein unabdingbares Werkszeug für alle höheren kognitiven Leistungen dar. Ohne Sprache oder entsprechende Ersatzzeichen kein Denken.

Auch das Sehen einschließlich des Verstehens von Bildern ist Ergebnis eines Lernprozesses, der mehr ist als Physiologie. Wesentliche Bedingung ist ein strukturierender Sinn, der schon bei der Reizaufnahme mitwirkt und die potenziell chaotische Komplexität möglicher Eindrücke zu ordnen hilft. Die physiologische Informationsaufnahme durch Rezeptoren sowie die Sinnidentifikation greifen ineinander und stützen sich wechselseitig. Rechter und linker Fuß, wie Novalis es nannte. Wie der Mensch die Welt sieht, ist erlernt! Physiologisches und Kulturelles greifen ineinander. Hinzu kommt Individualpsychologisches. Primär sehen wir das, was wir sehen wollen.

Novalis bezeichnete den Schnittpunkt zwischen Innen- und Außenwelt als Seele. Diese Metapher lässt sich zur Beschreibung des Wesens der Fotografie nutzen. Wir fotografieren das, was wir als Objekt, erstens, wahrnehmen und, zweitens, sehen wollen. Die Lichtspuren der Außenwelt bilden das Rohmaterial. Gleichzeitig ist jede Fotografie subjektiv geprägt und perspektivisch angelegt. Die Wirklichkeit auf eine bestimmte Weise wahrzunehmen und sinnhaft zu deuten, geschieht, wie die kognitive Entwicklungspsychologie und die konstruktivistische Soziologie gezeigt haben, selektiv auf der Basis eines vorangegangenen Lernprozesses. Jedes Bild, das wir mit der Kamera aufnehmen, offenbart somit ein Stück unserer Seele.

 

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