Die Schatten Vivian Maiers

von Ulrich Metzmacher

Ein Schatten verweist, ohne selbst von materieller Substanz zu sein, auf etwas, das ist. Er ist somit stets ein fluider Hinweis auf die Existenz von Objekten, kulturunabhängig und frei von Sinnfragen. Man muss einen Schatten nicht verstehen. Man muss nicht einmal deuten können, von was er ein Schatten ist. Und dennoch, nahezu jeder erwachsene und verständnisklare Mensch wird einen Schatten als Schatten wahrnehmen.

Kein künstlich hergestelltes Objekt besitzt eine Bedeutung an sich. Sein Sinn wird ihm als Ergebnis eines sprach- und erfahrungsgebundenen Lernprozesses erst zugeschrieben. Das Erkennen und Verstehen eines Computers, eines Schachspiels oder einer Plastik von Joseph Beuys zum Beispiel ist deshalb nur zeit- und kulturabhängig vorstellbar. Mit Schatten verhält es sich hingegen eher wie mit den Wolken, der Sonne oder dem erdigen Boden. Nahezu jeder (m/w/d) kennt sie, zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Und jeder kennt Schatten. Selbst ein völlig unbekanntes Objekt, das im Blick des Betrachters keinen Sinn ergibt, wirft, sofern eine entsprechende Beleuchtung vorhanden ist, einen Schatten. Der Betrachter muss diesen nicht verstehen. Dennoch weiß er, dass ein Schatten immer ein Schatten von etwas ist.

Dieser ontologische Realitätshinweis ist dennoch kaum geeignet, auch den letzten Radikalkonstruktivisten von der Existenz einer manifesten, subjektunabhängigen Wirklichkeit zu überzeugen. Wer der solipsistischen Vorstellung anhängt, alles Wahrgenommene sei lediglich eine interne Funktion der Hirntätigkeit, wird sich in seiner Auffassung, die im Übrigen letztgültig nicht widerlegbar ist, kaum beirren lassen. Wenn man hingegen eine solche radikale Annahme nicht teilt, können die Schatten der uns umgebenden Welt zum Indiz, also zum relativen Beweis für das Vorhandensein subjektunabhängiger Realitäten werden. Können! Mehr nicht. Aber das ist nicht wenig. Die Welt der Fotografie macht dies deutlich.

In digitalen Zeiten taugt nicht jeder abgebildete Schatten als Indiz für die Existenz eines Objektes. Die mit Photoshop auf einen großstädtischen Boulevard platzierte und mit kunstvollem Schatten versehene Giraffe wird immer als eine Fälschung erkennbar sein, wenn auch vielleicht nur für den Profi mit entsprechenden Analysemöglichkeiten. Darüber hinaus wird es weitere Schatten geben, die unlösbare Rätsel aufgeben, wenn sie etwa auf Objekte außerhalb des Bildes verweisen. Hier bleibt Skepsis angebracht. Ein solcher Schatten kann digital gezaubert worden sein und ist nicht zwingend ein Beleg für ein reales Objekt. Aber er kann auf die Existenz eines solchen Objektes verweisen. Die Evidenz muss im Zweifel einer Prüfung unterzogen werden. Dies dürfte sich in der Regel als schwierig erweisen. Das Problem entspricht im Übrigen der grundsätzlichen Zweifelhaftigkeit jeglicher digitalen Fotografie. Analog war das noch ein wenig anders.

Im Werk der spät entdeckten amerikanischen Fotografin Vivian Maier gibt es eine Reihe von Aufnahmen, die neben dem Hauptmotiv einen prägnanten Schatten zeigen. Oder ist dieser vielleicht sogar das Hauptmotiv? Zahlreiche der Fotografien tragen den Titel Selbstportrait. Hier ist die Antwort auf die Schattenfrage offensichtlich, selbst wenn die Bildtitel nicht von Maier selbst stammen, sondern später, nach dem Tod der Fotografin, von anderen hinzugefügt wurden.

Man mag erkenntnis- und medientheoretisch die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Schatten Vivian Maiers stellen. Sind diese vielleicht doch nicht Bestandteile der Aufnahmesituation gewesen, sondern erst später in das Bild hineinkonstruiert worden? Wir schließen das aus. Maier hat überwiegend mit der analogen Rolleiflex gearbeitet. Digitale Kameras gab es noch nicht. Schatten als Ergebnis nachträglicher Bildmontagen kommen deshalb kaum in Betracht, auch wenn sie als Artefakte aus der Dunkelkammer theoretisch möglich gewesen wären. Aber die Arbeitsweise Maiers war durch einen dokumentarischen Stil gekennzeichnet, der nicht auf Effekte, sondern die durchkomponierte Bildgestaltung setzte. Die Schatten dürfen demnach mit größter Wahrscheinlichkeit als echt angesehen werden. Damit sind sie ein evidenter Hinweis auf den Menschen hinter der Kamera. Dieser Mensch war, natürlich, Vivian Maier.

Ihre Schattenbilder sind raffinierte Angelegenheiten, die verschiedene Wahrnehmungsebenen berühren. Zunächst ist der Schatten Bestandteil des als Fläche gestalteten Bildes. Fragen der Proportionen, der Hell-Dunkel-Verteilung, der Perspektive oder der Tiefenwirkung sind von der Fotografin im Augenblick der Aufnahme unter bewusster Einbeziehung von Schattenpartien beantwortet worden. Ebene Eins ist demnach die Gestaltungsebene.

Darüber hinaus geben die Schatten Hinweise auf den Kamerastandpunk. Dieser lässt sich in der Regel rekonstruieren, da die Aufnahmen meist mit ausgeprägter Vordergrundbetonung entstanden sind. Wir wissen somit, dass Maiers Bilder aus unmittelbarer Nähe des jeweiligen Objektes aufgenommen wurden. Ebene Zwei ist die Positionsbestimmungsebene.

Die dritte Ebene lässt sich als Wissen um die Zentralperspektive beschreiben. Aufnahmestandort plus Schatten heben die Tatsache ins Bewusstsein, dass jedes Bild mit einer monokularen Kamera entstanden ist. Deren Objektiv erfasst die Wirklichkeit, technisch bedingt, aus einem definierten Blickwinkel. Diese zentralperspektivische Sicht ähnelt dem Blick der Fotografin, selbst wenn die Rolleiflex in Bauchhöhe ausgelöst wurde.

Damit kommen wir zur vierten Ebene, der des sinnhaften Bildentstehens. Der analysierte Schatten macht deutlich, dass es sich bei der Fotografie um das Ergebnis einer subjektiven Bildkonstruktion handelt. Die Aufnahme ist keine mechanische Kopie der Wirklichkeit, sondern als Ergebnis einer Entscheidung zwischen kontingenten Möglichkeiten von Maier bewusst so und nicht anders gestaltet worden.

Die Schattenfotografien Vivian Maiers führen zur Metaebene der Dekonstruktion. Es lässt sich nun vollständig das Wesen eines jeglichen fotografischen Bildes erkennen. Dieses ist eben nicht ein Stück Wirklichkeit im Miniaturformat, sondern eine Entität eigener Art. Am augenfälligsten zeigt sich dies bei der Umgestaltung der dreidimensionalen, farbigen Wirklichkeit in eine zweidimensionale, schwarzweiße Fläche. Hinzu kommt der zentralperspektivische Blick der Kamera, durch den eine Bildwirklichkeit entsteht, die dem menschlichen Auge nahekommt, aber nicht die einzige Möglichkeit der künstlerischen Ebenengestaltung darstellt. Die uns gewohnt erscheinende zentralperspektivische Art des Bildaufbaus ist historisch relativ neu und kulturgebunden. Denken wir etwa an Bilder ohne Zentralperspektive aus der Antike, dem Mittelalter oder dem fernöstlichen Raum. Bei ihnen ging es stets um kollektive Wahrheiten. Die seit der europäischen Renaissance gewohnte Zentralperspektive hingegen entspricht dem Blick eines Individuums, das seine Sichtweise auf die Wirklichkeit zum Maßstab der Weltinterpretation macht. Gleiches gilt für jede Kameraaufnahme. Dies ist dem Fotografen und dem Betrachter einer Fotografie jedoch häufig nicht bewusst.

Die Schattenaufnahmen Maiers verknüpfen die formale, inhaltliche Bildaussage mit der Erkenntnis einer individuellen Perspektive. Gerade aufgrund der lediglich indirekten Präsenz der Fotografin rückt ihr konstrukthafter Charakter ins Bewusstsein des Betrachters. Der Schatten Vivian Maiers verweist in reflexiver Weise auf die Gesamtumstände der Aufnahmesituation und wirkt einem simplen Verständnis der Abbildung von Realität entgegen. Die so gewonnene Erkenntnis lässt sich auf nahezu jede Fotografie übertragen, auch wenn sie keinen Schatten einer Fotografin oder eines Fotografen zeigt.

 

(Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus dem überarbeiteten fotosinn-Essay Schattenphilosophie, der nun als Fassung 2.1 vorliegt.)

 

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