Die Rückkehr des Wirklichen

von Ulrich Metzmacher

Die ontologische Frage, verstanden als Erörterung des Realitätscharakters des uns Umgebenden, bildet ein facettenreiches Kapitel im dicken Buch der Fotografietheoretiker. Ist das, was wir sehen und fotografieren, wirklich oder träumen wir es nur? Aber, wer zwingt uns, diese Frage so zu stellen, dass sie unbeantwortet bleiben muss, weil letztgültig nicht zu beantworten? Immerhin, sie bietet den Vorteil, dass man die Beschäftigung mit ihr zu einer längerfristigen Angelegenheit machen kann.

Ja, die Wirklichkeit, sie ist ein scheues Reh. Aber solange nicht fünf Menschen der Auffassung sind, auf der anderen Straßenseite steht ein Baum, während fünf andere die feste Überzeugung vertreten, dort wächst nicht einmal ein Strauch, kommt man im Alltag mit dem Konstrukt Wirklichkeit meist recht gut zurecht. Dennoch, einmal muss man den ontologischen Zweifel wohl durcharbeiten. Anschließend ist die Erkenntnis auszuhalten, dass nichts gewiss ist, übrigens nicht einmal das. Und trotz der verbleibenden Ungewissheit lässt sich vernünftig mit vielen Menschen reden. Prinzipiell jedenfalls, wenn der Wille dazu vorhanden ist. Leben ist aber auch möglich, ohne den Begriff Ontologie jemals gehört zu haben. Fotografieren ebenfalls. Es einstellen, bis alle theoretischen Fragen nach der Wirklichkeit des Wirklichen beantwortet sind und wir dann ganz sicher wissen, was sich da eigentlich auf unseren Bildern befindet, ist nicht notwendig.

Wenn wir dieses und jenes als Wirklichkeit setzen, so geschieht das in dem Bewusstsein, dass wir es nicht individuell tun, sondern unser Wissen kollektiv gilt. Wir dürfen alltagspraktisch in den meisten Fällen beim Verstehen der Dinge von einer intersubjektiven Übereinstimmung mit den Menschen unserer Umgebung ausgehen. Das hat jedoch nichts mit absoluter Wahrheit zu tun. Die Theoretiker der Postmoderne haben nach den kritischen Philosophien und Gesellschaftsmodellen der vergangenen zweihundert Jahre noch einmal zusammenfassend dargestellt, dass Wissen stets ein Produkt sozialer Beziehungen, von Machtverhältnissen und ökonomischen Imperativen, aber auch der auf den ersten Blick individuellen Bedürfnisstrukturen ist. Bei genauerem Hinsehen werden allerdings selbst die Letzteren zu einer überwiegend kulturell determinierten Manipulationsmasse. Hinter diese Erkenntnis führt wohl kein Weg mehr zurück.

Die Zeichen der Welt werden geschaffen und sind nicht einfach objektiv da. Denkt man das weiter, so führt es, und das ist die alltagspraktische Crux der postmodernen Theorien, in eine potentielle Beliebigkeit. Wenn nichts unveränderlich wahr ist, so droht das Gespenst bodenloser Unsicherheit. Nicht selten hat deshalb bereits die frühe Nietzsche-Rezeption in eine Nihilismusfalle geführt, aus der ein Entrinnen schwierig wurde. So manchen Leser postmoderner Texte überkommt ein ähnliches Gefühl des Wert-, Ziel- und Morallosen. Ambivalenzen zu ertragen sowie die Fähigkeit, die Kontingenz der Welt auszuhalten, fällt offenbar schwer. Einige entwickeln daraus das Verlangen nach wieder verlässlichen Wahrheiten. Die Konjunktur von einfachen Weltbildern ohne globalisierte Diversität, ohne multikulturelle Lebensformen und ohne das Fremde überhaupt hat hier eine ihrer Ursachen.

In Zeiten der Fake News Propaganda gibt es trotz, oder gerade aufgrund, der Auflösung des absoluten Wahrheitsbegriffs gute Gründe, an der Unterscheidbarkeit von richtigen und falschen Behauptungen festzuhalten. Und genau hier liegt das Dilemma. Die einstmals von Kant über Nietzsche bis Foucault aufklärerisch begonnene Entzauberung vormals unumstößlicher Wahrheiten wird heute in verhunzter Form von den Mächtigen selbst genutzt, um die Relativität der Thesen ihrer Gegner zu begründen. Es sei doch alles eine Frage der Perspektive und die Kritiker mögen diese Erkenntnis doch bitte auch auf die eigenen Behauptungen anwenden. So sprechen die Potentaten moderner Couleur. Diesem machtgetriebenen Relativismus wirkungsvoll zu begegnen, ist vor allem eine intellektuelle, aber auch eine rhetorische Herausforderung. Selbst wenn es keine letzten Wahrheiten gibt, so hat doch jede perspektivische, aus Interessen abgeleitete Behauptung bestimmte Voraussetzungen. Nach diesen muss man die Mächtigen befragen. Ihre Kritiker natürlich auch.

Neben den Interessen sind es Werthaltungen, die hinter den Behauptungen stehen. Diese sind prinzipiell diskursiv verhandelbar. Und darum geht es: Nicht schulterzuckend bei der Feststellung der Relativität der Dinge innehalten oder gar resignierend zurückweichen, sondern die Voraussetzungen der standpunktbedingten Aussagen herausarbeiten. Auch die Wissenschaft gibt sich ja nicht auf, nur weil sie weiß, dass ihre Paradigmen einem stetigen Wandel unterliegen. So, wie es in jedem Universitätsfach heute selbstverständlich ist, die eigene Geschichte zu reflektieren, um ein Gespür dafür zu entwickeln, dass auch das jeweils aktuelle Wissenschaftswissen nur ein vorläufiges ist, muss dies in übertragener Form für alle übrigen Diskurssysteme gelten. Wer diesen Gedanken preisgibt, verzichtet auf die Kategorie menschlicher Vernunft.

Warum gehört das alles in einen Blog zur Fotografie? Einmal geht es natürlich um Medienkompetenz. Wer heute Bilder richtig einordnen und verstehen will, kommt um ein Nachdenken über deren Entstehungsbedingungen sowie die Frage nach dem Warum ihrer öffentlichen Präsentation nicht herum. Das gilt für politische Fotografien ebenso wie für die Werbung und selbst für die, oft als solche nicht erkennbaren, Influencer-Kampagnen auf den Social Media Kanälen. Dies alles nur naiv zu konsumieren, mag individuell befriedigen, ist jedoch im aufklärerischen Sinne fatal. Zweitens darf unterstellt werden, dass jedes ambitionierte Fotografieren ein Gespür für die Perspektivgebundenheit von Sichtweisen mit sich bringt. Wer fotografiert, weiß, dass es keine einzig und allein wahre, objektive Abbildung gibt, sondern nahezu jeder Gegenstand auch aus einer anderen Perspektive hätte aufgenommen werden können. Und dennoch geben wir die Überzeugung nicht auf, dass ein Bild wahrhaftig sein kann, ein anderes hingegen manipulativ und deshalb falsch. Diese fotografische Erkenntnis lässt sich auch auf das Denken über Gesellschaft anwenden.

Die Wirklichkeit ist nach der Postmoderne nicht einfach verschwunden. Ihre Dekonstruktion hat zwar vorübergehend zu einem intellektuellen Zerbröseln der Realität geführt, aber wohin das führen kann, zeigen ausgerechnet die Demagogen des Postfaktischen. Sie haben von der Postmoderne gelernt und wollen uns weißmachen, nun herrsche das Zeitalter der Post-Truth. Das klappt auch, solange man mit einem simplen absoluten Wahrheitsbegriff operiert, um diesen dann zu diskreditieren. Er hat sich in der Tat als obsolet erwiesen. Aber damit ist die Diskussion über richtige und falsche Aussagen ja nicht beendet. Diskursiv zu ermittelnde Wahrheiten hinsichtlich des Richtigen und Guten sind weiterhin möglich, wenn das Aushandeln kommunikativ und herrschaftsfrei mit den Mitteln der Vernunft geschieht. Wie sonst soll Gesellschaft funktionieren?

 

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