Die Rückkehr des Gegenständlichen

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Gegensätze ziehen sich an. Alles, was entsteht, vergeht auch wieder, und die Mode von gestern ist der tauende Schnee von heute! Die Liste der Weisheiten zur Dynamik des Seins ließe sich fortsetzen. Das einzig Beständige ist die Unbeständigkeit. Dies gilt für alle Bereiche des Lebens und auch die Fotografie. Hinzu kommt, dass die Warengesellschaft auf dem Prinzip beruht, immerzu Neues zu produzieren und dieses schnell zu konsumieren.

Auch die Kunst ist eine Angelegenheit ohne Stillstand. Nichts spricht deshalb dafür, dass die aktuellen Erscheinungsformen der Contemporary Art den Endpunkt der Entwicklung darstellen, und auch in der noch relativ jungen Geschichte der Fotografie lassen sich unterschiedliche Ansätze sowie zyklische Entwicklungen und Gegenbewegungen feststellen. In den knapp zweihundert Jahren ihres Bestehens hat die Fotografie wie im Schnelldurchlauf alles durchgemacht, was die übrigen Bildenden Künste über Jahrtausende geprägt hat. Begonnen hatte es mit schemenhaften Zeichen an der Höhlenwand, die sich mehr und mehr verfeinerten, bis schließlich das Ideal der perfekten realistischen Malerei entwickelt war. Wilde Formen wie Impressionismus und Expressionismus sowie der ins Phantastische schweifende Surrealismus folgten, ebenso das konsequent Gegenstandslose. Strukturalismus und Postmoderne haben dann im letzten Viertel des Zwanzigsten Jahrhunderts alles durcheinandergebracht oder, je nach Sichtweise, homogenisiert. Die Welt mit ihren mannigfaltigen Erscheinungen einschließlich der gedanklichen Prozesse in den Köpfen der Menschen besteht seitdem aus Zeichen, so dass, konsequent gedacht, auch die Gattungsgrenzen zwischen Bildender und anderer Kunst obsolet geworden sind. Die einheitliche Digitalisierung sämtlicher Informationen hat zu dieser Entwicklung beigetragen.

Die sukzessive Auflösung der ehemaligen Sicherheit des Wirklichen wird mit großer Wahrscheinlichkeit dazu beitragen, dass in der Postpostmoderne als Gegenbewegung genau diese Wirklichkeit wiederentdeckt wird und mit ihr der Realismus in der Kunst. Da sich auch deren performative Spielarten zwischenzeitlich ausgelebt haben, ist der Weg frei für Bilder, Skulpturen und Installationen, die sich vom Betrachter geschmeidiger erschließen lassen, als dies seit den 1960er Jahren hier und dort der Fall gewesen ist. Vom Anything goes wird ein Weg zurückführen in eine Kunstwelt, die ihre Regeln wieder expliziter und nachvollziehbarer kenntlich macht. Das wird auch für die Fotografie gelten. Allerdings unter heutigen Vorzeichen ohne nostalgischen Beigeschmack hinsichtlich der Bildanmutung. Vielleicht ergibt sich dabei so etwas wie eine neue Straight Photography. Diese wird eine Rückbesinnung auf den spezifischen, nicht zuletzt technisch bedingten Charakter der Fotografie einbeziehen, analog wie digital. Und sie wird gegenständlich sein.

 

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