Die Rolle der Fotografie - Eindrücke von der Documenta

von Ulrich Metzmacher

Viel ist jetzt schon über die Documenta 14 geschrieben worden. Auch im Blogbeitrag vom 19. Juni gab es einige kritische Anmerkungen. Wir wollen aber gerecht bleiben. Und so erfolgt hiermit der Zusatz, dass es insgesamt eine recht beeindruckende Veranstaltung ist, deren Besuch sich in vielerlei Hinsicht lohnt. Nicht zuletzt die Partnerschaft mit Athen und das Grundthema der Documenta haben mich am Ende überzeugt.

Die Erinnerung daran, dass Griechenland für Europa weit mehr bedeutet als ein Symbol für Staatsverschuldung und auferlegte Sparzwänge, ist ein wichtiges Signal. Und so war es eine überzeugende Idee von Adam Szymczyk, das Fridericianum mit Objekten aus dem Nationalen Museum für zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen zu bespielen. Hier werden wirklich tolle Dinge geboten. Wir kommen darauf zurück. Mit dem von Marta Minujín als Stahlrohrgerüst auf dem Friedrichsplatz in Originalgröße gebauten Parthenon der Bücher kann ich mich hingegen weiterhin nicht so recht anfreunden. Das wirkt zwar gewaltig und es ergeben sich gerade bei Dunkelheit sicher hübsche Effekte, aber dadurch wird es nicht besser. Irgendwie ist mir das, mit Verlaub, zu effektreißerisch. Gleiches gilt für das eine oder andere Großobjekt wie etwa die vor der Documenta-Halle aufgebauten Abwasserrohre von Hiwa K, der uns mit ihnen die Lebensbedingungen von Flüchtlingen nahebringen will. Vielen Besuchern scheint die Installation aber zu gefallen und sie glotzen artig in die Röhren. Das Ganze hat trotzdem einen unangenehmen Beigeschmack. Vielleicht liegt dies auch daran, dass gerade ein schickes Pärchen mit Proseccogläsern in den Händen das Werk inspizierte, als ich vorbeikam.

Eine andere große Installation, die man sozusagen im Vorübergehen erlebt, hat mich hingegen sehr überzeugt. Es sind die mit zusammengenähten Jutesäcken verhüllten Gebäude der Torwache an der Wilhelmshöher Allee. Ibrahim Mahama aus Ghana hat mit einfachen Mitteln einen gewaltigen Eindruck erzeugt. In einem der beiden Gebäude sind übrigens Teile des hessischen Verwaltungsgerichtshofes untergebracht, der sich unter anderem mit Asylanerkennungsfragen befasst. Nun ist das Haus christohaft verhüllt mit braunen Jutesäcken aus Afrika, und es bildet sich nahezu reflexhaft ein Assoziationskreis. Dass sich das zweite Gebäude der Torwache auf der anderen Straßenseite neben dem Hessischen Landesmuseum befindet und auch hier, auf gänzlich andere Weise, die direkte Berührung zweier Kulturen symbolisiert wird, verstärkt die suggestive Kraft der Installation. Auf eine solche Idee muss man erst einmal kommen.

Eine sich selbst politisch verstehende Veranstaltung wie die Documenta ist wohl immer eine Gratwanderung zwischen provozierenden Botschaften und dem dadurch ausgelösten Unwohlsein auf der einen Seite und dem Umkippen in Agitprop, wenn es einmal zu platt wird. Auch Kassel ist hier und dort nicht frei davon. Mitunter wird man das Gefühl nicht los, dass der Holzhammer ein wenig zu heftig eingesetzt wurde. Hinzu kommt, dass man aufpassen muss, nicht von der Masse der Dinge erschlagen zu werden. Wer nicht die Gelegenheit hat, ein Besuchsprogramm auf mehrere Tage zu strecken, ist gut beraten, selektiv vorzugehen und sich davon frei zu machen, alles sehen zu wollen. Man muss sich wohl auf Ausgewähltes beschränken. Für uns ist das die Fotografie. Welche Rolle spielt sie bei der Documenta 14? Wie sieht es aus mit der Präsenz des fotografischen Bildes? Die Frage ist durchaus konservativ gemeint. Wir wollen wissen, ob diese Leistungsschau zeitgenössischer Kunst, der man ja ein Gespür für künftige Trends unterstellt, innerhalb der Vielfalt der Techniken und Ausdrucksformen auch für die Fotografie einen Platz sieht. Oder ist sie vielleicht nur ein Multimediapuzzleteilchen in einer Kunst ohne Grenzen der Disziplinen?

Beginnen wir unseren Rundgang im Fridericianum. Bereits im ersten Saal, den man nach dem Eingang zur Rechten ansteuert, stoßen wir auf Fotografien. Kein Geringerer als Lucas Samaras ist hier vertreten. In der Arbeit XYZ 1550 – Placebo 97 sieht man auf mehreren Tafeln mit jeweils 24 kleinformatigen Fotografien eine Collage unterschiedlicher Themen, wobei durch die in der Mitte des Raumes aufgebaute Spiegel-Installation Hebraic Embrace eine Reflexion über deren Inhalte nahezu aufgedrängt wird. Typisch Samaras, könnte man anmerken. Gehen wir einen Raum weiter, erblicken wir die aus Fotografien montierte Treppe Brabantdam 59, Gent, Downstairs – Upstairs von Danny Matthys aus dem Jahr 1975. Hier wird konsequent die Fotografie als Medium der sequentiellen Bewegungsdarstellung genutzt. Ob das nun so originell ist, lassen wir einmal dahingestellt. Im ersten Stockwerk begegnen uns dann Fotografien von Hans Haake, der in Fotonotizen documenta 2 die Schau aus dem Jahr 1959 festgehalten hat. Das mag aus heutiger Sicht zunächst nicht so bemerkenswert sein, aber erinnern wir uns daran, dass zur damaligen Zeit die Definition der Nazis mit ihren Vorstellungen von entarteter Kunst gerade einmal vierzehn Jahre zurücklag. Wir dürfen davon ausgehen, dass das Publikum dies im Jahr 1959 teilweise noch in den Genen hatte und von daher die Documenta ein ganz anderes Erregungspotential aufwies, als sie das heute tut.

Bei unserem weiteren Rundgang kommen wir vorbei an der Photo-Topography von Carlos Garaicoa aus Havanna, die den Verfall einer Stadtlandschaft zeigt, und stoßen anschließend auf die Arbeit von George Hadjimichalis aus den neunziger Jahren, die aus einem großen Eisentisch in der Mitte sowie 64 kleineren Fotografien an den Wänden besteht. Sie trägt den etwas sperrigen Titel Crossroad. The Crossroad Where Oedipus Killed Laius. A Description and History of the Journey from Thebes to Corinth, Delphi and the Return to Thebes. Hier werden die Fotografien, die starke Interpretationsspielräume zulassen, zu einer assoziativen Kette eines imaginären Erzählstroms. Weiter geht es und wir begegnen der komplexen Arbeit Middle Passage, Chapter 3 from Fish Story von Allan Sekula, die uns mit ihren komplexen Aussagen einiges abverlangt. Anschließend erholen wir uns bei Walid Raad aus dem Libanon, der unter dem Titel No, Illness Is Neither Here nor There in fünfzehn Farbfotografien Collagen von arabischsprachigen Zettelchen zeigt, die ein wenig an die europäischen Konstruktivisten der Zwanziger Jahre oder an Künstler aus dem Dadakreis erinnern. Verstehen tun wir nichts davon. Es sieht aber gut aus.

Nach diesem Auftakt im Fridericianum, der uns aus der Perspektive der Fotografie schon einmal wohlwollend gestimmt hat, geht es weiter in die nahegelegene Documenta-Halle, sozusagen das Heimathaus des Spektakels. Hier wird doch wohl zum Ausdruck kommen, um was es den Ausstellungsmachern im Kern geht, erwarten wir. Und dies wird recht schnell deutlich. Dokumente von Menschen aus Afrika auf der Flucht, zerschmetterte Boote und der unwiderstehliche Geist archaischer Masken und ekstatischer Musik eines zerrissenen Kontinents prägen die Halle. Der europäische Feingeist ist angetan, halb erschüttert, wohl auch mit einer Prise schlechten Gewissens, und halb fasziniert von der nahezu nietzscheanischen Kulturkritik, die aus dem schwarzen Kontinent über das Mittelmeer zu uns schwappt. Gauguins Südseebilder waren ja noch geeignet, die eigenen Zivilisationsschlacken auf eher ungefährliche Weise mit dem vermeintlich Zwanglosen der unverdorbenen Wildnis zu kontrastieren. Aber jetzt, wo leibhaftige Afrikaner über das Mittelmeer zu uns strömen? Da liegen romantische Gedanken doch häufig recht fern. Und was sagt die Fotografie dazu?

Zunächst begegnet uns, die Masken gleich nach dem Eingang ignorieren wir, obwohl sie ein nettes Fotomotiv hergeben, ein Raum, der Berührungsängste abbaut. Viele von uns haben wohl schon einmal von Ali Farka Touré und seiner Band aus Mali gehört, von dem hier einige Devotionalien in Form einer Installation mit Objekten und Fotografien zusammengetragen sind. Nett anzusehende schwarze Menschen, die wie afrikanische Hippies erscheinen, was will man mehr? So könnte es doch bitte bleiben. Weiter geht es zu Fotografien aus den fünfziger Jahren von Anna und Lawrence Halprin aus ihrer kalifornischen Tanzwerkstatt, die wohl deutlich machen sollen, dass sich auch westliche Körper rhythmisch frei und fließend bewegen können, wenn man ihnen in Workshops die entsprechenden Bewegungsrituale beibringt. Sind wir nicht alle ein wenig Afrikaner? Natürlich nicht, der Hauptsaal in der Documenta-Halle holt uns in die Wirklichkeit zurück. Reste eines Flüchtlingsbootes und andere Zeugnisse der lebensgefährlichen Fahrten über das Mittelmeer zeugen davon, dass es neben der farbenfrohen afrikanischen Folklore eine gänzlich andere Alltagsrealität gibt, die sämtliche Träumereien vergessen lässt. Diese Botschaft kann wohl als Herzstück der Documenta 14 angesehen werden. Fotografie als Kunstform darf vor diesem Hintergrund zurücktreten. Dass sie hier eine eher dokumentierende Rolle einnimmt, geht völlig in Ordnung.

Etwas anders stellt sich das schon wieder im Palais Bellevue dar, dem nächsten Ausstellungsort. Olaf Holzapfels Projekt Zaun nimmt die gesamte erste Etage in Anspruch und bringt uns mit allerlei Objekten, darunter auch Fotografien, einiges über Wildnis und das menschliche Überleben in der Natur bei. Die Kultivierung der Landschaft ist in gewisser Weise auch das Thema von Lala Meredith-Vula aus Sarajewo, die im Jahr 1989 begonnen hat und dies bis heute fortführt, in der Serie Haystacks Fotografien von Heuhaufen zusammenzutragen. Das erinnert in der konzeptionellen Konsequenz an Bernd und Hilla Becher. Wieder unten im Erdgeschoss des Palais treffen wir auf die raumfüllende Installation Interior Decoration: Memento Mori der Australierin Bonita Ely, der es um posttraumatische Belastungsstörungen geht, die sich sogar noch im Leben der nachfolgenden Generation einnisten können. Bestandteil des Werkes sind die Farbfotostreifen Tour of Duty II, die Szenen von militärischen Aufzügen, Flucht und Tod zeigen. Auch hier erfüllt die Fotografie einen teils illustrierenden, teils impressionistischen Auftrag im Kontext des Gesamtwerkes.

In der benachbarten Neuen Galerie dokumentieren acht Fotografien eine Performance von Tomislav Gotovac vom 26. Dezember 1980 mit dem Titel Begging (Can You Spare Me a Dime? Thank You! The Begging Artist), die zu seiner Verhaftung führte. Verarmung gab es im damaligen Zagreb offiziell nicht und Betteln galt dementsprechend als illegal. Ebenfalls dokumentarisch wirken die Fotografien von Pierre Zucca aus der Serie Die lebende Münze, die neben Anzug tragenden Männern einige nur leicht bekleidete Frauen zeigen, offenbar bei einer Orgie in besseren Kreisen. Ob die Bilder dokumentarisch oder inszeniert sind, bleibt offen. Das Thema Prostitution setzt sich fort in den Werken von Annie Sprinkle und Beth Stephens, bei denen Fotografien und Collagen eine wichtige Rolle spielen. Die Arbeiten tragen Titel wie Ecosex Topographies, 25 Ways to Make Love to the Earth oder Why Whores Are My Heroes?. Einfacher aufgebaut und zu verstehen sind in der Neuen Galerie dann wieder Hans Eijkelbooms Fotografien von drei Kommunisten, jeweils mit Marx, Lenin und Mao im Hintergrund.

Den Abschluss unserer Suche nach der Fotografie bildet der Besuch des Hessischen Landesmuseums. Und schnell werden wir auch hier fündig. Gauri Gill aus Indien zeigt in surreal anmutenden Bildern Menschen in alltäglichen Lebenssituationen, die Masken verschiedenster Art tragen, und verknüpft auf diese Weise das Banale mit dem Phantastischen. Zusammen mit Rajesh Vangad entstand zusätzlich die aus sieben Werken bestehende Serie Fields of Sight, bei denen mit Tinte vielfältige kleinteilige Muster und Symbole auf Pigmentdruckfotografien gezeichnet sind. Auch das bildet einen wirkungsvollen Kontrast, der zum Verweilen einlädt. Die Arbeiten von Gauri Gill und Rajesh Vangad werden jedenfalls nachhaltig in Erinnerung bleiben, nicht nur, weil sie den abschließenden Eindruck vom Beitrag der Fotografie auf der Documenta 14 prägen.

Wie bewerten wir nun in der Gesamtsicht die Präsenz der Fotografie in Kassel? Muss man sie abschreiben, weil sie keine herausgehobene Rolle als eigenständige Kunstgattung spielt? Nein, natürlich nicht. Eher trifft das Gegenteil zu, obwohl es keine Riesenformate gibt, die an anderer Stelle die zeitgenössische Fotografie von Gursky bis Tillmans kennzeichnen. In Kassel tritt sie bescheidener auf. Das erscheint uns durchaus sympathisch, denn anstelle gigantischer Arbeiten sieht man Vieles, das sich, ohne zu protzen, in kleinerer Gestalt einbringt. Dabei fällt auf, dass es so gut wie keine fotografischen Einzelwerke gibt. Nahezu durchgängig erscheinen die Bilder in Form von Reihen oder als Bestandteile von Konzepten und Installationen. Der Gewinn solcher Serien liegt darin, dass der Betrachter unmittelbar die Intention des Künstlers versteht, sich nicht im Artifiziellen des einzelnen Bildes ergehen zu wollen, sondern ein weitergehendes Konstrukt anbietet. Hinzu kommen die Abstrahleffekte. Das Foto, das nicht für sich allein steht, stellt sich in den Dienst einer übergeordneten Idee. Dadurch ergeben sich für den Betrachter impressionistische Situationen. Man nimmt das Ganze als eine Einheit wahr, die mehr ist als die Summe seiner Teile. Auf diese Weise werden Botschaften eindringlicher vermittelt, als das ein Einzelbild jemals leisten könnte. Nun wird auch deutlich, warum die Größe des Bildes bei der Serie keine maßgebliche Rolle spielt. Die künstlerische Botschaft erhält ihre Bedeutung nicht durch Volumen, sondern aufgrund der eigenen seriellen Kraft sowie der gedanklichen Konzeptentschlüsselung seitens des Betrachters.

Die Documenta ist keine Messeveranstaltung, bei der jeder Produktanbieter einen Stand mieten und sich präsentieren kann, sondern eine Schau, der es um die künstlerische Auseinandersetzung mit Kolonialismus, Nationalismus und den vielfältigen negativen Begleiterscheinungen der wirtschaftlichen Globalisierung geht. Das war schon in früheren Jahren so, und das prägt auch die Documenta 14. Betrachten wir dies als ihren Markenkern. Aber der Hinweis darauf, dass wir unseren Wohlstand auch der Ausbeutung anderer Regionen sowie unfairen Handelsbeziehungen verdanken, kann in der Tat nicht oft genug wiederholt werden. Da darf die Fotografie durchaus Mittel zum Zweck bleiben, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen. Hierfür gibt es andere Veranstaltungen.

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