Die Portraitreihe als Bild der Gesellschaft

von Ulrich Metzmacher

In der Geschichte des fotografischen Portraits nimmt das Werk August Sanders eine besondere Stellung ein. Häufig der Neuen Sachlichkeit zugeordnet, bildet es mehr noch eine eigenständige Kategorie zwischen dem konventionellen Portraitbild der Jahrhundertwende und der Formensprache der Moderne. Sein um 1925 entworfenes Konzept für die Bildersammlung Menschen des Zwanzigsten Jahrhunderts erinnert in mancherlei Hinsicht an die Ästhetik der Rollendarstellungen aus wilhelminischer Zeit, geht aber weit darüber hinaus.

Nach der Ausbildung zum Fotografen baute Sander ab 1910 in Köln sein Atelier auf. Dort sowie im Westerwald entstanden in den Folgejahren zahlreiche Portraits von Menschen unterschiedlicher Sozialschichten, zunächst noch ohne verbindende Konzeptidee. Geprägt durch die klassische Ausbildung mit der Großbildkamera handelte es sich meist um gründlich vorbereitete Frontalaufnahmen in Ganzkörperansicht. Die Menschen gaben durch ihre Kleidung sowie sparsam eingesetzte Accessoires Hinweise auf ihre berufliche Zugehörigkeit. Aber der Betrachter spürt, dass sie nicht lediglich als Rollenträger gezeigt werden, sondern ebenso als Persönlichkeit mit individuellem Ausdruck. Zwar meint man, eine Reihe klassischer Merkmale der konventionellen Repräsentationsfotografie zu erkennen, wie sie im letzten Blogbeitrag beschrieben worden sind, die Menschen wirken jedoch bei Sander weniger auf Statusrepräsentanz bedacht und blicken mit einem in sich ruhenden Selbstbewusstsein in die Kamera. Wir dürfen vermuten, dass dies mit Sanders Fähigkeit zu tun hat, trotz steuernder Regieanweisungen und zeitaufwändiger Inszenierung eine Atmosphäre herzustellen, die für die Entspannung von Gesichtszügen und Körperhaltung förderlich war.

Hinzu kam, dass August Sander das Wesen der gesamten Photographie als dokumentarisch verstand. Seine Portraits wollten Bilder sein, die den Dargestellten für sich selbst sprechen lassen, ohne dass der Fotograf mit seinen persönlichen Wertungen eingreift. Auf diese Weise entstanden Aufnahmen mit starker Ausdruckskraft, die trotz einiger oberflächlicher Verwandtschaft mit dem herkömmlichen Standbildportrait einen ganz eigenen Charakter aufwiesen. Dieser verband Individuelles mit Idealtypischem.

In den Zwanziger Jahren kam Sander in Kontakt mit progressiven zeitgenössischen Künstlern, unter ihnen Otto Dix und Raoul Hausmann. Nicht zuletzt aufgrund dieser Begegnungen darf man eine Affinität zum Blick auf Gesellschaftskritisches vermuten. Formel lagen dennoch Welten zwischen ihnen. Während es bei Dix stets um Abgründiges, Morbides und Triebhaftes ging und bei Hausmann um dadaistische Konstruktionen, suchte Sander dokumentarisch nach dem Ausdruck des Menschlichen im individuellen Antlitz und gleichzeitig nach dem überindividuell Gültigen. Die Aufnahmen versah er deshalb zwar mit Orts- und Zeitangaben, nicht jedoch mit den Namen der Abgebildeten. Das Individuelle zeigte sich einzig in deren Ausdruck. Durch die Anonymität wurde gleichwohl Idealtypisches, Verallgemeinerbares suggeriert.

Sanders Konzeption sah 45 Reihen zu jeweils 12 Bildern mit einer systematisch geordneten Darstellung verschiedener Berufs- und Sozialgruppen vor. 1927 wurde die Idee im Kölnischen Kunstverein vorgestellt und 1929 erschien, gedacht als Vorausschau, der Band Antlitz der Zeit mit einer Auswahl von sechzig Bildern. Nach der Machtübernahme der Nazis wurde einige Jahre später dessen weitere Auslieferung verboten, die Druckvorlagen wurden vernichtet. Die Gründe für die Aversion lassen sich relativ klar rekonstruieren. Die Portraits entsprachen eben nicht einer volkstümlich zugeneigten Brauchtumsfolklore, wie manche Kritiker Sanders später zu erkennen meinten, sondern, und das hatten die braunen Machthaber durchaus richtig gesehen, einer vorurteilsfreien, in gewisser Weise tatsächlich dokumentarisch angelegten Sicht. Die kruden Rassentheorien der Nazis konnten mit einer solchen Portraitsammlung, die den Abgebildeten in wertungsfreier Absicht begegnete, nicht nur nichts anfangen, sondern betrachteten sie als gefährlich für die eigene Ideologie. Der Guardian schrieb im Jahr 2017 anlässlich einer Ausstellung von Fotografien Sanders in der Tate Liverpool: Nothing less than humanity was Sander’s subject, and he found it everywhere he looked. Each individual is accorded equal dignity. Genau damit wollten die Nazis nun aber auf keinen Fall etwas zu tun haben.

August Sander, der sich als Dokumentarist seiner Zeit verstand und die Dinge in absoluter Naturtreue wiederzugeben anstrebte, ließ sich für rassentheoretisch begründete Unterscheidungen zwischen Herren- und Untermenschen nicht vereinnahmen. Er verstand sich vielmehr als neutraler Gesellschaftsanalytiker. Alfred Döblin schrieb deshalb 1929 im Vorwort zu Sanders Bildband folgerichtig: Wie man Soziologie schreibt ohne zu schreiben, sondern indem man Bilder gibt, Bilder von Gesichtern und nicht etwa Trachten, das schafft der Blick dieses Fotografen, sein Geist, seine Beobachtung, sein Wissen und nicht zuletzt sein enormes fotografisches Können.

Dies alles bedeutet jedoch nicht, August Sander unkritisch zu begegnen. Der Ansatz, Menschen anhand fotografischer Bilder zu kategorisieren, findet gewisse Parallelen bei der im vergangenen Jahrhundert lange Zeit gebräuchlichen Ordnung von Verbrechertypen und psychiatrischen Auffälligkeiten sowie auch bei anthropologischen Zusammenstellungen von Rassemerkmalen. Die vergleichende Fotografie diente hier insofern als Herrschaftsinstrument, als es um kollektive Zuschreibungen mit bewertenden Konnotationen ging, nicht jedoch um die Individualität der Abgebildeten. Dies entsprach nicht Sanders Intention, aber schon Walter Benjamin hatte nach dem Erscheinen von Antlitz der Zeit geahnt, dass die Methodik der fotografischen Idealtypenbildung auch für politische Zwecke eingesetzt werden kann, wenn Äußerlichkeiten zum Distinktionsmerkmal stilisiert und in eine normative Rangreihenfolge gebracht werden. Aber selbst, wenn es nicht um Propagandaeffekte ging wie zur Zeit des Nationalsozialismus mit ideologisch aufgeladenen Bildreihen von Herren- und Untermenschen, besteht bei allen idealtypisch gemeinten Darstellungen die Gefahr, dass sich beim Betrachter Erwartungsbilder festsetzen, wie Vertreter eines bestimmten Berufes oder einer bestimmten sozialen Gruppierung auszusehen haben. Dies gilt auch für das Portraitsystem Sanders, das ja gerade mit dem Anspruch konzipiert worden war, einen verallgemeinerungsfähigen bildlichen Querschnitt der Gesellschaft zu schaffen. Daneben, dies unsere zweite Anmerkung, lässt die in seinen Fotografien zum Ausdruck kommende, scheinbar selbstbewusste Gelassenheit der Dargestellten nichts anklingen von den gesellschaftlichen Verwerfungen und politischen Konflikte, die bereits die ersten beiden Jahrzehnte des Jahrhunderts geprägt hatten, bevor sie dann in die endgültige Katastrophe führen sollten. Der konzeptionelle Ansatz Sanders ist deshalb durchaus problematisch und der Anspruch, mit ihnen ein Bild der Gesellschaft zeichnen zu können, in gewisser Weise wohl verfehlt.

Die Bedeutung August Sanders für die Geschichte der Portraitfotografie, aber auch der Fotografie überhaupt, ist trotz solcher Einwände unbestritten. Nach dem Krieg wurde 1951 mit großem Erfolg im Rahmen der photokina eine Schau seiner Bilder gezeigt, wenige Jahre später folgte eine vielbeachtete Ausstellung im Museum of Modern Art in New York. Anfang der sechziger Jahre stellte Sander eine Auswahl von 70 seiner Fotografien aus dem Kaiserreich bis in die dreißiger Jahre zusammen und ließ von diesen neue Abzüge herstellen. Sie werden gegenwärtig im Museum der Bildenden Künste in Leipzig gezeigt. Die Ausstellung läuft noch bis zum 2. Dezember 2018.

 

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