Die Moral und das Fremde

von

Für den Katalog zur Weltausstellung der Photographie, die im Jahr 1964 in verschiedenen europäischen Städten stattfand, verfasste Heinrich Böll einen Prolog, der sich mit dem moralischen Potential der Fotografie und der Gratwanderung zwischen einer voyeuristischen, effektheischenden und mitunter menschenverachtenden Darstellung auf der einen Seite und den Möglichkeiten einer empathischen, respektvollen Form andererseits beschäftigt.

Wer am Schlüsselloch lauert, entdeckt natürlich den Menschen in seiner Gebrechlichkeit, so Böll. Und genau hier scheidet sich die Moral von ihrem Gegenteil. Das besondere Schicksal Einzelner lässt sich fotografisch so darstellen, dass sie ihre Würde behalten und das Bild als potentielles Schicksal aller verstanden werden kann, oder es spielt sich die Intention des Fotografen in den Vordergrund, zu ertappen, zu denunzieren, zu entlarven.

Der voranstehende Text ist dem Zweiten Kapitel der Gedanken zum fotografischen Bild entnommen.

 

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