Die klassische Moderne im Original

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Wenn wir die Gelegenheit bekommen, Originalfotografien der Avantgardekünstler der Zwanziger Jahre zu betrachten, stellen wir nicht selten eine technische Qualität fest, die nicht unbedingt heutigen Maßstäben entspricht. Mal sind es offenbar unbeabsichtigte Unschärfen, mal flaue Ausbelichtungen, nicht zuletzt auch die kleinen Präsentationsformate, aufgrund derer sich diese Fotografien eindeutig einer vergangenen Epoche zuordnen lassen. Gleichwohl üben sie bis heute eine besondere Faszination aus.

Vielleicht ist es eine subkutane Aura, die uns bei den alten Prints eines Man Ray innehalten lässt, wenn wir plötzlich vor dem Original eines Bildes stehen, das wir bisher lediglich aus Buchreproduktionen kannten. Die direkte visuelle Berührung mit der Vergangenheit schafft einen gänzlich anderen Bezug zum Werk als das Nachgedruckte, und man fühlt sich den Dadaisten und Surrealisten der Zwanziger Jahre auf einmal recht nahe. Inhaltlich sind wir fasziniert von den abstrakten Bildern, bei denen ein innovatives Gestaltungsverständnis spürbar wird, das sich vollkommen von der gestelzten Standbildfotografie der vorangegangenen Zeit entfernt hat. Gleiches gilt für die bis in die Gegenwart gültigen und uns vertrauten fotografischen Ausdrucksformen der Überlagerungen, Licht- und Schattenspiele Man Rays oder für die konstruktivistischen Werke eines Alexander Rodtschenko. Was wir heute als etabliertes Stilmittel einordnen, war damals etwas zuvor nie Gesehenes. Extreme Kamerahaltungen, gekippte und stürzende Linien sowie eine grafisch orientierte Reduktion auf starke Kontraste bildeten ein Gegenprogramm zum traditionellen Naturalismus der klassischen Fotografie.

Auch bei El Lissitzky stehen fotografische Montagen sowohl in der Positiv- wie der Negativtechnik im Vordergrund und man versteht intuitiv deren Bedeutung bis hin zur modernen Typografie und das heutzutage gewohnte Layout von Printprodukten. Rational Konstruktivistisches und Surrealistisches gehen dazu eine für die Bildsprache archetypische Verbindung ein. So ist sein Portrait Kurt Schwitters zu einer der Ikonen des Zwanzigsten Jahrhunderts geworden, und wenn wir dem Original gegenüberstehen, nehmen wir unmittelbar die zeitlose Ausstrahlung wahr. Ähnliches gilt für Werke des Dadaisten und Collagisten Raoul Hausmann oder die von Otto Maximilian Umbehr, genannt UMBO, die unseren heutigen Sehgewohnheiten auf eine verblüffende Weise nahe sind. Insbesondere im Vergleich zu den vielen immer noch realitätsabbildend aufgenommenen Fotografien der Gegenwart zeigen sie eine erfrischend klare und moderne Ausstrahlung.

In der Reihe der hier Genannten darf als Repräsentant der einflussreichen Bauhaus-Fotografie und des Neuen Sehens László Moholy-Nagy nicht unerwähnt bleiben. Fotografien, Fotogramme, Lichtplastiken und Experimentelles verschiedenster Art machen ihn zu einer der Zentralgestalten der Moderne. Obwohl seine Werke regelmäßig als Exponate in Museen oder im Rahmen von Programmausstellungen zu sehen sind, gilt auch hier immer wieder das Besondere der direkten Begegnung mit dem Original. So sind die Fotografien von erhöhten Aufnahmestandorten hinab in die Tiefe bis heute herausragende Beispiele für nahezu ausschließlich den Prinzipien der Flächengestaltung unterworfene Aufnahmen. Wir verstehen dies viel unmittelbarer, wenn wir dem Original gegenüberstehen, obwohl doch auch eine Buchreproduktion die reine Sachinformation beinhalten würde. Unsere Wahrnehmung pegelt sich jedoch beim Original offenbar wirkungsvoller auf den zeittypischen Rahmen der Entstehungsbedingungen des Bildes ein, als dies bei einer Reproduktion jemals der Fall sein kann.

Mehr als achtzig Fotografien der hier Genannten aus der Sammlung Barbara und Horst Hahn werden noch bis zum 3. September 2017 im neu zusammengeführten Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst am Standort in Cottbus gezeigt. Sowohl die Ausstellung selbst wie die Räumlichkeiten im alten Dieselkraftwerk, das nun mit dem Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) vereint ist, lohnen einen Besuch. Wir wünschen dem neuen Landesmuseum eine gedeihliche Zukunft und hoffen auf weitere Ausstellungen dieser Art.

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