Die Kant-Garagen. Ein Stück Zeitgeschichte

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In der Berliner Kantstraße befindet sich die älteste noch erhaltene Hochgarage Europas mit doppelter Wendeauffahrt. Erbaut in den Jahren 1929/1930, war sie bis in die jüngste Zeit vollständig im Betrieb. Nun soll sie umgewidmet und für andere Zwecke hergerichtet werden. Der Berliner Fotograf Klaus Wazlak hat die letzten Tage der ursprünglichen Kant-Garagen festgehalten. Ein Bildband zeigt einige ihrer architektonischen Facetten und dokumentiert impressionistisch die nun zu Ende gehende Epoche dieses bedeutsamen Bauwerkes.

Im Jahr 1932 fanden im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Führungen durch die Kant-Garagen statt, die das konzeptionell und gestalterisch Neuartige einem breiteren Publikum nahebringen sollten. Architekturhistorisch wird die Bedeutung als Bauwerk der Neuen Sachlichkeit heute ähnlich eingeordnet wie die des Bauhaus-Gebäudes in Dessau. Die weitere Geschichte bis zu dem vor einigen Jahren geplanten Abriss, dem allerdings aufgrund der Einordnung als Baudenkmal kein Erfolg beschieden wurde, ist gut dokumentiert.

Wie nun künftig die postmoderne Umnutzungsarchitektur mit dem Gebäude verfahren wird, bleibt abzuwarten. Nicht unwahrscheinlich ist, dass wir in einigen Jahren ein weiteres Beispiel für einen schick gemachten Industriebau betrachten können, bei dem sich authentische Altaccessoires bis hin zum unverputzten Mauerwerk als Hingucker in einer Event-Location wiederfinden. Eine kleine Informationstafel im Eingangsbereich der künftigen „Kant-Garagen“ wird ihre Besucher dann aber ganz bestimmt mit einigen Anmerkungen zur Vergangenheit des Bauwerkes mental auf historischen Kurs bringen.

Der vorliegende Bildband von Klaus Wazlak ist als Self-Publishing-Projekt entstanden. Dies bedeutet, dass der gesamte Prozess von den Aufnahmen vor Ort bis zum Layout des Heftes und dem Begleittext in den Händen des Autors lag. Das Ergebnis hat uns sehr zugesagt. Ausfahrt Kant-Straße ist ein gelungenes Beispiel für die Publikationsmöglichkeiten, die uns heute gegeben sind. Ob es sich um Projekte wie im vorliegenden Fall handelt oder um Geschichten, die mit der Kamera erzählt werden, die Unabhängigkeit von den Distributionskanälen der etablierten Verlage ist eine enorme Chance für kreativ tätige Fotografinnen und Fotografen. Aber es steigen natürlich auch die Anforderungen. Was auf diesen neuen Wegen entsteht, wird Qualitätskriterien genügen müssen, die ganz nahe dran sind am professionellen Niveau.

Wir haben mit Klaus Wazlak über seine Motive zum Projekt Ausfahrt Kant-Straße und die Realisierung bis hin zum vorliegenden Bildband gesprochen.

 

fotosinn: Klaus, zunächst, wie bist Du auf das Thema Kant-Garagen gestoßen?

Klaus: Ich habe im Rahmen eines Master-Seminars bei der Berliner Fotografin Ebba Dangschat nach einem passenden Foto-Projekt gesucht und mich dabei an die Kant-Garagen erinnert, die ich schon seit meinen ersten Tagen in Berlin kenne, weil ich mal in der Gegend gearbeitet habe. Die Charlottenburger Kantstraße hatte ja schon immer ihren besonderen Reiz, hat auch mehrfach in den vergangenen Jahren ihren Charakter vollständig verändert. Was aber immer gleich geblieben ist, das war dieser markante, dunkle und abweisend wirkende Fremdkörper des Garagengebäudes zwischen den Gründerzeit- und Sechziger-Jahre-Häusern. Zeitgleich mit meiner „Ideenfindung“ konkretisierten sich die Pläne eines Verkaufs der Garagen und die Umwandlung in ein Apartmenthaus mit Biosupermarkt, und damit war klar, das wird mein Thema.

fotosinn: Gab es irgendwelche Probleme, dort zu fotografieren.

Klaus: Damit hatte ich eigentlich gerechnet, das war aber nicht so. Der neue Eigentümer hat auf meine Anfragen nicht reagiert und als ich das erste Mal mit Kamera in das Gebäude ging, habe ich zu meiner Überraschung festgestellt, da gibt es nichts, was den Zugang behindert. Der Bau stand vollkommen offen, ich konnte vom Keller bis unters Dach überall fotografieren. Entsprechend sah es dort aber auch aus. In den vier Monaten, in denen ich immer wieder dort war, konnte ich regelrecht den Verfall und die Vermüllung des historischen Gebäudes verfolgen. Ich hätte dort auch gut eine Fotostudie zur „Broken-Windows-Theorie“ anfertigen können, aber mein Interesse galt der Architektur und den Relikten aus der Hoch-Zeit als Garage.

fotosinn: Der Bildband Ausfahrt Kant-Straße hat Dich ja nicht nur als Fotograf gefordert, sondern Du musstest Dich mit dem Thema Layout und anderen, auch rechtlichen Fragen befassen. Wie macht man das?

Klaus: Ich bin ausgebildeter Journalist und habe in den Anfangsjahren noch Zeitungssatz in einer kleinen Lokalredaktion gemacht. Das hat mir sicherlich geholfen. Der Rest war Intuition, dazu kamen hilfreiche Informationen aus Internet und Büchern, wo ich immer nachgeschaut habe, wenn ich mal nicht weiter wusste. Und trial and error. Ich habe das Magazin in book wright, dem Blurb-Programm, am Computer layoutet und diverse Versuche auch immer wieder verworfen, so lange, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden war.

fotosinn: Du hast das Projekt mit dem Online-Dienstleister Blurb realisiert. Wie waren Deine Erfahrungen?

Klaus: Gut, vor allem, was den Support angeht. Denn als ich das Magazin aus dem Druck zurückbekam, klaffte in dem Falz eine große Lücke, in der der weiße Anschnitt sichtbar war. Die Klebebindung war mangelhaft. Bei Fotos über eine Doppelseite hinweg geht das natürlich gar nicht. Ich habe das dann reklamiert, per Mail, und es gab einen konstruktiven Dialog, der nach ein paar weiteren Versuchen zu sehr guten Ergebnissen geführt hat. Ich habe das Magazinformat gewählt, mit einem hochwertigen Premiumpapier, und bin mit dem Produkt und der Druckqualität sehr zufrieden.

fotosinn: Hast Du Dein Projekt völlig alleine realisiert? Oder gab es da einen Austausch mit anderen, die Dich beraten haben?

Klaus: In der Anfangsphase gab es sehr nützliche Diskussionen in der Master-Klasse und mit der Dozentin, bei der Konzeption und der Auswahl der Fotos, ich habe mich ja bewusst im Magazin auf 28 Seiten beschränkt. Auch einen ersten Layout-Entwurf konnte ich dort noch präsentieren, das endgültige Layout habe ich dann allerdings selber festgelegt.

fotosinn: Wie geht es weiter, gibt Du schon neue Projekte im Kopf?

Klaus: Zuerst will ich meine bisherigen Projekte zeigen. Anfang Oktober stelle ich die Kant-Garagen-Bilder zusammen mit Fotos aus Istanbul bei DruckArt Berlin aus. Der Titel ist Blocked Horizons. Das passt sehr gut, weil es in beiden Serien um Stadterneuerung und Gentrifizierung geht. Und im November mache ich eine Ausstellung mit einer ganz anderen Serie. Die ist auf der Sorrent-Halbinsel in Italien entstanden ist und heißt „was vom Sommer bleibt“.

fotosinn: Darüber hinaus, wie schätzt Du generell die weitere Entwicklung der nicht- oder semiprofessionellen Fotografie ein? Mal etwas polemisch gefragt, sollten wir weiter Instagram, Flickr und Co. mit abertausenden von Fotografien füllen, oder wäre es nicht besser, wenn wir uns im ambitionierten Segment auf etwas weniger, aber dafür wertigere Dinge konzentrieren?

Klaus: Für mich habe ich die Antwort auf Deine Frage gefunden: Die sozialen Medien nehme ich wahr, beteilige mich als Fotograf daran aber nicht aktiv. Ich werde sicherlich dem „ambitionierten Segment“, wie Du das so schön nennst, erhalten bleiben und setze ganz traditionell auf Ausstellungen und Self-Publishing-Produkte wie das Kant-Straßen-Magazin. Was mich allerdings nicht hindern wird, mir in Kürze auch eine eigene Website einzurichten.

fotosinn: Vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf Weiteres, sowohl von Dir wie auch von anderen, die mit anspruchsvollen Self-Publishing-Projekten ihr Können einem größeren Publikum zeigen wollen.

 

Einen visuellen Eindruck von Klaus Wazlaks Bildband Ausfahrt Kant-Straße bekommt man hier. Von dort kann das Heft auch bezogen werden.

 

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