Die Kamera als Waffe

von Ulrich Metzmacher

Vor noch nicht langer Zeit war der ambitionierte, überwiegend männliche Fotoamateur voller Stolz mit einer professionell erscheinenden Spiegelreflexkamera unterwegs, bestückt mit einem beeindruckenden Superzoom, das Ganze getragen am Kameragurt Sniper. Und nicht selten posierte er wie ein Scharfschütze beim Shooting. Die Begrifflichkeit ist kein Zufall. Schon immer wurden Kameras wie Waffen eingesetzt, von Paparazzi etwa, die ihr Opfer jagten, bis deren Fahrzeug an der Wand eines Pariser Straßentunnels zerschellte.

Als Folge des unaufhaltsamen Gebrauchs des Smartphones hat sich der allgemeine Charakter des Fotografierens verändert. Die Taschenkameras im Kleinformat sind weitgehend vom Markt verschwunden, und auch die großen Schwarzen, ob nun mit oder ohne Spiegel, sind in der Öffentlichkeit immer seltener zu sehen. Mit einem großvolumigen Objektiv bestückt, scheint es sich bei ihnen um eine aussterbende Spezies zu handeln, die nur noch von professionellen Tierfilmern, Sportfotografen und auf der Parlamentsempore zum Einsatz kommt.

Das Verständnis der Kamera als Jagdgerät hat eine lange Tradition. Dies sogar wörtlich genommen. In einschlägigen Zeitschriften und Internetforen für den Jäger werden Gerätschaften angeboten, die eine fotografische Fixierung des tödlichen Schusses ermöglichen. Mann will sich später offensichtlich daran erinnern können, auf welche Weise da etwas zur Strecke gebracht wurde. In Frankreich ist das übrigens anders. Dort wurden Aufnahmen mit Kameras, die an Waffen befestigt oder Teil der Zieloptik sind, verboten. Das Ansehen der Jägerschaft hatte aufgrund entsprechender Trophäenfilme im Internet zu sehr gelitten. Aber Shootings sind nun einmal mit beiden Geräten möglich. Und wem das eher miese Image des schießwütigen Jägers auf Dauer zu lästig wird, sattelt eben um auf das beindruckende Camouflage-Tele, mit dem man auf Fotosafari weiterhin Großwildjäger spielen kann.

Die Bedienungsweisen der Flinte und der Kamera folgen einer ähnlichen Logik. Zunächst wartet man auf den richtigen Augenblick und dann wird der Abzug beziehungsweise der Auslöser betätigt. Diese Parallelität hatte einstmals sogar Auswirkungen auf die Gestaltung der Apparatetechnik, wie etwa bei den Schnellschussobjektiven von Novoflex, die vor einigen Jahrzehnten bei Sport- und Tierfotografen eine große Verbreitung fanden. Riesenlange Teleobjektive konnten mit dem Pistolengriff relativ schnell scharf gestellt und die Kamera ausgelöst werden. Autofokus war noch unbekannt. Das Ganze sah allerdings recht gewaltig aus, nicht unähnlich einer etwas klein geratenen Panzerfaust.

In der Sowjetunion hatte man bereits in den vierziger Jahren die Konvergenz vorangetrieben und den Holzschaft eines Gewehrs mit einer Kamera verbunden. Diese Konstruktion, die bis in die sechziger Jahre weiterentwickelt wurde, trug, übersetzt, den Namen Photosniper. Eingestellt und ausgelöst wurde, wie bei den Novoflex-Objektiven, mit Hilfe eines Pistolengriffs. Aber auch schon diese Gewehrkameras hatten Vorläufer im 19. Jahrhundert. Musste Eadweard Muybridge für die Chronofotografien eines galoppierenden Pferdes noch bis zu 30 nacheinander ausgelöste Kameras einsetzen, benötigte Étienne-Jules Marey 1883 nur noch einen Apparat, mit dem eine ganze Belichtungsserie eingefangen werden konnte. Die Idee zu dieser Kamera hatte er von Jules César Janssen übernommen, dessen Astronomischer Revolver von 1874 dem Design der amerikanischen Waffenikone Colt nachempfunden war. Nach jeder Auslösung rotierte die Trommel des Kamerarevolvers ein Stück weiter, bis die gewünschte Sequenz in Einzelbildern aufgenommen war. Für astronomische Aufnahmen reichte die Geschwindigkeit des Gerätes vollkommen aus. Marey gelangen dann zehn Jahre später mit weiterentwickelter Technik aber auch fotodynamische Bilder mit deutlich schnellerer Taktung, die aufeinandergeschichtet wie Aufnahmen mit einem Stroboskopblitz wirkten.

Noch früher als die Erfindungen von Janssen und Marey datiert eine Begebenheit, auf die Lucia Moholy in A Hundred Years of Photography 1839-1939 hingewiesen hat. Demnach wurde im Jahr 1860 in London ein Mann verhaftet, nachdem er eine Waffe auf Queen Victoria gerichtet hatte. Das Gerät stellte sich allerdings als Fotoapparat heraus. Sein Erfinder nannte ihn Pistolgraph. Thomas Skaife darf deshalb nicht nur als Konstrukteur, sondern als eigentlicher Begründer der mentalen Konvergenz von Waffe und Kamera gelten, die bis weit in das Zwanzigste Jahrhundert für so manchen Fotografen von Bedeutung bleiben sollte.

Heute sieht das, von einigen Spezialisten abgesehen, anders aus. Dies hat unmittelbar mit der technischen Entwicklung zu tun. Im Bereich der Massenfotografie sind die voluminösen Kameras so gut wie verschwunden und als Protzgeräte nicht mehr geeignet. Niemand erntet heute noch ehrfurchtsvolle Blicke, wenn er mit einer fototechnischen Bazooka daherkommt, und kriegerische Heldenposen wirken eher lächerlich. Der Macho mit Kamera hat ausgedient. Im Übrigen hat die qualitative Entwicklung der Technik ein Niveau erreicht, durch das die früheren Privilegien der Profis und auch der ambitionierten Amateure mit dem teuren Equipment in vielen Fällen obsolet wurden. Das ganz große Besteck wird nur noch für wenige, überwiegend professionelle Spezialzwecke benötigt.

Die Fotografie hat nach der Erfindung der Kleinbildkamera vor fast einhundert Jahren durch Digitalisierung und Miniaturisierung eine zweite Demokratisierungswelle erfahren. Heute stehen für jedermann und jedefrau kleine Apparate mit Superzoom, Bildstabilisator, rauscharmen Sensoren und 4K oder mehr zur Verfügung. Oder eben das Smartphone, dessen Fotofähigkeit sich in den nächsten Jahren noch weiter entwickeln wird. Große Flintenkameras haben sich für den Alltag überlebt und das mit ihnen einstmals verbundene martialische Gehabe des jagenden Fotografen ebenfalls.

Der Faszinationscharakter fotografischer Geräte ist schwächer geworden. In der hochtechnisierten Welt gibt es genügend andere Spielzeuge, die mit der Kamera konkurrieren können und auf die sich die vorwiegend männliche Technikaffinität richtet. Gleichzeitig ist die Konjunktur der Fotografie in Galerien und Museen noch nie so stark gewesen wie heute. Von einer männlichen Dominanz der Besucher kann hier nicht mehr die Rede sein. Ganz im Gegenteil, die Fotografie ist weiblicher geworden. Frauen stellen einen erheblichen Anteil der Besuchenden, und sie fotografieren selbst wesentlich aktiver als in früheren Jahrzehnten. Dies gilt im hohen Maße für die Gelegenheitsfotografie, nicht nur mit dem Smartphone, zeigt sich aber auch bei der ambitionierten Fotografie und den Studierenden der einschlägigen Ausbildungsgänge. Die Fotografie und ihr Image haben sich seit geraumer Zeit von einer männlich dominierten Angelegenheit entfernt. Nicht zuletzt deshalb darf die Geschichte von der Kamera als Waffe als eine historisch gewordene Kuriosität betrachtet werden. Was nicht ausschließt, dass sie hier und dort weiterhin ein paar Anhänger findet.

 

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