Die Furcht vor dem eigenen Portrait

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Der Mensch ist das einzige Lebewesen mit einer abstrakten Vorstellung von sich selbst. Und auch nur er denkt darüber nach, wie andere ihn wohl sehen. Nur allzu gerne betrachtet er sich deshalb im Spiegel. Dieser zeigt ihn allerdings, nomen est omen, spiegelverkehrt. Da die Gesichtshälften nicht identisch ausgeprägt sind und nur wenige einen symmetrischen Mittelscheitel tragen, sehen uns andere eben nicht so, wie es das Antlitz im Spiegel suggeriert. Anders ist dies bei einer Fotografie.

Da sie uns korrekt zeigt, nehmen wir das im Vergleich zum Spiegelbild ungewohnte Portrait distanzierter wahr, als dies beim morgendlichen Blick im Badezimmer der Fall ist. Dafür können wir nun die Sichtweise eines Gegenübers einnehmen. Zwar betrachtet uns auch dieser durch bestimmte Subjektivitätsfilter, die wir im Übrigen nicht kennen. Aber darum geht es nicht. Bedeutsam ist allein die Überlegung, wie wir wohl von anderen gesehen werden könnten.

Noch wichtiger als dieser Gedanke ist allerdings der Wunsch, auf eine bestimmte Weise gesehen zu werden. Wie schön ist es da, wenn eine Fotografie unserem Idealbild entspricht. Und schon sind wir in der Welt der Schauspielerei. Da wird beim Auftauchen einer Kamera gelächelt und gekünstelt, was das Zeug hält, oder es wird eine betont entschlossene, finstere oder gelangweilte Pose eingenommen. Hauptsache, die Präsentation nährt das angestrebte Image. Da alle dieses Spiel kennen, werden die hunderttausend Schnappschüsse und Selfies meist nicht überbewertet und bleiben in der Regel belanglos. Beim eigenen Bild sind wir schon zufrieden, wenn es nicht peinlich geworden ist. Einige jedoch fürchten das Portrait so sehr, dass sie jeder Kamera aus dem Weg gehen und das Fotografiertwerden kategorisch untersagen.

Die Imaginationskraft von Bildern ist eine Macht. Dies ist seit Jahrhunderten bekannt, schon lange vor der Fotografie. Da sich Bilder endlos betrachten lassen, können sich Vorstellungen entwickeln, die sich verselbständigen und in Form von Überzeugungen schließlich verfestigen. Fotografien sind geeignet, komplexe Dinge, und dazu gehört eben auch die Persönlichkeit von Menschen, zu versimpeln. Portraits führen regelmäßig zu Projektionen, also zu Erwartungen und Vorurteilen.

Exkurs mit Perspektivwechsel: Wir leben in einer Zeit mit bestenfalls diffusen Gottesvorstellungen. Es entspricht nicht der säkularen Logik modernen Denkens, Dinge zu glauben. In früheren Zeiten war dies anders. Beim religiösen Bilderverbot, also der Untersagung bildlicher Darstellungen Gottes, ging es nicht um einen Wahrheitsdiskurs nach heutigen Kriterien, sondern um die Verteidigung von Glaubensgrundsätzen und Gewissheiten. Diese hatten zu jener Zeit den Charakter unbedingt geltender Tatsachen. Wer deshalb ein Bild des Göttlichen schuf, stellte durch die Reduktion auf Vorstellbares dessen transzendente Eigenschaften, seine Unendlichkeit, das Übermenschliche und die prinzipielle Unbegreiflichkeit, in Frage. Die Darstellung des Göttlichen begrenzte seine umfassende Unendlichkeit auf etwas Endliches, Konkretes und Weltliches. Begrenztes kann aber nicht überzeugend für etwas Unbegrenztes stehen. Das religiöse Bilderverbot hatte die Logik durchaus auf seiner Seite.

Die Bilderstürmer der Reformationszeit forderten die Entfernung alles Abbildähnlichen aus den Kirchen. Martin Luther allerdings nahm die Angelegenheit lockerer und akzeptierte durchaus einige pädagogische Gründe für die Verwendung religiöser Bildnisse. Sie schienen ihm als Zeugnis und als Zeichen durchaus erlaubt. Den radikalen Ikonoklasten hingegen ging das zu weit beziehungsweise nicht weit genug. Für sie hatte das alttestamentarische Verbot unbedingte Gültigkeit. War dies ein seltsames voraufklärerisches Ding oder hatten die radikalen Bilderstürmer nicht in gewisser Weise recht? Denn wird Gott erst einmal als weißbärtiger, alter Mann dargestellt, lässt sich dies nicht mehr von einem personifizierten, vermenschlichten Verständnis lösen. Ob dies überzeugt, darf außerhalb des Kindergottesdienstes bezweifelt werden.

Die Motive der Bilderstürmer sind gar nicht so weit entfernt von den säkularen Motiven derjenigen, die sich dem Fotografiertwerden verweigern. Instinktiv weichen sie der Reduktion auf ein Bildnis aus und meiden die Gefahr der Festlegung auf einen, vielleicht zufällig entstandenen, Typus. Das mag man ängstlich finden oder auch weise.

 

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