Die Ehrenrettung des Selfies

von Ulrich Metzmacher

Der Buchumschlag von Peter Sloterdijks Die schrecklichen Kinder der Neuzeit ist auf der Rückseite mit einer apodiktischen Warnung versehen: Die moderne Welt wird sich als eine Zeit erweisen, in der die Wünsche durch ihr Wahrwerden das Fürchten lehren. Mit Fotografie scheint das alles erst einmal wenig zu tun zu haben.

Was vor langer Zeit als Aufklärung und Moderne begonnen hatte, ist vielfach zu einer instrumentellen Vernunft derjenigen mutiert, die ihren Partikularinteressen mit liberalem Credo einen fortschrittlichen und universalistischen Anstrich geben. Die strukturellen Aspekte der dahinter stehenden Machtmechanismen und der durch sie erzeugten Bedürfnisse sind, etwa durch die Kritische Theorie, hinreichend beleuchtet worden. Aber Sloterdijk geht es bei seiner Warnung nicht primär um den Kanon individueller Wünsche. Obwohl deren Realisierung nicht selten Anlass für ein depressives Erwachen ist, da sie im Augenblick ihrer Erfüllung zu existierten aufhören. Waren die Wünsche eine gewisse Zeit wesentlicher Inhalt des Denkens und Hoffens, sind sie eines Tages obsolet geworden. Da entsteht bei dem einen oder anderen nach der Erwerbung des begehrten Gutes schnell eine Leere. Es handelt sich um den klassischen Konsummechanismus mit eingebauter Enttäuschung.

Geradezu dramatisch jedoch kann es bei kollektiv angelegten Zukunftsvorstellungen werden, wenn deren Verwirklichung mit orwellscher Konsequenz in Angriff genommen wird. Politische Programme etwa erliegen schnell der Versuchung, einfache Antworten auf komplexe Situationen anzubieten, um dann nach diesen Rezepten auch zur Tat zu rufen. Zukunft ist dabei nicht allein ein hoffnungsvoller Begriff, sondern wirkt, insbesondere für sowieso schon Verunsicherte, wie eine janusköpfige Angelegenheit. Sie ist immer auch unklar und damit potentiell bedrohlich. Wir wissen nicht, was kommen wird, und mancher fürchtet um das, was ihm jetzt noch gegeben ist. Da wundert es nicht, wenn aus Angst vor dem Neuen neben einfachen Antworten auch haltgebende Bilder gesucht werden, die Stabilität und Dauerhaftigkeit suggerieren.

Die immer wieder neu erscheinenden Bildbände mit historischen Fotografien, nicht nur politischer Art, es können auch Kunstbücher sein, erfüllen solche Stabilisierungsfunktionen, indem sie die Vergangenheit auf einen übersichtlichen Kern reduzieren. Historische Ausstellungen haben die gleiche Funktion. Die Welt wird geordnet. Mit wachsendem zeitlichen Abstand zum tatsächlichen Geschehen verbleibt dann am Ende allerdings nur noch das im kognitiven und emotionalen Gedächtnis, was in diesen Kompilationen enthalten ist. Fotografien reduzieren auf diese Weise zwar die Erinnerungsüberflutung und Komplexität des Vergangenen, sie geben aber indirekt auch eine selektierende, und damit potentiell manipulierte, Orientierung für die Zukunft vor.

Wenn die These stimmt, dass Fotografien Sicherheit schaffen, ist deren immense Zunahme ein Symptom für Verunsicherung. Je mehr fotografiert wird und je mehr Bilder konsumiert werden, umso stärker ist offenbar das Bedürfnis nach einer Verankerung im Treibsand. Dies ist ein kollektives Phänomen, aber gerade deshalb muss es Folgen für die mentale Stabilität haben, wenn Fotografien nicht mehr zu trauen ist. Das digitale Bild ist von seinem Wesen her zweifelhaft, weil nicht mehr zu erkennen ist, welchen Ursprung dessen Daten haben. Diese mögen in einer gegebenen Realität liegen, sie können das Ergebnis von Bildbearbeitungen sein, sie können aber auch völlig frei am Rechner generiert oder mit Daten aus anderen Quellen kombiniert worden sein.

Wir leben in einer Welt medialer Manipulationsmöglichkeiten, die künftig noch wesentlich weiter gehen werden. Die Süddeutsche Zeitung hat dies kürzlich in einem Artikel gezeigt. Die Zeit ist nicht fern, dass sich neben Bild- auch Audiodaten, etwa menschliche Stimmen, täuschend echt generieren lassen. Damit sind keine synthetisch klingenden Computerstimmen gemeint, sondern die realistisch erscheinende Nachahmung konkreter Personen. Ebenso wird es möglich sein, Videoaufnahmen dieser Personen so zu manipulieren, dass Gestik und Mimik zum erfundenen Sprachinhalt passen. Für politische oder gewerbliche Desinformationskampagnen werden sich damit gänzlich neue Wege eröffnen. Da sich dies herumspricht, wird sich parallel auch die Rezeption solcher Darstellungen verändern und das Entstehen von Misstrauen fördern. Der Bedarf an medienanalytischer und forensischer Detektivarbeit zur Enttarnung der Fakes wird deshalb einen prosperierenden Markt an Anbietern, die technisch hierzu in der Lage sind, hervorbringen.

Die schöne neue Welt der medialen Möglichkeiten mag dreidimensionale Phantasien und ein Verlangen nach noch mehr künstlichem Realismus erzeugen. Ein böses Erwachen beim Wahrwerden der Wünsche ist dabei aber, wie in der Konsmwelt, nicht auszuschließen. Mediendaten, gleich welcher Art, werden jedenfalls nicht geeignet sein, in einer komplexen Welt mit offener Zukunft so etwas wie mentale Sicherheit zu fördern. Wir können nicht mehr wissen, wie wirklich die präsentierte Wirklichkeit wirklich ist. Am Ende werden deshalb die mit dem eigenen Smartphone vor irgendeiner selbstgewählten Kulisse aufgenommenen Selfies vielleicht noch das Authentischste sein, was uns bleibt. Bei ihnen weiß man jedenfalls, was man hat.

 

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