Detailschärfe oder Überkomplexität

von Ulrich Metzmacher

Ansel Adams zählt aufgrund der ausgefeilten Aufnahmetechnik und des Detailreichtums seiner Bilder zu den prägenden Fotografen des Zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Fotografien müssen präzise analysiert werden, um das entscheidende Detail in der Menge der Einzelheiten zu entdecken. So weisen die Schwarzweißaufnahmen aus dem Yosemite Nationalpark eine so ausgeprägte Feinzeichnung auf, dass der Betrachter eine aktive Strukturierungsleistung vollziehen muss, um alle Informationen zu erfassen. Und dann entdeckt man plötzlich das Pferd, das auf dem großformatigen Bild das entscheidende Detail ausmacht.

Weil die durchgängige Schärfe der Bilder von Ansel Adams ein Spiel mit dem Undeutlichen ausschließt, rücken andere Gestaltungmittel in den Vordergrund. Die Verwendung von Filtern zur Helligkeitsabsenkung des Himmels, partielle Nachbelichtungen einzelner Bildmotive oder deren gezielte Unterbelichtung bei der Vergrößerung in der Dunkelkammer sind solche Hilfsmittel. Unschärfen gehörten für Adams jedoch nicht dazu, und so zählte er folgerichtig zu den Begründern der Gruppe f/64, die programmatisch die kleine Blende mit der großen Tiefenschärfe zum Paradigma erhob.

Ansel Adams hat das Konzept der umfassenden Detailschärfe technisch gekonnt und mit großer Konsequenz realisiert. Wird von anderen hingegen die vollständige Schärfe nicht als Gestaltungsmittel eingesetzt, sondern unreflektiert als Folge eines diffusen Perfektionsdranges, so wird man durch die unsinnige Komplexität einer solchen Fotografie gelegentlich überfordert oder auch gelangweilt. Natürlich hängt dies vom Bildinhalt ab, und es gibt Fotografien mit klarem Zentralmotiv und durchdachter Gestaltung, die trotz durchgängiger Schärfe einen überzeugenden Sinn ergeben.

Aufnahmen mit einer Unmenge an Details verlangen einen erheblichen Analyseaufwand. Will man eine solche Fotografie richtig verstehen, müssen alle Bildfelder visuell durchwandert werden. Die großformatigen Fotografien eines Andreas Gursky etwa erscheinen auf den ersten Blick wie hyperrealistische Abbildungen durchstrukturierter Motive, deren vollständige Schärfe eine dokumentarische Qualität suggeriert. Bei genauerem Hinsehen jedoch baut sich nach und nach eine schleichende Verunsicherung auf, bis man schließlich zu dem Schluss gelangt, dass mit der Fotografie etwas nicht stimmen kann. Und dann erkennt man die geschickt vorgenommenen digitalen Montagen, aus denen sich das Bild als künstliche Realität zusammensetzt. Die dokumentarische Schärfe dient letztlich der Verschleierung des eigentlichen Charakters der Aufnahme. Realität, Hyperrealität, Irrealität – Gurskys Verwirrungsspiel trägt dazu bei, den kritischen Blick auf das fotografische Bild zu fördern, gerade weil durch die Schärfe eine falsche Fährte gelegt ist.

Sowohl bei der Schärfe wie auch bei der Unschärfe handelt es sich um fotografische Gestaltungsmittel, die gezielt eingesetzt werden können. Keine von beiden, auch nicht die Schärfe, ist per se ein bestimmendes oder gar natürliches Merkmal der Fotografie. Wenn bei der alltagspraktischen Anwendung der fotografischen Technik dennoch das Schärfedogma im Vordergrund steht, ist dies eine szientistisch bedingte, letztlich kulturelle Konvention. Schärfe und Unschärfe sind jedoch prinzipiell gleichberechtigt, ja, sie bedingen sich sogar wechselseitig. Abgesehen davon, dass es sich nicht um absolute, sondern um relative Kategorien handelt, sind sie voneinander abhängig. Gäbe es keine Unschärfe, würde der Begriff Schärfe sinnlos werden; und umgekehrt. Die Forderung, eine Fotografie müsse unbedingt scharf abbilden, ist deshalb viel zu kurz gedacht, vielleicht sogar geprägt von zwanghaften Vorstellungen hinsichtlich eines idealen Bildes.

Das Gehirn speichert im Übrigen keine direkten Bilder ab, egal ob scharf oder unscharf, sondern eher die den wahrgenommenen Informationen zugeschriebenen Bedeutungen. Wie von Zeugenbefragungen bekannt, können deshalb die Erinnerungen verschiedener Beteiligter an eine vergangene Situation sehr unterschiedlich ausfallen. Jeder hat ein eigenes Bild vor Augen und der Wahrheitsbegriff gerät hier zwangsläufig an seine Grenzen. Die Vorstellung, das Gehirn speichere eine gegebene Wirklichkeit als scharfe Widergabe sozusagen objektiv ab, ist jedenfalls nicht zu vereinbaren mit dem Stand der kognitionspsychologischen Forschung. Und es gibt auch keinen Grund für eine Verabsolutierung der fotografischen Schärfe. Diese ist nicht mehr als ein mögliches Gestaltungsmittel neben anderen, aber es handelt sich nicht um das unbedingt prägende Merkmal der Fotografie.

Die kleine Reihe der vier Blogbeiträge mit einigen Gedanken zum Thema Schärfe/Unschärfe ist damit erst einmal abgeschlossen.

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