Der Schärfetod

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Bildschärfe wird meist mit Eigenschaften wie Klarheit, Eindeutigkeit, Prägnanz und oft auch Wertigkeit assoziiert. Ist die gewünschte Knackigkeit nicht erreicht, muss nachgeholfen werden.

Schon in Zeiten der Analogfotografie gingen die Fotolabore dazu über, beim Print die Ausbelichtung der Negative ungefragt zu beeinflussen. Ausgehend von der durchschnittlichen Erwartungshaltung an ein schönes Bild wurden Farbe, Helligkeit und Kontrast angepasst. Zusätzlich forciert wurde die automatische Bildbearbeitung später durch die neue Digitalfotografie, deren zunächst noch begrenzte Qualität einem kräftigen Tuning unterzogen wurde. Für das Massengeschäft unterstellte man auch hier, dass die typischen Urlaubs- und Erinnerungsbilder nicht über ein bestimmtes Format hinaus geordert werden, so dass mit digitaler Kontrastanhebung und Farbintensivierung ein gefälliges, scharf erscheinendes Bild produziert wurde. Die intelligenten Optimierungsprogramme der Großlabore konnten dabei nach und nach auf eine so große Menge an analysierten Digitaldateien zurückgreifen, dass die Bearbeitungen schließlich sogar motivabhängig vorgenommen wurden. Das Ergebnis waren künstlich optimierte Bilder, denen beim genauen Hinsehen eine gewisse langweilige Gleichartigkeit anzusehen ist.

Ähnliche Gefahren drohen bei der Bearbeitung am heimischen Computer. Jeder hat das schon erlebt, aber man fällt immer wieder gerne darauf herein. Das Ziel, auch noch den letzten Ast des Baumes in der Ecke des Bildes scharf abbilden zu wollen, kann fatal enden. Das Ergebnis sind digital ruinierte Fotografien, die nur bei geringen Formaten die entstandenen Artefakte verbergen können. Der Schärfefanatismus hat in die Welt digitaler Zombis geführt.

Modeströmungen ziehen meist gegenläufige Tendenzen nach sich, und so gibt es eine Reihe von Abwehrreaktionen auf den Schärfewahn. Die Antiperfektionisten setzen auf das spontan Entstandene, Unfertige, gerne auch schmuddelig Unscharfe, dem die besondere Aura des Authentischen zugeschrieben wird. Gehörten Weichzeichnervorsätze in die Welt der alten analogen Fotografie, so gibt es seit einiger Zeit einen Trend zu einfachsten Plastiklinsen mit eingebauter Unschärfe, lomografische Retrokisten, Holgas, Polaroidnachbauten mit möglichst schrägen Farben und die Handyfotografie mit Spontansoftware, die das Bild in jeglicher Hinsicht künstlich uralt aussehen lässt. Das alles kann Spaß machen und darf es auch. Wie beim Schärfewahn macht es jedoch Sinn, sich des Charakters des Trends bewusst zu werden. Ist das geklärt, gewinnt man die Freiheit, die Gimmicks anzuwenden oder eben auch nicht. Dass dem Ganzen ein Stück Revolte gegen die klinische saubere Digitalfotografie anhaftet, hatten wir bereits im letzten Blogbeitrag angemerkt.

Im Übrigen mag es für den Schärfesüchtigen eine interessante Erfahrung werden, einmal bei der teuren Digitalkamera die Bildstabilisation abzuschalten, bei ISO 200 die kleinste Blende zu wählen und damit in der einsetzenden Abenddämmerung aus der Hand zu fotografieren. Überraschungen sind nicht auszuschließen. Oder man besuche die Ausstellung Vom Verschwinden und Erscheinen – Über das Ephemere in der Fotografie der Berliner Alfred-Ehrhardt-Stiftung. In der Gruppenausstellung sind Fotografinnen und Fotografen vertreten, die gezielt das Stilmittel der Unschärfe einsetzen, um dem so entstandenen Bild eine Bedeutung sui generis unabhängig vom diffus bleibenden Objekt zuteilwerden zu lassen, und so die Interpretationsspielräume des Betrachters erweitern. Die Dinge, die man zu erkennen meint, sind plötzlich da und dann ebenso plötzlich wieder verschwunden. Sie bleiben ephemer. Die Bilder leben durch ihre Unschärfe.

 

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