Der Moment und die Wahrheit des Wirklichen

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Bei der Rede vom Entscheidenden Augenblick - spätestens seit Henri Cartier-Bresson ein zentraler Begriff der Fotografie - können zwei unterschiedliche Perspektiven eingenommen werden. Einmal die mit dem Blick auf das Geschehen selbst, daneben die Perspektive des Fotografierenden, der sich entscheidet, in einem bestimmten Augenblick den Auslöser zu betätigen. Einiges spricht dafür, dass sich herausragende Fotografien durch eine ideelle Synchronität beider Ebenen auszeichnen. Der Fotografierende sowie die abgebildete Wirklichkeit haben miteinander eine Verbindung aufgenommen. Bei der Analyse von Aufnahmen entscheidender Augenblicke geht es deshalb nicht um das Auseinanderhalten der beiden Perspektiven, sondern um das Erkennen ihrer Einheit. Hinzu kommt als dritte Perspektive die des Betrachters der Fotografie. Erst wenn sich auch für diesen die abgebildete Szene als entscheidender Augenblick darstellt, ist die vollständige Synchronität im Bildsinn erreicht.

Fotografie findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern stets in einem sozialen Kontext. Was wir Realität nennen, ist ein erlerntes Kulturprodukt und damit potentiell divers. Zwar hat die globalisierte Angleichung von Lebensformen dazu geführt, dass viele Alltagsszenen weltweit verstanden werden, es bleibt jedoch ein möglicher Rest von Fremdheit. Riten und Gebräuche, die uns selbst nicht vertraut sind oder die wir als solche gar nicht wahrnehmen, können das adäquate Verständnis eines Bildes einschränken. Einen entscheidenden Augenblick als solchen zu erkennen, ist dann nahezu unmöglich. Ob eine Fotografie wahrhaftig ist, kann von einem Dritten in diesem Fall kaum beurteilt werden. Beim fotografischen Narrativ des Entscheidenden Augenblicks handelt es sich deshalb um ein anspruchsvolles Konstrukt mit nichttrivialen Voraussetzungen.

 

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