Der magische Augenblick

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Das fotografische Bild als konservierter Ausschnitt aus dem Strom des Geschehens büßt vor dem Hintergrund stetigen Wandels trotz vieler anderer Medienangebote nichts an Attraktivität ein, denn gerade die Veränderungen des Alltagslebens rufen ein Bedürfnis nach Erinnerungsmaterial hervor. Die Komplexität des eigenen Seins soll gebändigt werden. Darüber hinaus geht es um die Sicherung der Identität.

Ein schwieriges Thema, schon die Griechen haben sich damit befasst und Analogien beschrieben, die sich adaptieren lassen. So steigt man nie zweimal in denselben Fluss, da er sich in ständiger Bewegung befindet. Können unter diesen Umständen zwei nacheinander aufgenommene Fotografien als gleich gelten? Die Antwort erscheint eindeutig. Beide bilden aufgrund des fließenden Wassers unterschiedliche Wirklichkeiten ab und sind deshalb nicht identisch. Hat sich zwischen die Aufnahmen eine Wolke vor die Sonne geschoben, sind sogar die Lichtverhältnisse und damit die Ergebnisse sichtbar unterschiedlich. Bei gleichbleibendem Licht hingegen neigt man dazu, die Fotografien als gleich anzusehen. In gewisser Weise ist das auch richtig. Die Bilder gleichen sich aufs Haar. Die Logik und die Physik sind eben nur die eine Seite, die Phänomenologie des Alltags eine andere.

In einer unübersichtlichen Welt ist Handlungsfähigkeit nur dann gesichert, wenn zumindest einige der Dinge als konstant und mit sich selbst identisch betrachtet werden. Fotografien können da als Hilfskonstrukte dienen. Sie sind Zeichen der Welt, aber nicht die Welt selbst. Deshalb werden in der Regel die beiden gleich aussehenden Fotografien des Flusses alltagspraktisch als identische Bilder verstanden. Das Fließen des Wassers spielt keine entscheidende Rolle. Wird hingegen eine naturwissenschaftliche oder erkenntnistheoretische Perspektive eingenommen, liegen die Dinge komplizierter und man würde zu einem anderen Ergebnis gelangen.

Der voranstehende Text ist dem Fünften Kapitel der Gedanken zum fotografischen Bild entnommen.

 

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