Der lange Atem und die schnelle Nummer

von Ulrich Metzmacher

Während beim analogen Film eine überlegte Aufnahmetechnik angeraten ist, erledigt die Digitalkamera das meiste automatisch. Vom Weißabgleich bis zur ISO-Einstellung werden die Lichtverhältnisse berücksichtigt, HDR löst auch schwierige Aufgaben und der Rest ist Sache der Postproduktion mit Photoshop. Mit dem klassischen Fotografieren hat das nicht mehr viel zu tun. Man darf im Übrigen einen Zusammenhang zwischen der Technik und der mentalen Konstitution des oder der Fotografierenden vermuten.

Von Bedeutung ist zunächst schon einmal die Zeitspanne zwischen der Betätigung des Auslösers und der Betrachtung des fertigen Bildes. Wer seine Filme nicht selbst entwickelt und die Negative auch nicht in der eigenen Dunkelkammer vergrößert, ist auf ein externes Labor angewiesen. Das kann dauern. Bei der früheren Reportagefotografie, die es heute analog nicht mehr gibt, ging das zwar relativ schnell, aber auch hier war es stets mit Spannung verbunden, ob aus der Aufnahme etwas geworden war. Barbara Klemm, viele Jahre für die FAZ nahezu ausschließlich analog und in Schwarzweiß unterwegs, hat kürzlich in einem beachtenswerten Interview mit dem Berliner Tagesspiegel hervorgehoben, dass es immer eine Zitterpartie gewesen ist, wenn man die Filme von unterwegs an die Redaktion geschickt hatte.

Klemm zählt im Übrigen zu denjenigen, die ihre Aufnahmen in der Dunkelkammer häufig selbst vergrößern. Dies erfordert Zeit, insbesondere wenn das Positivbild mit ausgefeilter Belichtungstechnik entwickelt wird. Was mit Photoshop lediglich ein paar Mausklicks erfordert, die bei Nichtgefallen umgehend korrigiert werden, stellt sich im analogen Labor als wesentlich komplexer und zeitaufwändiger dar. Oftmals müssen mehrere Versuche unternommen werden, bis die Vergrößerung fehlerfrei ist und der beabsichtigten Wirkung entspricht. Betrachtet man den Aufnahmeprozess und die Dunkelkammerarbeit in zeitlicher Hinsicht als Einheit, werden die Unterschiede deutlich: Bei der analogen Fotografie wird ein langer Atem bis zum Vorliegen eines fertigen Bildes benötigt, während sich dies digital doch ziemlich anders darstellt; von der Variante mit dem Smartphone ganz zu schweigen. Hier wird das Bedürfnis nach dem fertigen Bild als schnelle Nummer mit einem kurzen Blick auf den Monitor sofort befriedigt.

In der Psychologie wird zwischen zwei motivationalen Charaktertypen unterschieden. Auf der einen Seite gibt es Menschen, bei denen der Wunsch nach einer umgehenden Erfüllung aller Bedürfnisse im Vordergrund steht. Andere hingegen können warten, bis die Zeit dafür reif ist. In der Regel wird angenommen, dass es mit den frühkindlichen Erfahrungen zu tun hat, in welche Richtung die spätere Haltung eines Jugendlichen und Erwachsenen tendiert.

Ein Erfolg hinsichtlich der Erreichung anspruchsvoller Ziele setzt in der Regel Geduld voraus. Verfliegt die Motivation, sinken die Aussichten rapide ab. Es sei denn, an die Stelle des ausdauernden Arbeitens an der Zielerreichung treten Hilfsmittel wie Geld, notfalls in Form eines Bankkredits, oder Macht. In bestimmten Fällen lässt sich so die Wartezeit bis zur Bedürfnisbefriedigung verkürzen. Anderes hingegen lässt sich nicht kaufen oder erzwingen, wie etwa das virtuose Spielen eines Musikinstrumentes oder auch die Fähigkeit zum guten Fotografieren. Hier führt kein Weg am ausdauernden Üben vorbei.

Einiges deutet darauf hin, dass Menschen mit entwickelter Selbstkontrolle höhere Konzentrationsleistungen erbringen, besser mit Stress umgehen können und in Gemeinschaft mit anderen eher in der Lage sind, gedanklich die Perspektive eines Gegenüber einzunehmen. In allen diesen Fällen geht es um die Beherrschung der eigenen spontanen Impulse, denn die Triebdynamik des Menschen ist nun einmal egoistisch angelegt. Sie möchte alles, und zwar sofort und reichlich. Dies funktioniert jedoch meist nicht ohne Widerstände anderer, und so wird das Wartenkönnen zu einer hilfreichen sozialen Tugend. Einigen gelingt sein Erlernen mehr, anderen weniger. Erschwerend kommt hinzu, dass eine kurze Zeitspanne zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung als angenehm empfunden wird und einen Drang zur schnellen Wiederholung auslöst. Dieser Mechanismus nutzt sich jedoch erstens recht bald ab und ist zweitens nicht geeignet, eine gesunde Frustrationstoleranz aufzubauen. Genau diese ist jedoch für die Erreichung komplexer Ziele von Bedeutung. Nur wer die Fähigkeit zum langfristigen Üben entwickelt, wer auch einmal einen gezielten Umweg gehen und sich bei Enttäuschungen neu motivieren kann, wird langfristig besondere Leistungen vollbringen. Bei Genies mag sich das anders darstellen, aber diese sind nun einmal seltener als schwarze Schwäne.

Auf mögliche Schattenseiten der Triebkontrolle sei hier nur am Rande hingewiesen. Dass es diese gibt, belegen Erscheinungen nicht nur in Form diverser lästiger, aber harmloser neurotischer Spleens, sondern auch als ernsthafte Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Süchte. Es geht deshalb nicht darum, ein unreflektiertes Hohelied der Triebkontrolle zu singen. Auch lebt die moderne Konsumwirtschaft vom Wunsch nach der schnellen Bedürfnisbefriedigung. Es handelt sich deshalb beim Habenwollen um einen gesellschaftlich durchaus erwünschten Antrieb. Dies ließe sich kritisch kommentieren. Und schließlich stellt sich gerade das Feld der Kunst als ein Bereich dar, in dem es oftmals eher um kraftvolle Expressivität als um das Gezügelte, Regelhafte geht.

Ob als Literatur, Malerei, Musik oder Schauspielerei, der künstlerische Ausdruck setzt in der Regel erst einmal intensives Üben voraus. Nur Wenigen bleibt dies erspart. Die große Kunst der meisten Künstler und Künstlerinnen, so lässt sich die Herausforderung zusammenfassen, besteht darin, in der Phase des Übens mit Geduld und Frustrationstoleranz an der Entwicklung der Fertigkeiten zu arbeiten, um dann, wenn diese erlernt sind, die impulsive Expressivität frei einzusetzen, damit aus dem kontrolliert Erworbenen und Regelgerechten etwas Einzigartiges, also Regelfreies entstehen kann.

Nicht viel anders stellt sich dies bei der Fotografie dar. Die digitale Technik verleitet dazu, nach dem schnellen Prinzip von Versuch und Irrtum vorzugehen. Da wird ohne lange Überlegung eine Aufnahme gemacht und umgehend auf dem Monitor kontrolliert. Bei Nichtgefallen lässt sich der Prozess wiederholen. Nachdenken ist nicht notwendig und entfällt deshalb. Im Übrigen verlockt die Speicherkapazität der digitalen Kamera zur flinken Aufnahme ganzer Serien oder gleich zum 4K Video, aus dem später ein geeignetes Einzelbild extrahiert wird. Fotografiert man hingegen mit analoger Technik, müssen vor der Betätigung des Auslösers alle bildwichtigen Entscheidungen reflektiert und bewusst getroffen werden. Das Ergebnis lässt sich ja erst später beurteilen, und für die schnelle Wiederholung einer misslungenen Aufnahme besteht spontan keine Chance. Die Korrekturmöglichkeiten analoger Negative sind im Übrigen ungleich geringer als die einer digitalen Datei.

Aus Sicht der Lernpsychologie sind die Dinge ambivalent. Liegt zwischen einer Handlung und der Bewertung ihrer Folgen eine kurze Zeitspanne, kann sofort reagiert werden und der Lerneffekt ist relativ hoch. Die digitale Fotografie bietet hier Vorteile. Diese werden allerdings zugunsten des Trial and Error Verfahrens häufig nicht genutzt. Aber nur, wer auch mit der digitalen Kamera reflektiert und bewusst fotografiert, profitiert am Ende von ihren Potentialen zur umgehenden Korrektur. Bei der analogen Technik ist das überlegte Handeln hingegen von vorneherein angeraten. Zwangsläufig fordert und fördert sie das Lernen. Wer erst nach längerer Zeit das Ergebnis eines analog aufgenommenen Bildes beurteilen kann, überlegt eben sehr genau, was sich in Zukunft anders und besser machen lässt. Dieser langfristig angelegte Lerneffekt ist am Ende wirkungsvoller als derjenige der digitalen Schnellkorrektur.

Abschließend noch einmal kurz zur Frage nach Ursache und Wirkung: Die digitale Fototechnik ist natürlich nicht verantwortlich für die Verbreitung von Charakterstrukturen, die das spontane Habenwollen fördern. Eher gilt umgekehrt, dass die digitale Fotografie offenbar in die Zeit des schnellen Konsums passt. Und ebenso gilt, dass die analoge Fotografie nicht automatisch die Ausprägung ichstarker, frustrationstoleranter und empathischer Persönlichkeiten fördert. So einfach ist es denn nun doch nicht.

Andere Aspekte der beiden Techniken sind im fotosinn-Essay Von der analogen zur digitalen Fotografie näher beleuchtet worden.

 

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