Der lange Atem und die schnelle Nummer (2)

von Ulrich Metzmacher

Im Dezember des vergangenen Jahres hat der Blogbeitrag Der lange Atem und die schnelle Nummer eine Reihe kontroverser Reaktionen ausgelöst. Der Artikel hatte einige mentale Begleiterscheinungen der analogen und digitalen Fotografie aufgegriffen, die mit dem meist größeren Zeitaufwand der klassischen Technik zu tun haben. Kritisiert wurde vor allem die polarisierende Darstellung.

Zunächst bedarf der in dem Beitrag verwendete Begriff des Idealtypus einer Erläuterung. Es handelt sich bei ihm um eine sozialwissenschaftliche Terminologie, die nichts mit Idealisierung im Sinne besonderer Wertschätzung zu tun hat, sondern zum Ausdruck bringen soll, dass bestimmte Erscheinungen auf ihren Wesenskern reduziert werden, wobei auf die Berücksichtigung nebensächlicher Besonderheiten verzichtet wird. Die idealtypische Darstellung der analogen sowie der digitalen Fotografie abstrahiert also und zeichnet zur besseren Kenntlichmachung von Unterschieden ein bewusst polarisiertes Bild. Weder die eine noch die andere Technik werden jedoch idealisiert. Einige zusätzliche Anmerkungen sollen dies verdeutlichen.

Im damaligen Blogbeitrag wurde bezüglich des analogen Arbeitens die stärkere Notwendigkeit einer vorausschauenden Planung betont, denn der Weg von der Aufnahme bis zum fertigen Bild dauert in der Regel länger. Dieser idealtypische Unterschied verweist jedoch lediglich auf einen Teilaspekt des Vergleichs beider Systeme. Denn obwohl die sofortige Verfügbarkeit eines digital aufgenommenen Bildes dazu verlockt, in den Trial an Error Modus zu verfallen oder alles den Automatiken sowie der späteren Korrektur am Rechner zu überlassen, weist die moderne Technik im Prinzip einen höheren Komplexitätsgrad auf als die Arbeit mit analogem Film. Ähnliches gilt für die Postproduktion. Die Dunkelkammer verlangt zwar das größere handwerkliche Können, dafür sind beim digitalen Workflow die zu berücksichtigenden Parameter zahlreicher.

Wer meint, die digitale Fotografie sei per se eine simple Angelegenheit, irrt deshalb. Zwar kann man mit dem Smartphone einfach draufhalten oder bei der Digitalkamera alles auf Auto stellen, und es können durchaus beeindruckende Bilder entstehen. Wer jedoch vor dem ersten Druck auf den Auslöser der neuen Kamera das Handbuch liest und sich eingehend mit den Menüs zur Konfiguration befasst, muss Geduld und Verständnis für zahlreiche Parameter aufbringen.

Nimmt man die Potentiale der digitalen Kamera ernst, ist auch bei ihr, ähnlich wie bei der analogen Technik, ein vorausschauendes Arbeiten notwendig. Nicht alles lässt sich durch die Speicherung der Aufnahme im RAW-Modus und die spätere Bearbeitung am Computermonitor bewältigen. Einige Entscheidungen müssen vor der Aufnahme getroffen werden. Hinsichtlich Brennweite, Bildausschnitt, Autofokusmodus, Blende und/oder Verschlussgeschwindigkeit unterscheidet sich der Vorgang hier nicht vom analogen Fotografieren. Anders sieht es bei Kameraparametern wie Weißabgleich, Kontrast, Schärfung usw. aus, die nur bei der digitalen Aufnahmetechnik zur Verfügung stehen. Entweder müssen sie vor dem Druck auf den Auslöser festgelegt werden, oder man überlässt dies der JPEG-Verarbeitung der Kamera bzw. arbeitet im RAW-Modus. Weiterhin gibt es die Einstellmöglichkeiten für ISO-Empfindlichkeit, Rauschreduzierung, Farbtemperatur und Bildatmosphäre, die HDR-Funktion, den Neutralfilter und die Reduzierung des Moiréeffekts. Schließlich lassen sich die Tastenbelegung, die WLAN-Funktion, die Fernsteuerung über das Smartphone oder die auf dem Display anzuzeigenden Informationen festlegen. Die digitale Kamera ist damit eine höchst komplexe Maschine, die dem Nutzer einiges an Verständnis der zugrunde liegenden Technologie abverlangt.

Dies wird noch deutlicher, wenn man die Besonderheiten und Schwächen der digitalen Technik und deren Kompensationsmöglichkeiten in den Blick nimmt. Betrachtet man allein die physikalisch mögliche Auflösung, fällt auf, dass die maximal 256 diskreten Grauwertstufen eines digitalen Schwarzweißbildes bei gebräuchlicher acht Bit Technologie nicht mit dem theoretisch möglichen, unendlichen Tonwertreichtum einer analogen Aufnahme mithalten können. Ob aber selbst ein geschulter Betrachter dies messbar wahrnehmen kann, darf bezweifelt werden. Das menschliche Differenzierungsvermögen liegt in der Regel bei höchstens 80 Grautönen. Gleichwohl unterscheiden sich die Bildanmutungen, zumindest wenn ein analoges Negativ in der Dunkelkammer auf klassischem Fotopapier analog belichtet wird. Dies hat allerdings in erster Linie mit dem realisierten Dynamikumfang der Aufnahme, also der Frage, wie differenziert die hellsten und gleichzeitig die dunkelsten Bereiche wiedergegeben werden, zu tun und weniger mit der absoluten Zahl der Grautöne. Greift man aber zum Hybridverfahren, bei dem das Negativ gescannt und anschließend digital weiterbearbeitet wird, verschwindet der Vorteil des Tonwertreichtums und man ist wieder bei den maximal 256 Graustufen angelangt, allerdings mit einer besseren Dynamikqualität als bei der reinen Digitalaufnahme. So betrachtet, ist der hybride Prozess gar kein schlechter Kompromiss zwischen analoger und digitaler Technik. Nicht jeder möchte heute schließlich noch Stunden in der Dunkelkammer verbringen, auch wenn eine gute Vergrößerung auf Barytpapier von der Anmutung her digital nicht zu erreichen ist.

Die richtige Belichtung ist bei der digitalen Fotografie grundsätzlich schwieriger zu handhaben als bei der klassischen, da sich ein Film bei extremen Lichtverhältnissen toleranter verhält als der Sensor und darüber hinaus einen höheren Dynamikumfang zulässt. Während auch bei schwierigen Lichtverhältnissen von satten Tiefen bis in die hellen Bereiche oftmals analog noch Aufnahmen mit Durchzeichnungen möglich sind, laufen bei digitalen Bildern die Extreme deutlich schneller detaillos zu. Mit Photoshop lässt sich das nur ein wenig oder gar nicht korrigieren. Man kann dann nur noch aus der Not eine vorgebliche Tugend machen und eine digitale Aufnahme mit entsprechender Software als ein simuliertes Tri-X Bild mit harten Kontrasten ausgeben. Im Übrigen empfiehlt es sich, digital eher auf die hellen Bereiche zu belichten, da sich die Tiefen nachträglich etwas aufhellen lassen, während beim analogen Fotografieren eine Messung der Schattenpartien zu bevorzugen ist.

Moderne Digitalsensoren zeigen ihr Leistungsoptimum bei der niedrigsten ISO-Einstellung. Und selbst dann ist der Dynamikumfang geringer als bei niedrig- und sogar mittelempfindlichen Negativfilmen. Jede digitale ISO-Erhöhung reduziert den Dynamikumfang im Übrigen weiter. Die Einstellung auf ISO-Automatik ist deshalb zwar für Schnappschüsse sinnvoll, bei durchkomponierten Bildern jedoch ein unkalkulierbares Risiko. Selbst bei Sensoren der neuesten Generation ist die korrekte Belichtung mit ISO-Automatik schwierig. Schnell sind bei schlechten Lichtverhältnissen entweder die Tiefen zugelaufen oder die hellen Bereiche ohne Durchzeichnung. Und bei beweglichen Motiven mit einer Kamerapriorität auf kurze Verschlusszeiten erkauft man sich die Vermeidung von Bewegungsunschärfen durch einen hohen ISO-Wert mit Dynamikverlust und Rauschen. Wer digital fotografiert, muss hier stets eine Abwägung treffen. Blindes Vertrauen in die Automatiken kann dies selbst bei der besten digitalen Kamera nicht ersetzen. Ohne vorausschauendes Denken kommt man nicht zu guten Ergebnissen.

Es gibt weitere Aspekte, die man kennen sollte. Leistungsstarke Objektive sind für die analoge Fotografie anders gerechnet und konstruiert als für die digitale, da sich der optimale Strahlungsverlauf für die Belichtung des Films von dem des Sensors unterscheidet. Ältere Objektive aus analoger Zeit können deshalb an einer Digitalkamera oftmals nicht wirklich überzeugen. Aber auch innerhalb des Digitalsektors verfolgen die Hersteller im Vollformatsegment unterschiedliche Philosophien. Während die einen auf eine kompromisslose Optimierung der Abbildungsleistung und auf Festbrennweiten setzen, favorisieren andere die Konzentration auf hervorragende Zooms mit einem rasanten Autofokus und vertrauen im Übrigen der Zusammenarbeit des Objektivs mit der Bildstabilisierungstechnik. MFT Objektive wiederum lassen sich aufgrund des kleineren Kamerasensors bei sehr guten optischen Leistungen kleiner, leichter und auch kostengünstiger herstellen. Sensorbedingt sind die möglichen Printformate der Bilder jedoch geringer als beim Vollformat. Hinzu kommen Begleiterscheinungen des Cropfaktors wie etwa das im Vergleich zum Vollformat geringere Freistellungspotential.

Nimmt man alle Vor- und Nachteile zusammen, lässt sich festhalten, dass bei Verwendung eines niedrigempfindlichen Films auch mit einer analogen Kamera und einem auf optimale Abbildungsleistung getrimmten Objektiv, etwa von Leica oder Zeiss, Ergebnisse möglich sind, die einen hohen Dynamikumfang aufweisen und eine Auflösung zeigen, die es mit hochwertigen digitalen Bildern aufnehmen kann. Aber eben nur unter den genannten Voraussetzungen. Ansonsten bietet die Digitalfotografie eine Reihe kaum bestreitbarer Vorteile.

Unter dem Strich bleibt es bei der Kernaussage des Blogbeitrages Der lange Atem und die schnelle Nummer. Hat man die Besonderheiten der digitalen Fotografie verstanden und den Workflow von der Aufnahme bis zum fertigen Bild perfekt im Griff, ist der Prozess deutlich schneller als bei der analogen Fotografie. Dies bedeutet aber nicht, dass er auch simpler ist, insbesondere bei Berücksichtigung der digitalen Problemzonen.

Weitere Aspekte der Thematik werden in dem fotosinn-Essay Von der analogen zur digitalen Fotografie beschrieben.

 

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