Der gereifte Blick

von Ulrich Metzmacher

Das Löschen unerheblich erscheinender Bilddateien ist im Prinzip keine schlechte Entscheidung. Selbst wenn eine Aufnahme einmal zu flink in den Papierkorb gewandert sein sollte, na und? Aus dem Auge, aus dem Sinn. Das ist weniger dramatisch als die Gefahr, langsam, aber unvermeidlich, von abertausenden überflüssigen Bildern zugemüllt zu werden, die unsere Festplatte und die eigene Aufnahmefähigkeit an Kapazitätsgrenzen führen. Soweit das Fazit eines früheren Blogbeitrags. Man kann das aber auch anders sehen.

Viele Werke der Literatur zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich im Laufe des Lebens immer wieder neu lesen lassen. Während ein Roman mit wenig durchzeichneten Charakteren oder banaler Handlung, die dennoch spannend sein kann, beim Leser in der Regel keine Tiefenrührung hervorruft, entdecken wir bei anderen Büchern immer wieder neue Facetten. Nicht selten hängt dies mit unserer eigenen Entwicklung zusammen. Thomas Manns Doktor Faustus etwa oder den Zauberberg liest man mit sechzehn Jahren anders als mit dreißig oder mit sechzig. Unser Blick ändert sich und damit auch die Wahrnehmung. Form und Inhalt können mal faszinieren, mal ermüden. Oder umgekehrt. In der Bildenden Kunst ist das nicht anders. Was uns vor Jahren vielleicht noch stark beeindruckt hat, wird heute mitunter nur noch als kunsthistorisch interessante Erscheinung eingeordnet. Aber es gibt eben auch Werke, die überhaupt erst nach langer Zeit als herausragend wahrgenommen werden.

Damit sind nicht die Mechanismen des Galeriemarktes gemeint, zu denen hier und dort aus umsatzorientiertem Interesse die Etikettierung alter Dinge als neu entdeckte, geniale Kunst gehört, sondern es sind die ganz persönlichen Vorlieben. Was wir vor zehn oder zwanzig Jahren noch nicht mochten, gefällt auf einmal. Vielleicht, weil sich unser Geschmack verändert hat, vielleicht auch, weil wir etwas erkennen, das wir vorher nicht wahrgenommen haben. Grundsätzlich gilt dies auch für Fotografien, für fremde, aber warum nicht auch für die eigenen? Die Frage nach dem Löschen unerheblicher Bilder, wie in einem Blogbeitrag des vergangenen Jahres empfohlen, stellt sich, so gesehen, noch einmal neu.

Die Fotografin und Filmregisseurin Johanna Jackie Baier hat die Neuentdeckung eigener Fotografien in einem mit Jens Pepper geführten Gespräch anschaulich beschrieben. Ich habe jede Menge Aufnahmen gefunden, die ich zum Teil völlig vergessen hatte, zum Teil aber auch solche, von deren Existenz ich zwar noch wusste, deren Qualität ich aber früher nicht erkannt habe. Rückblickend gesehen ist wohl stets mehr aussortiert worden, als nötig gewesen wäre. Daraus könne der Schluss gezogen werden, dass das Ansehen von Fotografien Veränderungen unterliegt und im Übrigen in diesem Prozess das nicht verwendete Material das verwendete Material kritisieren kann, wie überhaupt das Nicht-Verwirklichte vielleicht die schärfste Kritik der bestehenden Wirklichkeit ist. Mit unseren Worten: Wir sortieren mitunter das aus, was nicht den etablierten Sehgewohnheiten zur Zeit der Aufnahme entspricht. Genau das Verworfene jedoch könnte ein latentes Potential im Sinne eines gegen-den-Strich-Sehens aufweisen. Dies wird häufig erst aus dem zeitlichen Abstand erkennbar. Allerdings wird nun nicht jedes Bild durch Alterung interessant. Es besteht eine gewisse Versuchung darin, sich in die weggelegten Arbeiten zu vergucken und sie zu verlorenen Schätzen zu stilisieren. Ein wenig Selbstkritik ist da geboten. Das eigene Archiv durch Löschen vor Vermüllung zu schützen, hat jedenfalls weiterhin seine Berechtigung. Dennoch sollte man bei der Entfernung von Datensätzen behutsam vorgehen. In ein paar Jahren könnten sich die Bilder mit einem anderen Blick betrachten lassen.

Das Gespräch mit Johanna Jackie Baier ist neben weiteren 24 Interviews in dem kürzlich erschienenen, höchst empfehlenswerten Buch Fotoszene Berlin von Jens Pepper nachzulesen. Pepper ist es gelungen, die unterschiedlichen Herausforderungen an die zeitgenössische Fotografie anhand unterschiedlicher Perspektiven nachzuzeichnen. Ob es um den Kunstmarkt und den Galeriebetrieb geht, die schwierige finanzielle Situation vieler Fotografinnen und Fotografen, die Arbeit für Agenturen und Bildredaktionen, die Möglichkeiten und Grenzen des Fotobuches, rechtliche Rahmenbedingungen des Fotografierens im öffentlichen Raum oder um Fragen der spezifischen fotografischen Mediensprache, die Arbeit mit der Kamera ist eingebunden in eine höchst dynamische Szene mit vielen reizvollen Chancen, aber auch Frustrationen und Enttäuschungen. Trotz des Berlinbezugs im Titel sind die Thesen des Buches im Übrigen in vielerlei Hinsicht von grundsätzlicher Bedeutung und nur partiell an den fotografischen Biotop der Hauptstadt gebunden.

 

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