Der Augenblick und die Wahrheit des Wirklichen

von Ulrich Metzmacher

Bei der Rede vom Entscheidenden Augenblick - spätestens seit Henri Cartier-Bresson ein zentraler Begriff der Fotografie - können stets zwei unterschiedliche Perspektiven eingenommen werden. Einmal geht es um das Geschehen selbst, das auf einen Punkt mit besonderer Bedeutung hinsteuert, und daneben gibt es die Perspektive des Fotografierenden, der sich entscheidet, in einem bestimmten Augenblick den Auslöser der Kamera zu betätigen.

Einiges spricht dafür, dass sich viele herausragende Fotografien durch eine Synchronität beider Ebenen auszeichnen und der Fotograf mit seiner Kamera sowie die abgebildete Wirklichkeit in einem ideellen, sinnkonstituierenden Prozess miteinander in Verbindung stehen. Innensicht und äußeres Geschehen sind eine Liaison eingegangen. Das Ergebnis ist eine Fotografie im Sinne eines Bildes, das zwar, wie jedes Bild, ein konstruiertes ist, jedoch auf zwei respektable Quellen verweisen kann: Einerseits den besonderen Blick und die schnelle Entscheidung des Fotografen sowie andererseits die Informationen bezüglich dessen, was im Augenblick der Aufnahme vor dem Objektiv der Kamera stattgefunden hat. Beides zusammen konstituiert den Zeicheninhalt des Bildes.

Bei der Analyse von Aufnahmen entscheidender Augenblicke geht es deshalb nicht um das Auseinanderhalten der zwei Perspektiven, sondern, ganz im Gegenteil, um deren Einheit. Hinzu kommt, genau genommen, als zusätzliche dritte Perspektive die des Betrachters der Fotografie. Erst wenn sich auch in dessen Sichtweise die abgebildete Szene als entscheidender Augenblick darstellt, ist die vollständige Synchronität erreicht, d.h. die Beteiligten des Geschehens selbst, der Fotograf und der spätere Betrachter verfügen auf der Sinnebene über parallele, identische Konstrukte der Wirklichkeit beziehungsweise deren Abbildung. Mehr Wahrheit geht nicht! Letztlich handelt es sich hier um das stärkste Kriterium für eine realitätsgerechte Abbildung der Wirklichkeit.

Fotografie findet nie im luftleeren Raum statt, sondern stets in einem sozialen Kontext. Auch das, was wir Realität nennen, ist letztlich ein erlerntes Kulturprodukt. Wir sehen, was wir zu sehen gelernt haben. Zwar hat die globalisierte Angleichung des Gebrauchs bestimmter Konsumprodukte wie auch von Lebensformen dazu geführt, dass viele fotografische Szenen des Alltags weltweit verstanden werden, es bleibt jedoch ein potentieller Rest von Fremdheit. Riten und Gebräuche, die uns selbst nicht vertraut sind oder die wir gar nicht als solche wahrnehmen, können die adäquate Sinndeutung einer Abbildung einschränken. Einen Moment als entscheidenden Augenblick zu erkennen und richtig zu interpretieren, ist dann nahezu unmöglich. Ob eine Fotografie unter solchen Umständen wahrhaftig ist, wird kaum zu beurteilen sein. Bei dem in der fotografischen Paradigmenwelt entwickelten Narrativ des Entscheiden Augenblicks handelt es sich deshalb um ein höchst anspruchsvolles Konstrukt mit einigen Voraussetzungen.

 

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