Das Zufällige und der entscheidende Moment

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Wird in der Fotografie vom entscheidenden Augenblick gesprochen, hat dies eine doppelte Bedeutung. Es mag ein besonderer Moment des Geschehens sein oder die Entscheidung des Fotografen, in genau diesem Augenblick den Auslöser zu betätigen. Aber was ist ein Augenblick? Was kennzeichnet ihn und wie lange dauert er an? Letztlich geht es um die subjektive Wahrnehmung des abstrakten Moments zwischen Vergangenheit und Zukunft, weniger jedoch um objektive Messgrößen.

In der Mitte der beiden Richtungen der Zeitachse liegt ein ausdehnungsloser, infinitesimal kleiner Punkt. Entweder, es ist etwas geschehen, oder es wird geschehen. Dazwischen gibt es im Rahmen der uns vertrauten binären Logik nichts. Und dennoch ist da ein Gegenwartsbewusstsein, das bestimmte, aufeinander folgende Ereignisse zusammenfasst und mit Sinn versieht. Welche Bedeutung diesem Empfinden zugeschrieben wird, ist eine Frage der persönlichen Lebensphilosophie. In Anbetracht der Endlichkeit des menschlichen Seins kann die Konzentration auf das Hier-und-Jetzt zur Maxime werden. Oder es überwiegt die Hoffnung auf ein ewiges Leben, was meist eine Geringschätzung der banalen Gegenwart zur Folge hat. Die Integration beider Perspektiven mag gelingen, wenn die Polarität des ständigen Flusses der Zeit sowie des Hier-und-Jetzt nicht als Gegensatz verstanden wird. Nimmt man das Sein wie eine Melodie wahr, so bleibt das Vorangegangene weiterhin wirklich und wirksam, wie andererseits das Künftige, noch nicht Vorhandene, bereits erahnt wird. In der Fotografie ist eine Situation dann adäquat wiedergegeben, wenn trotz des Bildcharakters als sekundenkurzer Momentausschnitt ein Gefühl für die vollständige Sequenz entsteht.

Eine wichtige Funktion für die Spannung einer Fotografie hat der Zufall. Viele Bilder weisen Elemente auf, die nicht vollständig einer sinnvollen Deutung zugänglich sind. Nicht selten werden solche Details erst bei der späteren Bearbeitung am Bildschirm oder bei der Vergrößerung in der Dunkelkammer entdeckt. Den Zufall als Ausdruck lebendiger Wirklichkeit, mitunter gar sinnlos Erscheinendem zu bewahren, führt in vielen Fällen erst zum Reiz einer Fotografie. Vermeintlich unpassende Bildelemente werden zum Salz in der Suppe. Es geht beim Fotografieren eben nicht unbedingt um das Herstellen eines gestalterischen Gleichgewichts, sondern mitunter gerade um die Repräsentanz von Widersprüchen, das Durchbrechen der Harmonie. Wir neigen meist dazu, eine Szene störungsfrei fotografieren zu wollen, stellen dann jedoch fest, dass erst die durchs Bild flatternde Taube oder der am Bildrand heranrauschende, unscharfe Radfahrer einem ansonsten banalen Bild den Kick des Lebendigen gibt. Wer stets das Perfekte sucht, mag am Ende nur Langweiliges finden. Im Gedächtnis bleibende Fotografien sind nicht nur Ergebnis einer rationalen Konstruktion. Oftmals weisen sie Störanteile auf. Manchmal macht erst der Zufall den Augenblick zu einem entscheidenden.

 

Beim vorstehenden Text handelt es sich um einen leicht überarbeiteten Ausschnitt aus dem fotosinn-Essay Der fotografische Augenblick, der als neue Version 2.0 vorliegt.

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