Das surrealistische Prinzip

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Diffusion von Wirklichkeiten, Schaufensterdurchblicke, Spiegelungen. Vermischungen von Dingen, die in der Realität nichts miteinander zu tun haben. Im fotografischen Bild sind es Berührungen von Flächen, die eine Zusammengehörigkeit suggerieren. Aber auch schon allein Vorgänge im Kopf des Betrachters können Dinge in eine bedeutungsvolle Beziehung bringen.

Im Alltag sprechen wir mitunter davon, etwas mache Sinn, und wir meinen dann meist, einen Vorgang zu verstehen. Dies muss noch lange nicht bedeuten, dass uns das Verstandene auch gefällt. Es geht einzig um die Wahrnehmung und Deutung von Informationen, zu denen wir uns in Relation setzen. Dass die normative Bewertung davon meist nicht abgetrennt wird, gehört dazu. Und schon befinden wir uns im Feld des Sozialen. Jede Wahrnehmung ist kulturell geprägt. Deutung und Bewertung hängen eng miteinander zusammen. Objektivität ist bei Wahrnehmungsangelegenheiten deshalb keine einfache Kategorie. Ihr absolutes Verständnis wäre im Übrigen sogar im Wissenschaftssystem nur eingeschränkt anwendbar. Selbst naturwissenschaftliche Theorien sind paradigmatisch gebunden und in der Geschichte der Menschheit nicht selten von begrenzter Haltbarkeit.

Die Frage nach der Interpretierbarkeit von Fotografien bedarf einer über die Physik und die reine Physiologie des Sehens hinausgehenden Antwort. Schon Husserl erschienen die naturwissenschaftlichen Untersuchungen zum menschlichen Sehen unzureichend, da beim Empfänger neben dem Informationscharakter der eingehenden Signale immer auch vorgeprägte Erwartungs- und Voraussetzungsmuster eine Rolle spielen. Die Verwendung des Begriffs Wahrnehmung stellt sich als Versuch dar, diese Komplexität abzubilden. Sie verbindet das Objekt mit dem Subjekt der Erkenntnis.

Konstituierend für das phänomenologische Verständnis von Wahrnehmung ist der strukturierende Sinn, der die potenziell chaotische Komplexität aller Eindrücke ordnet. Wahrnehmung und Sinn greifen ineinander und stützen sich wechselseitig. Ohne eine Reduktion der an sich gleichberechtigten Informationselemente würden wir unrettbar von Reizen überflutet werden. Stets müssen wir auswählen und ordnen. Hierfür stehen Pattern zur Verfügung, die wir, meist unbewusst, abrufen können. Die Basis für diese Komplexitätsminderung bildet ein vorangegangener gesellschaftlicher Prozess, den wir Sozialisation nennen, sowie, von der individuellen Seite her betrachtet, ein Wachstumsprozess, in dem parallel die Fähigkeiten zum Sehen und zum Sinnverstehen ausgeprägt wurden. Die Art und Weise, wie wir die Dinge wahrnehmen, wird demnach erlernt. Es handelt sich um ein soziales Konstrukt fernab natürlicher oder metaphysischer Eindeutigkeiten. Im fotosinn-Essay Raum und Fläche wird das näher ausgeführt.

Auch der sozialwissenschaftliche Begriff der Lebenswelt hebt hervor, dass die wahrnehmenden Subjekte nicht solitär, sondern nur vergesellschaftet vorstellbar sind. Spätestens seit dem Schicksal Kaspar Hausers wissen wir, dass ein isoliert aufwachsendes menschliches Wesen keine höheren kognitiven Fähigkeiten entwickeln kann. Aber dies ist die Ausnahme. Im Regelfall steht der Einzelne der Welt weder einsam noch autonom gegenüber. Er befindet sich in sozialen Kontakten mit anderen, die sich wechselseitig prägen. Nicht zufällig entspricht die auf den ersten Blick subjektive, individuelle Wahrnehmung des Einzelnen deshalb häufig auch der Wahrnehmung dieser anderen, zumindest derjenigen seiner wichtigsten sozialen Bezugsfelder. So einzigartig, wie wir mitunter meinen, sind wir nur selten.

Als Medium für die Konstituierung eines gemeinsam geteilten Sinns wirkt neben Gestik und Mimik vor allem die Sprache. Sie ist das Bindeglied zwischen Gesellschaft und Individuum. Von den Kulturwissenschaften wird sie als zentraler Schlüssel für das Verständnis von Subjekt, Gesellschaft und Welt betrachtet. Grundsätzlich gilt: Ohne Sprache, es kann sich auch um eine nonverbale Ersatzsprache handeln, kein Denken, keine individuelle kognitive Entwicklung und keine soziale Gemeinschaft. Im Unterschied zu allen übrigen Lebewesen verfügt im Übrigen einzig der Mensch über die Fähigkeit, seine Sprache auch reflexiv zur Untersuchung der Mechanismen der Sprache selbst einzusetzen.

Alle Vorstellungen einer subjektunabhängigen Realität einschließlich der Möglichkeit ihrer objektiven Abbildung, auch in Form von Fotografien, haben schon lange an Überzeugungskraft eingebüßt. Das hat nicht erst mit der Postmoderne begonnen, auch wenn diese einige der existenziellen Grundthemen noch einmal in radikaler Form neu auf die Bühne gebracht hat. Die Frage, wie wirklich die Wirklichkeit nun wirklich ist, soll uns aber an dieser Stelle nicht weiter beschäftigen. Es genügt die Erkenntnis, dass wir den Sinn einer Fotografie in der Regel dann verstehen, wenn es sich um Abbildungen von Gegenständen oder Vorgängen handelt, die uns aufgrund vorangegangener Erfahrungen vertraut sind. Vertraut bedeutet, dass wir die Dinge einem Muster zuordnen können. Weiter oben wurde darauf hingewiesen, dass der zur Verfügung stehende Vorrat an Sinnmustern Ergebnis eines Lernvorganges ist. Bei Fotografien dynamischer Szenen mag deren Anwendung schwierig sein, wenn der Handlungskontext und die Intentionen der Beteiligten nicht klar genug hervortreten. Bildunterschriften tragen dann dazu bei, das Problem zu relativieren oder gar aufzulösen. Aber sie können auch manipulativ eingesetzt werden, um einen von der ursprünglichen Handlung losgelösten Sinn zu suggerieren.

Selbst Objekte, die uns eigentlich vertraut sind, lassen sich im Übrigen gezielt so abbilden, dass sie nur schwer oder gar nicht erkannt werden. Dies mag dann der Fall sein, wenn sie aus ungewöhnlicher Perspektive oder mit untypischem Ausschnitt gezeigt werden. Die Alltagswahrnehmung ist gestört. Das Feld der dokumentarischen Fotografie ist in solchen Fällen verlassen und es beginnt der Bereich des Abstrakten oder Subjektiven. Oder des Manipulativen.

Eine besondere Kategorie stellen Fotografien dar, die auf den ersten Blick dokumentarisch wirken, bei genauerem Hinsehen jedoch erkennen lassen, dass da mit dem Realitätsbezug etwas nicht stimmt. Einige Bilder von Andreas Gursky oder Jeff Wall etwa sind Ergebnis aufwändiger Montagen. Gewohnte Sinnzuschreibungen funktionieren aufgrund der beabsichtigten Wahrnehmungsverunsicherung nicht automatisch. Stattdessen ist der verstörte Betrachter gefordert, aus den verschiedenen Einzelinformationen des Bildes, gegebenenfalls unter Einbezug des Titels, einen Sinn zu konstruieren. Letztlich handelt es sich um das surrealistische Grundprinzip. Da werden in einem Bild Dinge in Beziehung gesetzt, die ursprünglich so nichts miteinander zu tun hatten. Und schon beginnt die Phantasietätigkeit des Betrachters.

Einen Sonderfall surrealistischer Fotografien bilden Aufnahmen, die zwar keine Montagen oder Collagen unterschiedlicher Ursprungsquellen sind, gleichwohl aufgrund der Berührung disparater Bildflächen einen eigentlich unwahrscheinlichen Zusammenhang suggerieren. Bekanntes Beispiel hierfür ist die Wolke im Hintergrund, die bei der Portraitaufnahme wie Rauch wirkt, der aus dem Ohr des Abgebildeten zu strömen scheint. Bei solchen Bildern produziert der Betrachter einen phantastischen Sinn, der mit herkömmlichen Wirklichkeitserfahrungen nichts zu tun hat. Da der Interpretierende jedoch meist nicht dumm ist und davon ausgehen darf, dass aus Ohren kein Rauch bläst, da ihm weiterhin die Mechanismen der flächig abbildenden Fotografie, zumindest potentiell, bekannt sind und er die Intention des Fotografen erahnt, handelt es sich am Ende um einen phantastischen als-ob-Sinn. Bei anderen Bildern mit surrealistischer Suggestivkraft mag das weniger offensichtlich sein. Die Kunst ist reich an solchen, manchmal verwirrenden Beispielen.

Im Alltag geraten wir, zum Glück für unser seelisches Gleichgewicht, nur selten in vollkommen uneinschätzbare Situationen. Meist verfügen wir aufgrund vorangegangener Erfahrungen über die Fähigkeit zu erahnen und zu deuten, was uns erwartet. So müssen wir nicht damit rechnen, dass wir beim Betreten eines Theatersaals plötzlich einer Gruppe freilaufender Löwen begegnen. Ganz ähnlich funktioniert eine Fotografie. In vielen Fällen können wir auf einen erlernten Vorrat an Sinnmustern zurückgreifen und die Bedeutung des Abgebildeten, dem Wahrscheinlichkeitsprinzip folgend, unmittelbar entschlüsseln. In anderen Fällen funktioniert dies nicht. Dann wird eine Fotografie entweder problematisch, oder sie wird interessant.

 

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