Das schnelle Bild und der lange Atem

von Ulrich Metzmacher

In den vergangenen Jahren ist viel über die Bedeutung des Wandels von der analogen zur digitalen Fotografie geschrieben worden. Im Zentrum der Betrachtungen stand meist die Ablösung der traditionellen Technik, die durch die Gravur der von den Objekten abgestrahlten Lichtreize in eine Filmschicht gekennzeichnet war, durch die im Vergleich hierzu flüchtige Speicherung des Bildes auf einem Sensor. Aber es gibt weitere Folgen: Bei der analogen Fotografie benötigt man von der Aufnahme bis zum fertigen Bild einen langen Atem. Dies ist bei der digitalen Technik nicht der Fall. Das Bild kann unmittelbar nach der Aufnahme auf dem Kameramonitor oder dem Smartphone betrachtet werden.

Jede Fotografie fixiert einen kurzen Augenblick aus dem fließenden Geschehen des Seins und verleiht diesem Moment unmittelbar den Charakter von etwas Vergangenem. Das, was war, ist vorüber und nicht mehr änderbar. Betrachten wir ein Bild, werden wir deshalb an die Endlichkeit erinnert, und jeder Fotografie ist eine Wiederkehr des Toten (Roland Barthes) zu eigen. Mitunter spüren wir dies. Die Melancholie beim Betrachten alter Bilder ist Folge eines subkutan nagenden Gefühls, das sich bei der Erinnerung an das ein für allemal Vergangene einstellt. Es ist andererseits aber auch ein Akt der Trauerbewältigung und bereitet auf das zentrale Drama menschlichen Seins vor, denn es bedeutet, mit Susan Sontag, teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit. Stets droht das potentielle Grauen des existenziellen Nichts. Entweder man lernt, dies auszuhalten und zu akzeptieren. Oder eine irgendwie geartete Transzendenzhoffnung bietet tragfähige andere Lösungen. Das inhärente Memento mori der Fotografie kann die Suche nach einer Antwort forcieren, gleich ob diese nun in eine existenzialistische Ethik oder hin zum Gottesglauben führt.

Solange ein Augenblick fotografisch nicht fixiert wird, lebt er in gewisser Weise unmittelbar fort, in unseren Gedanken, in der Gefühlswelt. Die Erinnerung mag den Moment zwar verändern, verklären oder auch entwerten, sie lässt ihn aber weiterhin als offene Vergangenheit lebendig erscheinen. Macht hingegen eine Fotografie endgültig den Vergangenheitscharakter sichtbar, wird der Augenblick abgeschlossen. Spätestens durch die darauf folgende nächste Fotografie rückt das erste Bild auch sichtbar auf den Platz eines gewesenen Davor. Je schneller fotografiert wird, umso deutlicher die Widersprüchlichkeit: Der Versuch, durch Bilder und noch mehr Bilder etwas von dem Geschehenen lebendig zu erhalten, führt genau in das Gegenteil. Das Geschehene stirbt ab. Das ähnelt der Logik des Konsums. Je mehr wir fotografieren, umso stärker die Abnutzungstendenzen und die notwendige Intensität der nächsten Dosis. Die Kamera ist deshalb Gegengift und Krankheit zugleich (Susan Sontag). Sie dient der Auseinandersetzung mit der Realität, entwertet sie aber gleichzeitig. Die Gegenwart wird konsumiert und abgehakt. Auf zum nächsten Bild!

Aber es gibt sie dennoch, die berührenden Bilder, die auch beim wiederholten Betrachten nichts von ihrer Wirkung verlieren. Der ungarische Fotograf und Schriftsteller Attila Bartis hat das Wesen solcher Bilder in seinem fulminanten Roman Das Ende erkundet. Die Hauptfigur András Szabad, ebenfalls Fotograf, bekennt in einer Schlüsselpassage, dass es stets darum gehe, ob eine Fotografie genau das Gefühl auszulösen in der Lage sei, das sich im Augenblick der Aufnahme gezeigt hatte. Szabad arbeitet nachdenklich und langsam. Sein Konvolut an Bildern bleibt übersichtlich. Dies hängt, wohl nicht zufällig, auch damit zusammen, dass die Handlung wesentlich in Budapest vor dem Ende des autoritären stalinistischen Systems und vor der digitalen Medienrevolution spielt. Bei den im Roman genannten Kameras handelt es sich im Übrigen um eine analoge Leica und, im Studio, eine großformatige Linhof Technika. Beide spielen für den Handlungsstrang eine wichtige Rolle. In der Welt schneller digitaler Fotografie hätte der Roman nicht geschrieben werden können.

Was ist heute anders als noch vor wenigen Jahrzehnten, gleich ob im alten Osten oder Westen? Die Digitalisierung wurde bereits genannt. Sie ist Begleiterscheinung, aber auch Motor einer gesellschaftlichen Entwicklung, die an den Einzelnen hinsichtlich der sozialen Verortung, jedoch auch bezüglich seines Selbstbildes, bemerkenswert neue Anforderungen stellt. Die gegenwärtige Gesellschaft der Singularitäten (Andreas Reckwitz) ist, insbesondere in der akademisch geprägten Mittelschicht, nicht mehr dadurch gekennzeichnet, dass sich der soziale Status durch einen Punktwert hinsichtlich der klassischen Erfolgsfaktoren (mein Auto, mein Haus, mein Pferd) definiert, sondern durch eine als solche erkennbare individuelle Performance im allgemeinen Lebensstil. Es entscheiden andere Statusattribute als früher darüber, ob wir als etwas Besonderes angesehen werden, das sich vom Mediokren absetzt. Dieses Besondere speist sich nicht mehr aus einem quantitativen Mehr oder Weniger, sondern aus einem Puzzle von Indikatoren, die qualitativ wirken. Welches Design weist die Wohnung auf? Kenne ich die aktuell angesagte Gastronomie der Stadt, und überhaupt, wie ernähre ich mich? Wie multikulturell ist mein Netzwerk gestrickt und wie polyglott bin ich als moderner Weltbürger im Vergleich zu den anderen singulären Elitären? Das sind nur einige Elemente, Reckwitz setzt die Liste fort. Im Kern geht es stets darum, dass wir ein Bild von uns kuratieren, um erfolgreich im sozialen Anerkennungswettbewerb zu bestehen. Wem dies nicht gelingt, der bleibt schlichtweg unsichtbar, sozial nicht existent.

Eine besondere Bedeutung kommt hierbei den Sozialen Medien zu. Facebook, Instagram und Co. speisen sich maßgeblich aus Bildern, die unablässig produziert werden, um das eigene Singularitätsdasein zu dokumentieren. Und so werden Smartphonefotografien gepostet, die zeigen, was und wo man gerade speist oder in welcher exotischen Gegend man sich befindet. Undsoweiter. Das eigene Leben stellt sich als Chronik der vorgezeigten Aktivitäten dar. Mehr Bilder und noch mehr Bilder scheinen dabei für manche das Rezept zu sein, um erkennbar zu bleiben. Wir ahnen es, die Strategie geht nur in wenigen Fällen auf. Die Enttäuschung ist deshalb vorgezeichnet, auch wenn einigen Ausgewählten das Wahrgenommenwerden, ob auf Instagram oder bei Youtube, gelingt. Sie sind dann, wie Andy Warhol es prognostizierte, für eine kurze Zeit Stare des Universums.

Die digitale Technik ist geradezu prädestiniert für den modernen Struggle of Life. Das gerade Erlebte wird mit dem Smartphone festgehalten und sofort betrachtet oder gar gepostet. Zwischen dem Akt des Fotografierens und dem Vorzeigen der Aufnahme liegen nur Sekunden. Das war es dann aber auch. Das Gezeigte ist erledigt, vergessen, vorbei, und die Suche nach dem nächsten Beweis für die eigene Singularität beginnt von Neuem. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der aufgenommenen Fotografie findet, auch beim Betrachter, in der Regel nicht statt, allein deshalb, weil bereits das nächste Bild auf dem Monitor zum ebenso schnellen Konsum einlädt.

Das alles soll nicht miesepetrig klingen. Fotografieren darf ganz einfach Spaß machen und auch andere erfreuen. Es ist nicht die Absicht, dies von einem hohen Ross herab zu diskreditieren. Leben und leben lassen bleibt für alle Zeiten einer der wichtigsten kategorischen Imperative. Jeder soll, solange niemand belästigt wird, sein Leben gestalten, wie er mag. Aber die Frage, was der Gebrauch der schnellen Fotografie für die mentale Haltung oder, sagen wir: psychologisch, für den Fotografierenden selbst bedeutet, darf dennoch gestellt werden.

Der von Reckwitz beschriebene Singularitätswettbwerb ist nur in einer materiell weitgehend gesättigten Wohlstandsgesellschaft vorstellbar, in der die allermeisten Menschen kaum mit existenziellen Bedrohungen wie wirklicher Armut oder Hunger rechnen müssen. Die artifiziellen Bedürfnisstrukturen insbesondere der akademischen Mittelschicht gehören deshalb in den Spitzenbereich der Maslowschen Pyramide. Basis jeder menschlichen Existenz sind die grundlegenden physischen Bedürfnisse, etwa die nach Essen und ausreichender Wärme. Ist deren Erfüllung gegeben, entwickeln sich weitere Sicherheitsbedürfnisse, schließlich soziale und auch erste Individualisierungsbedürfnisse. Erst dann folgen die Bedürfnisse nach kognitiven Herausforderungen sowie ästhetische und schließlich Selbstverwirklichungsbedürfnisse. Die Spitze bildet laut Maslow das Bedürfnis nach Transzendenz. Man kann das, mit Brecht, auch kürzer fassen: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Maslow war Sozialpsychologe, dessen Fokus mehr auf den individuellen Strukturen als deren gesellschaftlichen Voraussetzungen lag. Die Mechanismen der Konsum- und Warengesellschaft, die auf schnellen Umsatz sowie den zügigen Ersatz des Alten durch etwas Neues setzen und damit auch Bedürfnisstrukturen prägen, fanden bei ihm nur am Rande Beachtung. Es zeigt sich deshalb in der Realität ein differenziertes Bild: Die Verfeinerung der Bedürfnisstrukturen geht nicht unbedingt einher mit der Aufwertung geistiger, gar transzendentaler Bedürfnisse. Sicher, der moderne Singularitätskämpfer kuratiert ein feinziseliertes Selbst und setzt diverse Hebel in Gang, um sich so differenziert wie möglich darzustellen. Dazu mag auch Transzendentes, Religiöses gehören. Nicht wenige Bestandteile seines Konsumverhaltens folgen jedoch den Imperativen der Warengesellschaft und sind durch Schnelligkeit bestimmt. Dabei fällt die Ausrichtung auf eine kurzfristige Bedürfnisbefriedigung auf. In der klassischen bürgerlichen Mittelschicht ging es hingegen noch darum, die eigenen Ziele langfristig zu planen und solange geduldig zu warten, bis die Zeit für ihre Realisierung, in der Regel war dies finanziell bedingt, reif gewesen ist. Im heutigen Singularitätswettbewerb muss hingegen täglich an der Erneuerung der eigenen Biografie und den vorzeigbaren Statusattributen gebastelt werden. Stillstand ist gefährlich und könnte in die soziale Unsichtbarkeit führen. Insbesondere gilt dies für die Beiträge in den Sozialen Medien.

Die Sozialpsychologie unterscheidet bei der Analyse von Motivationsstrukturen zwischen dem Wunsch nach der schnellen Bedürfnisbefriedigung und dem Wartenkönnen. In der Realität gibt es Mischformen. Deutlich ist allerdings, dass ein Erfolg hinsichtlich der Erreichung anspruchsvoller Ziele in der Regel einen langen Atem voraussetzt. Wenn die Motivation, die Ziele wirklich erreichen zu wollen, schnell wieder verfliegt, sinken die Erfolgsaussichten rapide ab. Eine kurze zeitliche Strecke zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung wird zwar als angenehm empfunden und löst einen Drang zur schnellen Wiederholung aus, auf Dauer nutzt sich dieser Mechanismus aber erstens ab und ist zweitens nicht geeignet, eine tragfähige Frustrationstoleranz aufzubauen. Diese ist jedoch für die Erreichung komplexer Ziele von Bedeutung. Nur wer die Fähigkeit zum Üben besitzt, wer auch einmal gezielt einen Umweg gehen und sich selbst nach Enttäuschungen neu motivieren kann, wird langfristig bemerkenswerte Leistungen vollbringen.

Die Unterschiede zwischen der analogen und der digitalen Fotografie sind nun ein wenig präziser erkennbar. Beim analogen Fotografieren vergeht zwischen der Aufnahme und der Betrachtung des Bildes wesentlich mehr Zeit als bei der digitalen Technik. Der Planungsprozess ist entsprechend komplexer. Schwarzweiß oder Farbe, die Entscheidung muss vor der Aufnahme getroffen werden. Die Filmentwicklung fordert weitere Entscheidungen, wie auch die spätere Positivvergrößerung. Nach der Aufnahme hat man jedenfalls relativ lange zu warten, bis das Ergebnis der Bemühungen beurteilt werden kann. Eine Korrekturnotwendigkeit lässt den gesamten Prozess von vorne beginnen. Der Unterschied zur digitalen Fotografie, vor allem im RAW-Modus, ist evident. Zentraler Punkt ist der Zeitablauf.

Der analoge Prozess erfordert einen langen Atem, bietet dafür aber eine Strategie gegen den Trend des unmittelbaren Konsums und der forcierten Belanglosigkeit. Wer sich mit diesen Eigenschaften der klassischen Filmfotografie näher befasst hat, geht mit der modernen digitalen Technik vielleicht ein wenig anders um. Dass diese qualitativ, etwa hinsichtlich der Detailauflösung, den analogen Verfahren überlegen ist, steht außer Zweifel. Aber es gilt, die Nebenwirkungen des unmittelbar Schnellen auf die mentale Haltung zu bedenken.

 

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