Das Ressentiment als Mittel der Denkvermeidung (3)

von Ulrich Metzmacher

Auch in der Fotografie gibt es Ressentiments. So wird manches, das man selbst nicht besitzt oder nicht beherrscht, nach anhaltender Frustration abgewertet oder als Wunsch schließlich verdrängt. Das Ergebnis sind Denkraster, mit denen sich Gutes von Schlechtem unterscheiden lässt. Dies ordnet zwar die Weltsicht und reduziert die Komplexität des Erlebens, verengt jedoch den Blick und macht blind für die Komplexität der Dinge selbst.

Insbesondere im Kreis engagierter Amateure ereifert man sich gerne bei der Frage nach der wahrhaften Fotografie und sortiert die Dinge in Schubladen. Professionellen Fotografinnen und Fotografen ist dies hingegen meist egal. Sie stehen vor einer gestellten Aufgabe, wählen zur Lösung die passende Technik und machen ihre Arbeit. Fertig! Auch der Gelegenheitsknipser kümmert sich nicht um solche Fragen. Anders der ambitionierte Amateur. Er neigt dazu, die eigenen Fähigkeiten, das eigene Equipment und den eigenen Geschmack als Höhepunkt zu betrachten, und beweist gerne ihre Überlegenheit im Vergleich zu anderen Kameras, Techniken und Stilistiken.

Es geht nicht darum, sämtliche Erscheinungsformen der Fotografie als gleichermaßen elaboriert oder gefällig zu betrachten. Dennoch stellt sich bei Bewertungen die Frage, ob diskursfähig argumentiert wird oder ob es sich um eine Angelegenheit des persönlichen Geschmacks handelt. Über diesen lässt sich sinnvoll meist nicht streiten. Geschieht es dennoch, liegt ein Ressentimentverdacht nahe. Was man selbst nicht kann, nicht hat, nicht versteht oder was einem nicht gefällt, wird schnell einmal abgewertet. Das alte Spiel. Wie in der Geschichte vom Fuchs und den Trauben.

Die Digitalfotografie ist eine sterile Angelegenheit mit dem einzigen Vorteil, dass auch vollkommen Unerfahrene zu gefälligen Ergebnissen kommen können. Wahre Fotografie findet analog statt!

Die Analogfotografie ist eine überholte Angelegenheit zur Befriedigung nostalgischer Bedürfnisse technikabgewandter Romantiker. Zeitgemäße Fotografie findet digital statt!

Vollformat ist überflüssig!

Richtiges Fotografieren verlangt wenigstens das Vollformat!

Ein guter Fotograf verzichtet auf künstliches Licht!

Die Geschichte vom Wert der Festbrennweiten ist elitärer Unfug. Mit einem Zoom lässt sich genauso gut arbeiten!

Die Betonung von Detailauflösung und Bildschärfe als fixe Idee führt zu leblosen Bildern ohne expressiven Ausdruck!

Technisch unsauberes Arbeiten widerspricht dem Geist ernsthaft gemeinter Fotografie!

Künstlerische Fotografie gibt es nur in Schwarzweiß!

Die klassische Bildgestaltung und der Goldene Schnitt sind Dinge von gestern!

Das Smartphone ist kein Fotoapparat!

Fotografie ist ein Scheingeschäft, dem man keinen Glauben schenken darf!

Die Kamera ist ein neutrales Instrument zur Dokumentation der Dinge, so wie sie sind!

Die Liste ließe sich fortsetzen. Die liebste Weisheit des Amateurs lautet jedoch noch immer: Regeln sind dazu da, dass man sie bricht! Was man selbst nicht beherrscht oder nicht versteht, wird auf diese Weise gerne zur überflüssigen Norm erklärt. Und fröhlich lebt der Dilettantismus.

 

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