Das Ressentiment als Mittel der Denkvermeidung (1)

von Ulrich Metzmacher

In modernen Wettbewerbsgesellschaften mit ihren oftmals unrealistischen Konsum- und Erfolgsversprechen ist das Ressentiment als individuelle wie kollektive Kategorie zur Beschreibung einiger neidischer Verhaltensweisen Bestandteil alltäglicher Erfahrungen. Was man selbst, zum eigenen Leidwesen, nicht hat, nicht kann, nicht versteht oder nicht darstellt, wird nach längerem Frustrationsaufbau schließlich mit willkürlich konstruierten Begründungen abgelehnt, abgewertet und bei anderen sowie als eigener Wunsch bekämpft.

Ressentiments folgen einem unbewussten Impuls zum Selbstschutz. Schon Äsop hat in der Fabel vom Fuchs und den unerreichbaren Trauben auf diesen Mechanismus hingewiesen, bei dem sich verschiedene Phasen ablösen. Zunächst steht das vorgetäuschte Desinteresse im Vordergrund: Appetit auf Trauben? Ich doch nicht! Reicht diese Autosuggestion zur inneren Befriedung nicht aus, erfolgt als Steigerung: Diese Trauben sind bestimmt sauer und ungenießbar. Drittens, dies geht ein wenig über die ursprüngliche Fabel hinaus, steht eine radikale Version zur Verfügung: Trauben an sich sind vollkommen überflüssig und eigentlich Unkraut!

Psychologie und Soziologie haben Ressentiments als Mechanismen zum Abschmelzen frustrierender Dissonanzen seit dem 19. Jahrhundert mal als Rationalisierung, mal als negative Projektion gedeutet. In der politischen Kulturwissenschaft sind sie dann 2017 überzeugend von Pankaj Mishra in Das Zeitalter des Zorns zur Erklärung weltweiter Protestbewegungen gegen globalisierte Ungerechtigkeiten herangezogen worden. Dies gilt sowohl international, wenn abgehängte Regionen und Volkswirtschaften geltend machen, dass der Wohlstand anderer Länder zu ihren Lasten geht, wie auch national, wenn die zunehmende Einkommensspreizung zwischen Arm und Reich von den Benachteiligten nicht mehr akzeptiert wird und im Übrigen das liberal anmutende Gerede Bevorteilter als durchschaubare Verteidigungsstrategie zur Sicherung eigener Interessen empfunden wird. Der relative Bedeutungsverlust der sogenannten liberalen Parteien, die von vielen als lobbyistische Klientelvereine wahrgenommen werden, hängt unmittelbar mit dem wachsenden Zorn gegenüber etablierten Eliten und deren Propaganda zusammen. Wirtschaftsliberale Ideologien sind, genau genommen, sogar mitursächlich für das Erstarken populistischer Strömungen, da sie Erwartungen geweckt haben, die vielfach nicht eingelöst werden konnten. Einer revolutionären Stimmung im klassischen Sinne entspricht der Zorn der Enttäuschten dennoch meist nicht, selbst wenn sich Pegida und Gelbwesten hier und dort Reminiszenzen an eine umstürzlerische Rhetorik erlauben. Meist jedoch bleibt es beim verbalen Ressentiment.

Wirklich überrascht sollte sich niemand zeigen. Wenn, wie gegenwärtig in den westlichen Demokratien, die gesellschaftlichen Versprechungen bezüglich einer formellen allgemeinen Chancengleichheit auf kaum überwindbare Realitätshindernisse stoßen und Versuche zur Umsetzung der Wohlstands- und Aufstiegsambitionen in der Praxis erfolglos bleiben, sind neben Lethargie und Depression zornige Reaktionen stets nur eine Frage der Zeit. Dass im Übrigen in einer solchen Stimmungslage die Suche nach Sündenböcken Konjunktur hat, wurde in früheren historischen Situationen schon mehrfach zum Verhängnis marginalisierter Gruppen oder ganzer Gesellschaften bzw. Kulturen. Ressentiments zeichnen sich nun einmal dadurch aus, dass keine rational belastbare Analyse von Deprivationsursachen erfolgt, sondern der aufgestaute dumpfe Zorn ein eher schlichtes Feld zum Abreagieren sucht. Und wer sich mit seinen Sorgen und Verletzungen nicht überzeugend ernstgenommen oder von Deklassierung bedroht fühlt, findet hierfür im Bereich sozialer Bewegungen genügend Angebote. Die klassischen Schemata von rechts und links greifen dabei nicht mehr. Populistische Ressentiments finden sich hier wie dort. Sie sind Bestandteil einer meist unbewusst bleibenden Strategie zur Sicherung des bedrohten mentalen Gleichgewichts.

Was hat das Ganze nun mit der Fotografie zu tun? Vordergründig erst einmal gar nichts. Aber irgendwie hängt ja bekanntlich alles mit allem zusammen, und wenn man nur ein wenig sucht, ergeben sich neue Verbindungen zwischen zunächst zusammenhanglosen Themen. Im Übrigen handelt es sich hier um ein Grundmuster nahezu jeder Essayistik. Bevor wir auf die Fotografie zurückkommen, werfen wir deshalb zunächst einen Blick in Friedrich Nietzsches Genealogie der Moral aus dem Jahr 1887, die den Untertitel Eine Streitschrift trägt. Die psychologische Deutung des Ressentiments spielt in diesem zentralen Werk Nietzsches eine wichtige Rolle. (Zitate sind der Ausgabe Friedrich Nietzsche: Philosophische Werke in sechs Bänden, hrsg. von Claus-Artur Scheier, Bd. 6, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2013 entnommen.)

Schon in der Vorrede entfaltet Nietzsche die Grundthese: Wir sind immer dazu unterwegs, als geborne Flügelthiere und Honigsammler des Geistes, wir kümmern uns von Herzen eigentlich nur um Eins – Etwas „heimzubringen“. Was das Leben sonst, die sogenannten „Erlebnisse“ angeht, - wer von uns hat dafür auch nur Ernst genug? (S. 3). Und ein wenig weiter: … so reiben auch wir uns mitunter hinterdrein die Ohren und fragen, ganz erstaunt, ganz betreten „was haben wir da eigentlich erlebt?“. Nein, Nietzsche meint hier nicht das Fotografieren und das eifrige Sammeln von Bildern, sondern die Suche des wissenschaftlichen Geistes nach dem moralisch Guten, bei der, je nach Standpunkt, am Ende meist religiöse oder philosophische Antworten gefunden werden. Das Leben selbst, so Nietzsche, bleibt dabei jedoch häufig auf der Strecke, und so drängt sich die Überlegung auf, die Frage anders zu stellen: unter welchen Bedingungen erfand sich der Mensch jene Werthurtheile gut und böse? und welchen Wert haben sie selbst? (S. 5). Auf den Punkt gebracht: … der Glaube an die Moral, an alle Moral wankt, - endlich wird eine neue Forderung laut. Sprechen wir sie aus, diese neue Forderung: wir haben eine Kritik der moralischen Werthe nöthig, der Werth dieser Werthe ist selbst erst einmal in Frage zu stellen … (S. 8f.).

Nietzsche betritt damit die Metaebene der Moralbetrachtung, aber Nihilismus, wie man ihm oftmals vorgeworfen hat, ist das nicht, trotz Formulierungen wie Jenseits von Gut und Böse oder Umwertung aller Werte, die das Gesamtwerk durchziehen. Eher nimmt er Thesen vorweg, die später etwa von Sigmund Freud, Niklas Luhmann oder Michel Foucault in verschiedenen Richtungen ausgearbeitet werden sollten. Auch ihnen ging es nicht um den absoluten Wert bestimmter moralischer Forderungen an sich, sondern um die Frage nach ihren Ursprüngen und Funktionen, nicht zuletzt auch um die Identifizierung derjenigen, die über die Macht verfügen, Wertmaßstäbe zu definieren und durchzusetzen.

Das Land der Moral neu zu entdecken, entsprach für Nietzsche einer Fröhlichen Wissenschaft, frei von allen Erwartungen an eine kanonische Fixierung vermeintlich letzter, unumstößlicher Werte. Allein schon die Suche nach dem Guten an sich empfand er als lächerlich, deshalb: vorwärts! Auch unsre alte Moral gehört in die Komödie (S. 10).

Die Vorrede zur Genealogie der Moral bildet den Rahmen für Nietzsches Überlegungen zum Ressentiment, mit denen sich der nächste Blogbeitrag in einer zwanglosen Interpretation des Originaltextes befassen wird.

 

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