Das Ressentiment als Mittel der Denkvermeidung (2)

von Ulrich Metzmacher

Zwar meist weniger ausgeprägt als gegenüber anderen Künsten, gibt es auch in der Fotografie Ressentiments. Während es bei abstrakten Werken der Malerei oder bei performativen Installationen gang und gäbe ist, dass sich der eine oder andere Betrachter mit Unverständnis abwendet und das Ganze für Firlefanz hält, scheint die technikbedingte Wirklichkeitsaffinität der Fotografie ein Garant dafür zu sein, dass sie unmittelbarer verstanden wird. Und je egalitärer eine Kunst ist, umso weniger Angriffsflächen für Ressentiments bietet sie offenbar. Aber sie strahlt eben auch weniger Außergewöhnliches aus.

Im letzten Blogbeitrag ging es um die Moralkritik Nietzsches, wie er sie in der Vorrede zur Genealogie der Moral skizziert hatte. Demnach handelt es sich bei Wertvorstellungen jeglicher Art um kulturelle Produkte, die stets von Menschen gemacht sind. Eine unhistorische oder universelle Moral gab es für Nietzsche nicht. Alle Normen lassen sich auf das Verhalten gesellschaftlicher Gruppen, Schichten oder Klassen zurückführen. Dies bedeutet allerdings nicht unbedingt, dass die Mehrheitskultur das Ergebnis von Manipulationen der Mächtigen ist, wie manche Gesellschaftskritiker meinen. Die Dinge sind komplizierter. Nietzsche zeigt dies am Beispiel von Ressentiments als unmittelbarer Folge der Konfrontation konträrer Moralvorstellungen. In der ersten der drei Genealogie-Abhandlungen mit dem Titel „Gut und Böse“, “Gut und Schlecht“ wird dies näher erläutert. (Zitate sind der Ausgabe Friedrich Nietzsche: Philosophische Werke in sechs Bänden, hrsg. von Claus-Artur Scheier, Bd. 6, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2013, entnommen.)

Woher stammt die Vorstellung des Guten? Es seien „die Guten“ selbst gewesen, das heisst die Vornehmen, Mächtigen, Höhergestellten und Hochgesinnten, welche sich selbst und ihr Thun als gut, nämlich als ersten Ranges empfanden … (S. 15). Abstrahiert man von der heute etwas ungewohnten Sprache, lässt sich die These Nietzsches so zusammenfassen: In der historischen Betrachtung waren es zunächst die Herrschenden, die ihre ritterlich-aristokratischen Werthurteile mit der Vorstellung des Guten synonym setzten, wobei dieses Gute weniger einer erhabenen Moral nach heutigem Verständnis entsprach, sondern schlichtweg dem aus der Machtfülle entstandenen Gefühl eigener Wertigkeit. Ressentiments gegenüber Niedergestellten waren unnötig, da die Verhältnisse klar waren und von niemandem in Frage gestellt wurden. Mächtig gleich gut, lautete das aristokratische Selbstbild. Hiervon habe sich dann jedoch im Laufe der Zeit, so Nietzsche weiter, eine umkehrende priesterliche Werthungs-Weise abgesetzt, in deren Folge der Begriff des Guten eine neue Zuordnung gewann und das Böse als Negativfolie eine aktive Bedeutung erhielt. Nun galt: Die Elenden, die Armen, Ohnmächtigen, Niedrigen sind allein die Guten, die Leidenden, Entbehrenden, Kranken, Hässlichen sind auch die einzig Frommen, die einzig Gottseligen, für sie allein giebt es Seligkeit, - dagegen ihr, ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr seid in alle Ewigkeit die Bösen, die Grausamen, die Lüsternen, die Unersättlichen, die Gottlosen, ihr werdet auch ewig die Unseligen, Verfluchten und Verdammten sein (S. 23). Das klingt wie von Martin Luther.

Während das Wertesystem der Privilegierten einstmals das Gute aus sich selbst heraus definierte und eine Abgrenzungsfolie zur negativen Untertanenmoral nicht benötigte, hat sich dies in der Moderne mit der Umwertung der Kategorien verändert. Die vorherrschende Massenmoral, nun von ihrem religiösen Ursprung weitgehend gelöst, definiert das Gute nicht selbstbewusst, sondern durch den Kontrast zum abgewerteten Elitären. Ich bin gut, weil andere böse sind. Durch diese Logik entstand, folgt man Nietzsche, ein säkularer Nährboden für die Entwicklung von Ressentiments gegenüber allem Außergewöhnlichen, das nicht dem durchschnittlichen Mehrheitsgeschmack folgt.

Nietzsches Sprache und Religionskritik sind an vielen Stellen polemisch, und die als historisch verstandene Darstellung der Moralentwicklung mit der Umwertung von Gut und Böse bleibt holzschnittartig. Allein die hegelsche Dialektik von Herr und Knecht hätte hier eine weitergehende Differenzierung möglich gemacht. Und schließlich ist die an anderer Stelle in Nietzsches Gesamtwerk entwickelte Zarathustrageschichte als Sinnbild einer neuen Aristokratie des Geistes, zumindest vordergründig, nicht kompatibel mit heutigen Egalitätsvorstellungen. Das macht Nietzsche angreifbar. Warum ihn also noch lesen? Antworten wurden von Freud bis Foucault gegeben: Weil er gegen den Strich dachte und grundsätzlich misstrauisch war gegenüber allen Mehrheitsmeinungen und dem allgemeinen Durchschnittsgeschmack, auch im Feld der Kunst! Ein Apologet gesellschaftlicher Statuseliten in Politik, Wirtschaft und Kultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts war er damit jedoch ganz und gar nicht. Eher darf man ihn als scharfen Kritiker der Konsum- und Massenkultur des aufstrebenden Industriezeitalters verstehen. Das Volk hat gesiegt, so Nietzsches Diagnose, die Herren sind abgethan. Vorherrschend ist nun die Moral des gemeinen Mannes. Lassen wir uns auch hier nicht von der Sprache abschrecken. Adorno hatte es nur anders formuliert. Kulturell dominierend sind in der Warengesellschaft der Massengeschmack und die Massenkultur. Was dem nicht entspricht, muss mit Abstoßungsreaktionen rechnen. Elitäres hat es dementsprechend schwer. Dem wiederspricht auch nicht die Diagnose von Reckwitz, dass heute jeder bemüht sei, etwas Besonderes, Singuläres darzustellen, denn im Zweifel siegt die Anpassung an das Normale. Auffallen möchte man schon, aber eben nicht abweichen.

Im Feld der Kunst sind Ressentiments nichts Ungewöhnliches. Je ungegenständlicher, aber auch je simpler, wilder oder scheinbar banaler ein Werk daherkommt, umso häufiger gibt es die bekannten Reaktionen: Das male ich Dir in fünf Minuten! So etwas macht meine Tochter/mein Sohn jeden Tag im Kindergarten! Das Bild wird offenbar nicht als Kunst angenommen oder nicht verstanden und umgehend abgewertet. Die Zeiten ändern sich jedoch. Sehgewohnheiten und die Maßstäbe für das, was als Kunst akzeptiert wird, sind einem dauernden Wandel unterworfen. Rief der Impressionismus zunächst noch einen Skandal hervor und blieben auch Expressionismus oder Dada zu ihrer Zeit erst einmal weitgehend unverstanden, gehören sie alle längst zur etablierten Kunst, bei der die Besucher vor Ausstellungen Schlange stehen. Ressentiments gibt es kaum noch, selbst mildes Kopfschütteln ist da nicht mehr zu verzeichnen.

Dem jeweils gerade aktuell Avantgardistischen begegnet der Massengeschmack hingegen bis heute in der Regel mit Ablehnung. Ist das Kunst oder kann das weg? ist zum Synonym für eine naive Radikalität geworden, die sich nicht selten aus ignorantem Unverständnis speist. Aber erstens, muss dem entgegengehalten werden, wäre die Vermutung, dass es sich bei allem Unverstandenen wirklich um Kunst handelt, reichlich gewagt, und zweitens ist die Frage der Definition von Kunst in postmodernen Zeiten so schwer zu beantworten wie niemals zuvor. Am unwiderlegbarsten ist da noch die zynische Definition: Kunst ist, was vom Kunstmarkt als Kunst gelabelt wird. Der Nichtakzeptanz eines Werkes liegt deshalb nicht zwangsläufig ein subjektives Ressentiment zugrunde. Mitunter ist es schlichtweg noch nicht gelungen, ein Werk als Kunst zu etablieren, und ohne dieses Label mangelt es ihm an Reputation und dem Betrachter an Respekt. Dieser ist noch nicht vorbereitet und deshalb unwillig, sich dem Werk zuzuwenden. Es gibt solche oder andere, auch gute, Gründe für eine Ablehnung. Nicht jedes Bild muss gefallen.

Andererseits fällt auf, dass zeitgenössische Gegenwartskunst, die es in die Galerien und Museen geschafft hat, zwar von Enthusiasten, Marktbeteiligten und dem Feuilleton mit Wohlwollen beachtet wird, das breite Publikum sich jedoch häufig zurückhält. Dominant ist nun einmal der Massengeschmack, der zwar nicht mehr so rigide naturalistisch ausgerichtet ist wie im 19. Jahrhundert, aber immer noch mit Vorliebe Gegenständliches betrachtet oder zumindest Gegenständliches zu erkennen hofft. Bleibt dies aus oder bieten Abstraktionen und Objektinstallationen keine ausreichenden Ansatzpunkte für eine Sinnkonstruktion, bilden sich schnell Ressentiments. Damit kann ich nichts anfangen! stellt noch die mildeste Form der Reaktion dar. Andere beziehen sich auf das Werk selbst und werten es als Scharlatanerie ab. Oder der Künstler/die Künstlerin wird deskreditiert. Joseph Beuys etwa hat dies über lange Jahre hinweg erfahren.

Alles, was etablierten Sehgewohnheiten widerspricht, was außergewöhnlich ist, vielleicht sogar elitär daherkommt, hat es nun einmal schwer. Unverstandenes löst aber Frustrationen, mitunter auch Aggressionen aus und wird schnell mit willkürlich konstruierten Begründungen abgelehnt. Dies alles sind Erscheinungsformen des Ressentiments. Vielleicht liegt genau hier der Grund für die Beliebtheit der Fotografie. Sie ist in der Regel leichter zu verstehen als viele Werke der Gegenwartskunst, weil sie, allein technisch bedingt, einen unmittelbaren Realitätsbezug suggeriert und damit Gegenständliches verspricht. Auch wenn sich dieses nicht immer auf den ersten Blick offenbart, kann sich ein Betrachter stets mit einer gewissen Aussicht auf Erfolg der Frage widmen, was auf einer Fotografie abgebildet ist. Dies muss zwar nicht dazu führen, dass die Fotografie am Ende auch Gefallen findet, aber die Luft für eine ressentimentgeladene Reaktion ist meist relativ dünn. Aufregung findet nicht statt.

Natürlich ist das kein Automatismus. Auch in der Fotografie hat es immer wieder Beispiele dafür gegeben, dass einzelne Bilder oder ganze Werke polarisieren. Das mag durch den Inhalt der Aufnahmen begründet sein wie etwa bei Tabuverletzungen oder aufgrund des Stils des Fotografen/der Fotografin. Jürgen Teller oder Wolfgang Tillmans etwa, hier nur beispielhaft genannt, werden zwar von kunstaffinen Fotointeressierten meist geschätzt und ihre Ausstellungen sind gut besucht, dem Massengeschmack entsprechen sie damit aber noch lange nicht. Trotz Gegenständlichkeit sind ihre Werke eben nicht so leicht zu entschlüsseln.

Grundsätzlich und insgesamt bietet die Fotografie aufgrund ihres meist gegenstandsbezogenen Charakters weit weniger Angriffsflächen für Ressentiments als Abstraktes. Darüber hinaus ist sie ein durch und durch demokratisches Medium. Jeder kann eine Kamera bedienen, und in vielen Fällen gleichen die Ergebnisse ambitionierter Amateure durchaus den in Museen gezeigten Aufnahmen bekannter Fotografinnen und Fotografen. Auch dies trägt dazu bei, dass Ressentiments seltener sind als bei anderen Formen der Kunst.

Aber es gibt einen Preis, der zu zahlen ist: Nicht nur Auratisches, Transzendentes, sondern eben auch Geniales, Elitäres, Vornehmes, Stolzes, also alles, gegen das sich das Ressentiment des durchschnittlichen Mehrheitsgeschmacks richtet, ist in der Fotografie selten. Nietzsche lag mit seiner Logik da schon ganz richtig. Vertraut ist vor allem das Mittelmäßige. Dem Übrigen wird gerne einmal mit heimlichem Groll begegnet.

 

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