Das Private wird öffentlich

von Ulrich Metzmacher

Seit es Gesellschaften gibt, besteht ein Spannungsverhältnis zwischen den kollektiven Anforderungen an den Einzelnen und seinen Behauptungen gegenüber dem sozialen Umfeld. Gleichwohl bilden Individuum und Privatheit einerseits und die Gesellschaft andererseits zwei Pole, die nicht voneinander zu trennen sind. Selbst der freie Einzelne ist nur vergesellschaftet denkbar. Und ohne soziale Einbindung keine Privatheit.

Individuum und Gesellschaft treffen in der Öffentlichkeit aufeinander. Jürgen Habermas hat 1962 in seiner Habilitationsschrift deutlich gemacht, dass diese historisch einem stetigen Wandel unterworfen war. Parallel haben sich die Vorstellungen von Privatheit verändert. Einiges von diesem Prozess spiegelt sich auch in der Geschichte der Fotografie wider. Der heute zur Gewohnheit gewordene Umgang mit privaten Bildern im öffentlichen Raum der Social Media Kanäle wäre noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen. Ein kleiner Rückblick macht dies deutlich.

Erst mit der Renaissance begann die Dichotomie von öffentlichem und privatem Raum nach und nach zu einem Grundmerkmal bürgerlichen Lebens zu werden. Am ausgeprägtesten zeigte sich dies im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert. In der Öffentlichkeit wurden Dinge von kollektiver Bedeutung verhandelt, das Private hingegen wurde als Schutz- und Rückzugsraum verstanden, der von den Blicken Anderer abgeschottet werden musste. Dass dieses Konstrukt zu keiner Zeit frei war von Verklärung, ist hinlänglich bekannt. Dies gilt auch heute. Privatheit bzw. Familie können nicht losgelöst von gesellschaftlichen Prägungen und Beeinflussungen verstanden werden. Bis in das Alltagsleben hinein finden soziale Transferprozesse aus dem öffentlichen Raum in das Private statt. Ereignisse der Konsum- und Arbeitswelt durchdringen den vermeintlichen Schutz des Heimischen, das heute im Übrigen nicht nur dem klassischen Familienmuster folgt, sondern eine große Varianz aufweist. Gleichwohl wird die Gesellschaft, unabhängig von den konkreten individuellen Lebensformen, stabilisiert, indem das Private Kompensationsleistungen zum Funktionieren des Einzelnen in der Öffentlichkeit erbringt.

Öffentlichkeit und Privatheit beeinflussen sich wechselseitig stärker, als eine nur oberflächliche Betrachtung erkennen lässt. Das Ganze ist im Übrigen eine Geschichte gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Dies tangiert sowohl politische wie ökonomische Strukturen, aber auch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Nicht zuletzt die soziologischen Familien- und Genderforschungen haben seit den siebziger Jahren deutlich gemacht, dass im Bürgertum der vergangenen Jahrhunderte der öffentliche Raum überwiegend männlich dominiert war, während die Organisation des Haushalts eine weibliche Domäne bildete. Obwohl es zu allen Zeiten Frauen gab, die dieses Leitbild durchbrachen, befand sich zum Ende des 19. Jahrhunderts das bürgerliche Familienmodell auf seinem ideologischen Höhepunkt. Danach begann sein langsamer Zerfall als gesellschaftsdominantes Muster.

Das Private ist politisch. Mit dieser Ansage machten SDS-Studentinnen 1968 deutlich, dass selbst noch zu dieser Zeit viele ihrer männlichen Genossen geprägt waren von traditionellen Vorstellungen. Antiautoritäre Forderungen richteten sie primär an Wirtschaft, Politik und öffentliche Institutionen. Eine Reihe klassischer Geschlechtsrollenstereotype wurde hingegen von der Kritik ausgenommen. Selbst die sexuelle Befreiung der sechziger Jahre stellte sich in mancherlei Hinsicht als eine Strategie dar, die trotz antiautoritärem Wortgeklingel insbesondere die männliche Freiheit vor Augen hatte. Die linke Selbstkritik hat lange gebraucht, bis es zur Aufarbeitung dieser wenig ruhmreichen Inszenierungen kam.

Es waren Künstlerinnen, die seit den siebziger Jahren durch ihre Werke und Aktionen dem vermeintlich Privaten seinen Ideologieschleier nahmen. Was für manchen wie Voyeurismus aussah, war im Prinzip durch und durch politisch, nicht zuletzt geschlechterpolitisch, inspiriert. Nan Goldin öffnete ihr Privatleben bis hin zu intimen Ereignissen und zeigte schließlich ein Selbstportrait mit blauem Auge, das ihr von einem Lover zugefügt worden war. Andere Fotografinnen und Videokünstlerinnen, später auch Männer, gingen ähnliche Wege. Stets ging es darum, mit Hilfe von Bildern die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum zu dekonstruieren.

In den traditionellen künstlerischen Ausdrucksformen war die Hinwendung zu den privaten, auch intimen Themen nicht neu. Literatur, Theater, Malerei und der Kinofilm zogen aus ihnen schon immer einen großen Teil ihrer Stoffe. Aber das alles war artifiziell, künstliche Kunst eben. Leser und Betrachter konnte sich selbst zwar wiedererkennen, stets jedoch blieb ein Schutzschild. Schließlich war es ja nur fiktiv, was man da lesen oder sehen konnte. Die Fotografie und später auch das Video wiesen demgegenüber einen radikal anderen Charakter auf. Das fotografische Bild zeigt Szenen, von denen man spontan annehmen muss, dass sie im Augenblick der Aufnahme eine Entsprechung im Realen hatten.

Solange die Fotografie noch nicht als kritisches Instrument verwendet und stattdessen überwiegend normenkonform eingesetzt wurde, wies sie kein Störpotential auf. Meist handelte es sich um harmlose Bilder aus dem privaten Leben, die den traditionellen Geschlechtsrollen entsprachen und nicht selten eine gewisse Repräsentationsfunktion aufwiesen. Sie konnten problemlos sowohl privat gezeigt wie auch im öffentlichen Raum vorgestellt werden. Oder aber es handelte sich um heimlich angefertigte Bilder mit erotischem Inhalt, die es im Übrigen zu allen Zeiten gab. Diese blieben meist unter Verschluss und durften nicht dem Licht der Öffentlichkeit ausgesetzt werden. Einen Sonderfall bildeten künstlerische oder auch pornografische Aktaufnahmen. Aber diese waren nicht wirklich privat, sondern entstanden für die Ausstellung, die Fotozeitschrift oder den Handel mit einschlägigen Bildchen. Von ihrem Entstehen im 19. Jahrhundert bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hielt sich die Fotografie an diese Spielregeln: Abgesehen von den genannten Ausnahmen gab es die moralgerechten, öffentlichkeitsgeeigneten Aufnahmen einerseits sowie die unter Verschluss gehaltenen Bilder aus dem Privaten andererseits. Dies sollte sich ändern.

Der Gebrauch der Fotografie für die nichtinszenierte Herstellung intimer Bilder und deren anschließende Vorführung im öffentlichen Raum sprengte die bislang geltenden Regeln. Nan Goldin wurde bereits genannt. Nun gab es reales Bildmaterial aus der Welt der Intimitäten zu sehen, nicht nur Fiktionales. Diese Entschleierung des zuvor Verborgenen begann vor etwa fünfzig Jahren. Mit dem Aufkommen der Social Media Kanäle und der massenhaften Verwendung des Smartphones als Kamera haben sich die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre dramatisch verändert bzw. partiell aufgelöst.

Was mit den Gedanken von Jürgen Habermas zum Strukturwandel der Öffentlichkeit zu Beginn der sechziger Jahre und dem antiautoritären Das Private ist politisch am Ende desselben Jahrzehnts begonnen hatte, zeigt heute seine Fortsetzung in einer Form, an die vor fünfzig Jahren niemand denken konnte. Da wird gepostet, was das Zeug hält, ohne dass dies kritisch reflektiert wird oder mit einem bewussten politischen Impuls erfolgt. Einer der wichtigsten Beweggründe hierfür ist die verzweifelte Suche nach Anerkennung.

Viele private Social Media Präsentationen verfolgen das Ziel, von möglichst vielen Nutzern konsumiert und im besten Fall mit einem Gefällt versehen zu werden. Kommerzielle Kampagnen lassen wir jetzt einmal unberücksichtigt. Bei diesen geht es letztlich immer um Umsatzsteigerung. Private Posts hingegen rufen nach Anerkennung. Man will wahrgenommen werden und, wettbewerblich betrachtet, bei den Likes möglichst weit vorne liegen. Das Private unterwirft sich so einer öffentlichen Normierung.

Zwar hat auch die Mode, nicht zuletzt in Verbindung mit spezifischen Symbolen, schon immer dazu beigetragen, aus der Masse hervorzustechen und aufzufallen, aber das alles waren harmlose Mittel im Vergleich zu den heute öffentlich gemachten Intimitäten jeglicher Art. Erklären lässt sich das nur durch eine Schwächung des Individuums, das um jeden Preis Hinweise darauf benötigt, dass es von möglichst vielen gemocht, das heißt geliked wird. Der Preis liegt in der partiellen Aufgabe des privaten Freiheitsraumes. Wer alles von sich ins Netz stellt, läuft Gefahr, am Ende in der eigenen Selbstwahrnehmung nicht viel mehr zu sein als das, was im Netz steht. Die Fixierung auf das öffentliche Lob trägt im Übrigen dazu bei, immun zu werden gegenüber möglichen eigenen Widerspruchsgedanken hinsichtlich der normativen Zumutungen der Gesellschaft.

Aber vielleicht ist das zu pessimistisch gesehen und die Medienkompetenz ist stärker entwickelt, als es manchmal scheint. Solange die im Netz eingestellten privaten Bilder mit einem letzten Rest distanzierter Ironie präsentiert werden, besteht ja noch Hoffnung, und mitunter ist ja auch ein gewisses subversives Störpotential erkennbar.

Zurück