Das Original in der Fotografie und bei der Plastik

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Wird dem analogen Bild ein Beweischarakter zugeschrieben, weil sich infolge der Lichtabstrahlung die vor der Kamera befindlichen Dinge im Negativ einprägen, so ist dies nicht weit entfernt vom Prinzip der Gusstechnik in der Bildhauerei. Zunächst wird ein Objekt als Tonform modelliert. Anschließend wird ein Abdruck genommen, der als Gussform dient. Wie beim fotografischen Verfahren wird aus diesem Negativabdruck das Positiv gebildet, etwa als Bronzeguss.

Darüber hinaus gibt es weitere Gemeinsamkeiten. Solange das fotografische Negativ und die abgenommene Form des Tonmodells existieren, können von beiden nahezu beliebig viele Positive hergestellt werden. Dieses Potential zur Vervielfältigung löst die Frage nach dem Original aus. Da weder Fotografien noch Bronzeplastiken ohne Zerstörung des Negativs beziehungsweise des Tonmodells und der Gussform einen singulären Charakter aufweisen, handelt es sich bei ihnen nicht um Originale im strengen Sinn.

Die in Museen verwendete Bezeichnung Abguss-Sammlung ist korrekt und angemessen. Darüber hinaus lädt sie den Besucher zur Reflexion über die Entstehungsbedingungen der Exponate ein. Fotogalerien halten hingegen gerne am Einzigartigkeitsversprechen fest. So wird betont, dass Vintage Prints oder Originalabzüge ihre Besonderheit, nebenbei auch ihren kommerziellen Wert, der persönlichen Herstellung durch den Fotografen beziehungsweise seiner Signierung und Nummerierung verdanken. Eine solche Originalitätszuschreibung ist durchaus berechtigt, da die Arbeit in der Dunkelkammer eine Reihe von Bildbeeinflussungen ermöglicht. Die von Hand hergestellten Abzüge eines Negativs können sich deshalb unterscheiden. Es gibt dann mehrere Bildversionen, wie etwa im Werk von Ansel Adams zu sehen ist. Dennoch, grundsätzlich einzigartig ist ausschließlich das Filmnegativ. In digitalen Zeiten hingegen herrschen andere Bedingungen. Während es im Negativfilm bei Belichtung und Entwicklung zu einer chemischen Reaktion kommt, die weder umkehrbar ist noch nachträglich manipuliert werden kann, ohne Spuren zu hinterlassen, wird bei der digitalen Aufnahme eine nichtmaterielle Fotovoltaikreaktion des Sensors ausgelöst. Diese Information wird auf der Speicherkarte als Datei festgehalten, die ohne Eingriff in die Beschaffenheit des Datenträgers verändert werden kann. Bei der digitalen Fotodatei handelt es sich deshalb nicht um ein Beweismittel für ein Es ist so gewesen wie beim Negativfilm, sondern um eine flüchtige Angelegenheit ohne direkte materielle Manifestation. Die Frage nach dem Original ist komplizierter als noch in analogen Zeiten. Da kein dem Negativ vergleichbares Substrat angefasst werden kann, unterscheidet sich die digitale Fotografie grundlegend von der plastischen Gussform. Das ehemals gemeinsame Paradigma der Negativ-Positiv-Technik von Fotografie und Plastik ist mit der Digitalisierung Geschichte geworden und hat lediglich bei analogen Verfahren weiterhin Gültigkeit.

Der voranstehende Text ist, leicht überarbeitet, dem Siebenten Kapitel der Gedanken zum fotografischen Bild entnommen.

 

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