Das Märchen vom Post-Truth Zeitalter

von Ulrich Metzmacher

Die Frage nach dem Realitätscharakter der Erscheinungen dieser Welt bildet ein facettenreiches Kapitel im dicken Buch der Philosophie und der Fototheorien. Wie wirklich ist das, was wir sehen? Können wir es objektiv beschreiben und fotografieren? Auch wenn es sich alltagspraktisch ohne komplexe Antworten auf solche Fragen durchaus leben lässt, bildet die Unterscheidung von Tatsachen und Fakes einen elementaren Bestandteil vernünftigen Miteinanders.

Ja, die Wirklichkeit, sie ist ein scheues Reh. Aber solange nicht fünf Betrachter der Auffassung sind, dort hinten am Ende des Feldes steht ein Baum, während fünf andere die feste Überzeugung vertreten, da wächst nicht einmal ein Strauch, kommt man mit dem Konstrukt Wirklichkeit recht gut zurecht. Dennoch, einmal muss man den ontologischen Zweifel wohl durcharbeiten. Anschließend ist die Erkenntnis meist auszuhalten, dass nichts gewiss ist, übrigens nicht einmal das. Und trotz der verbleibenden philosophischen Ungewissheit lässt sich in der Regel durchaus vernünftig kommunizieren. Dann jedenfalls, wenn der Wille vorhanden ist, dem Gegenüber zuzuhören und sich auf einen offenen Diskurs einzulassen. Auch die Frage nach dem Baum ist letztlich entscheidbar. Im Zweifel muss man sich halt darauf verständigen, hinzulaufen und nachzusehen.

Wenn wir dieses und jenes als real annehmen, so geschieht das vor dem Erfahrungshintergrund, dass wir es nicht individuell tun, sondern unsere Wahrnehmung in der Regel von anderen, die uns wichtig sind, geteilt wird. Diese Gruppe kann größer oder kleiner sein. Wir dürfen beim Verstehen der Dinge in den meisten Fällen jedenfalls von einer intersubjektiven Übereinstimmung zumindest mit einem Teil unserer sozialen Umgebung ausgehen. Dies hat jedoch nichts mit Wahrheit im strengen Sinne zu tun. Die eigenen Sichtweisen als allgemeingültig zu betrachten, wäre schlichtweg lächerlich. Die Theoretiker der Postmoderne haben als Nachfolger der kritischen Philosophien und Gesellschaftsmodelle der vergangenen zweihundert Jahre ausreichend dargelegt, dass alle Interpretationen dieser Welt das kulturelle Produkt sozialer Beziehungen sind, von Machtverhältnissen, ökonomischen Imperativen und individuellen Projektionen. Letzte Wahrheiten ohne Verfallsdatum gibt es außerhalb des Religiösen nicht.

Die Zeichen der Welt werden konstruiert und sind nicht einfach objektiv da. Denkt man diesen Gedanken konsequent weiter, so führt er, und das ist die Crux postmoderner Theorien, in eine potentielle Beliebigkeit. Wenn nichts unanfechtbar wahr ist, droht das Gespenst bodenloser Unsicherheit. Nicht selten hat schon die frühe Nietzsche-Rezeption in die Nihilismusfalle geführt, aus der ein Entrinnen schwierig wird. So manchen Rezipienten postmoderner Thesen überkommt ein ähnliches Gefühl des Werte-, Ziel- und Morallosen. Gegensätzliches zu ertragen und die Fähigkeit zum Aushalten von Kontingenzen zu entwickeln, fällt offenbar schwer. Mitunter ergibt sich daraus das Verlangen nach verlässlichen Wahrheiten. Die Konjunktur einfacher Weltbilder hat hier eine ihrer Ursachen. Es sind meist Wunschvorstellungen ohne globalisierte Diversität, ohne multikulturelle Lebensformen und ohne das Fremde überhaupt.

In Zeiten der politischen Propaganda gibt es gerade aufgrund der Auflösung des absoluten Wahrheitsbegriffs gute Gründe, an der Unterscheidbarkeit von richtigen und falschen Behauptungen festzuhalten. In den letzten Jahren hat sich jedoch ein Phänomen herausgebildet, das diese Unterscheidbarkeit erschwert. Denn die einstmals von Kant über Nietzsche bis Foucault aufklärerisch gemeinte Entzauberung vormals unumstößlicher Wahrheiten wird heute in verhunzter Form von den Mächtigen selbst genutzt, um die Relativität der Thesen ihrer Gegner zu begründen. Es sei doch alles eine Frage der Perspektive, so sagen sie. Klimawandel? Alles Meinungssache und nur eine Angelegenheit der Sichtweise! Darwin? Warum an den Schulen nicht gleichberechtigt auch Kreationismus lehren? Und dann die Verschwörungstheorien verschiedener Couleur. Selbst so manche Potentaten und ihre Strippenzieher im Hintergrund beherrschen postmoderne Argumentationsmuster recht gut. Dem zu begegnen und sich nicht irre machen zu lassen, stellt eine Herausforderung heutiger Aufklärung dar. Denn natürlich gibt es Tatsachen, nicht nur Meinungen.

Jede perspektivische, aus Motiven und Interessen abgeleitete Behauptung hat ihre Voraussetzungen. Nach diesen kann/soll/muss man fragen. Neben Interessen sind es Werthaltungen, die hinter den Behauptungen stehen. Diese sind prinzipiell diskursiv verhandelbar. Auch darum geht es: Nicht schulterzuckend bei der Feststellung der Relativität der Dinge innehalten oder gar resignierend zurückweichen, sondern darauf bestehen, die Voraussetzungen perspektivgebundener Aussagen herauszuarbeiten.

Auch die Wissenschaft gibt ja nicht auf, nur weil wir spätestens seit Popper und Thomas Kuhn wissen, dass ihre Paradigmen einem potentiellen Wandel unterliegen. In jedem Universitätsfach ist es selbstverständlich, die eigene Geschichte zu reflektieren, um ein Gespür dafür zu entwickeln, dass auch das jeweils aktuelle Wissenschaftswissen nur ein vorläufiges ist. Und dennoch macht es Sinn, den Begriff richtiger Erkenntnis aufrecht zu erhalten, auch wenn diese nicht als absolut verstanden werden kann. Wer das Prinzip rational organisierter Forschung jedoch pauschal preisgibt oder gar zur Wissenschaftsfeindlichkeit tendiert, verzichtet letztlich auf die Kategorie menschlicher Vernunft.

Wie Niklas Luhmann gezeigt hat, wird exklusiv im institutionalisierten wissenschaftlichen Diskurs der Versuch unternommen, auf geregelte, sich selbst permanent überprüfende Weise Aussagen mit Gültigkeitsanspruch über die Welt zu formulieren. Einzig aus der Wissenschaft selbst können die so gewonnenen Aussagen im Sinne des Falsifikationsprinzips auch wieder in Frage gestellt werden, nicht jedoch aus der Politik oder irgendwelchen Zeitgeistdiskursen. Und auch nicht aus der Kunst. Sie würde sich da überschätzen.

Kunst erhebt mitunter den Anspruch, zu tiefer liegenden Wahrheiten der Welt durchzudringen, als es Empirie und rationale Theoriebildung vermögen. Ihre Botschaften sind jedoch grundsätzlich nicht überprüfbar und von vorneherein immun gegen Falsifikation. Kunst kann nicht irren. Das spricht überhaupt nicht gegen sie. Ganz im Gegenteil übrigens. Kunst findet aber nun einmal, dem Grundgedanken Luhmanns folgend, in einem anderen Subsystem der Gesellschaft statt als etwa Wissenschaft oder Politik. Wissenschaftliche Aussagen können widerlegt und in der Politik kann man abgewählt werden. Kunst hingegen liegt niemals falsch. Was nicht bedeutet, dass sie immer Akzeptanz findet. Die Dinge werden jedoch immer wieder vermischt. Hier liegen das Problem und die Ursache für so manches Missverständnis.

Argumente oder Denkformen aus dem einen Subsystem werden nicht selten in ein anderes übertragen. Politik nutzt gerne in selektiver Weise wissenschaftliche Erkenntnisse, die gerade ins Parteiprogramm passen. Manche Künstler wissen sowieso alles besser und halten sich gegenüber Politik und Wissenschaft für überlegen. Und aus der Wissenschaft wird hier und dort der Versuch unternommen, der Politik die Erkenntnisse der jeweils eigenen Fachdisziplin als obersten Handlungsmaßstab aufzudrängen. Als sei es nicht vornehmste Aufgabe politischer Gestaltung, die Anforderungen aus den unterschiedlichen Bereichen abzuwägen und ohne Bevorzugung von Partikularsichten unter einen Hut zu bringen. Würden, dies nur beispielhaft, einzig Umweltaspekte oder ausschließlich ökonomische Perspektiven oder nur maximale Ziele der kollektiven Gesundheitsvorsorge die politischen Entscheidungen bestimmen, würden dadurch neue Probleme entstehen. Dass ein nüchternes Abwägen mitunter eher Anspruch als durchgängige Wirklichkeit ist, wissen wir allerdings auch. Einflussreiche Gruppen und Lobbyisten unternehmen beharrlich Versuche, politische Entscheidungsprozesse in ihrem Sinne zu steuern, insbesondere wenn es um finanzielle Interessen geht. Aber dies ist eine andere Geschichte.

Warum solche Gedankengänge in einen Blog zur Fotografie? Einmal geht es um Medienkompetenz. Wer Bilder richtig einordnen und verstehen will, kommt um ein Nachdenken über deren Entstehungsbedingungen sowie die Frage nach dem Warum ihrer Präsentation nicht herum. Das gilt nicht nur für politische Fotografien und für die Werbung. Die Dinge einfach nur zu konsumieren, mag individuell befriedigen, wäre jedoch im aufklärerischen Sinne zu wenig.

Es darf unterstellt werden, dass ambitioniertes Fotografieren ein Gespür für die Perspektivgebundenheit jeglicher Sichtweisen voraussetzt. Wer reflektiert fotografiert, weiß, dass es keine einzig und allein wahre, objektive Abbildung gibt und nahezu jeder Gegenstand auch aus einer anderen Perspektive hätte aufgenommen werden können. Dennoch geben wir die Überzeugung nicht preis, dass ein dokumentarisch gemeintes Bild wahrhaftig sein kann, ein anderes hingegen manipulativ und falsch. Für die künstlerische Fotografie gelten im Übrigen andere Regeln. Diese ist vollkommen frei und unabhängig vom Paradigma einer sachgerechten Wiedergabe. Auf die Ambivalenzen des fotografischen Bildes, das sich grundsätzlich von anderen künstlerischen Bildformen unterscheidet, wurde kürzlich im Blogbeitrag Analoge Innen- und Außenwelten hingewiesen. Und mit der aufklärerischen Wirksamkeit der Fotografie und insbesondere den Gedanken Susan Sontags hierzu hat sich der Essay Höhlenbilder befasst.

Die Wirklichkeit ist durch die Postmoderne nicht einfach verschwunden. Ihre Dekonstruktion mag zu einem intellektuellen Zerbröseln des Realen geführt haben. Wohin das führen kann, zeigen ausgerechnet die Demagogen des Postfaktischen. Sie haben von der Postmoderne gelernt und wollen uns weißmachen, es gebe keine Tatsachen mehr und nun sei das Zeitalter der Post-Truth angebrochen. Das klappt auch, solange man mit einem überholten absoluten Wahrheitsbegriff operiert, um diesen dann anschließend zu diskreditieren. Er hat sich in der Tat als obsolet erwiesen. Aber damit ist die Diskussion über richtige und falsche Aussagen nicht beendet. Diskursiv zu ermittelnde Erkenntnisse hinsichtlich des Richtigen und Guten sind weiterhin möglich. Dazu bedarf es eines kommunikativen Aushandelns ohne Druck und mit den Mitteln der Vernunft. Man mag diese Vorstellung für naiv halten. Aber wie sonst soll Gesellschaft funktionieren?

 

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