Das künstliche Idealportrait

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Dass wir immer häufiger mit Darstellungen von Menschen und unbelebten Objekten konfrontiert werden, die von Maschinen mit künstlicher Intelligenz generiert wurden, ist bekannt. Nun gut, auch viele Kunstwerke waren schon immer frei erfunden und ohne reales Vorbild. Warum sollten solche Bilder dann ein Problem darstellen?

Und was die Täuschung des Betrachters anbelangt, einige Realisten unter den Malern hatten es doch schon immer darauf angelegt, dass ihre Bilder wie Fotografien wirkten. Schließlich haben wir uns auch mit Trickfilmanimateuren angefreundet, die Avatare in einer faszinierenden Realitätsqualität erschaffen.

Google, Tesla und andere investieren erhebliche Mittel in die Entwicklung programmierter Intelligenz. Stets geht es um die Delegation von Entscheidungen an Maschinen, die mit einer hohen Zuverlässigkeit arbeiten und in der Lage sind, neben riesigen Mengen an Standarddaten auch Unvorhergesehenes algorithmisch zu erfassen und in die Bewertung einzubeziehen. In der Vergangenheit war dies noch eine Domäne menschlicher Intelligenz. Künftig wird es jedoch immer mehr Bereiche des täglichen Lebens geben, in denen schwierige Entscheidungen an Maschinen übertragen werden. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich im Personenverkehr und der Güterlogistik selbstfahrende Systeme durchsetzen. Gegenwärtig wird von Skeptikern noch mit den potentiellen Unvorhersehbarkeiten des Straßenverkehrs argumentiert. Es ist jedoch zu erwarten, dass auf Dauer die Entscheidungsalgorithmen der Maschinen selbst in unübersichtlichen Situationen der menschlichen Fähigkeit zur Informationsverarbeitung deutlich überlegen sind. Sicher, es wird Fehler geben. Aber welche Schäden verursachen denn heute die von Menschen getroffenen Entscheidungen? Machen wir uns nichts vor, die Bilanz wird in absehbarere Zeit für die Maschine sprechen.

Die Potentiale künstlicher Intelligenz sind unmittelbar abhängig von den Rechnerkapazitäten. Dies wurde deutlich, als es vor wenigen Jahren im Rahmen eines Forschungsprojektes um die Erzeugung des Idealportraits einer fiktiven Person ging. Für das künstliche Bild benötigte der Computer Millionen von Entscheidungsschritten und viel Zeit. Das fertige Bild erinnerte an eine irgendwie bekannte Berühmtheit aus Hollywood, ohne sich allerdings konkret zuordnen zu lassen. Kein Wunder, war der Maschine doch die Aufgabe gestellt, aus tausenden von realen Fotografien ein neues Bild zu kreieren, ohne die zeittypischen Schönheitsideale einfach nur additiv zusammenzufassen. Das konnten auch ältere Programme bereits leisten. Deren Ergebnisse waren allerdings ziemlich schnell als künstliche Bilder identifizierbar. Bei dem neuen Projekt wurden die vom Computer geschaffenen Idealbilder jedoch anschließend von einem zweiten System auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft. Dieses war in der Lage, reale von künstlich erscheinenden Bildern zu unterscheiden und so das erste System zu korrigieren. Das Ganze war ein iterativer Prozess, bei dem sich beide Systeme beständig bemühten, das jeweils andere hereinzulegen, und gleichzeitig alles daransetzten, nicht selbst hereingelegt zu werden.

Was bedeutet das für die Wahrnehmung fotografischer Bilder? Dass sie im Zeitalter der digitalen Fotografie als dubiativ betrachtet werden müssen, wie Peter Lunenfeld es formulierte, ist hinlänglich bekannt. Während es bei der analogen Technik noch einen Bezug zwischen der fotografierten Realität und dem Filmnegativ gab, da sich die abgestrahlten Lichtimpulse in die Silbersalzemulsion eingefressen und deren Beschaffenheit unumkehrbar verändert hatten, gibt es einen solchen Zusammenhang bei der digitalen Fotodatei nicht mehr. Deren Daten sind flüchtig und können am Rechner, ohne erkennbare Spuren zu hinterlassen, verändert werden. Dem digitalen Bild ist ohne Zuhilfenahme forensischer Analysen nicht anzusehen, ob die zugrunde liegenden Daten Ergebnis einer fotografischen Aufnahme, Folge von Photoshopbearbeitungen oder frei generiert worden sind. Und dennoch wird auch einer digitalen Fotografie im allgemeinen Verständnis meist eine gewisse Glaubwürdigkeit zugesprochen. Sie wird als Beleg dafür betrachtet, dass sich etwas so ereignet hat, wie es das Bild zeigt. Ganz ähnlich wie in analogen Zeiten. Der Wahrheitscharakter einer Fotografie wird noch immer höher eingeschätzt als der des gesprochenen oder geschriebenen Wortes, dem stets eine gewisse Subjektivität unterstellt wird. Dieser Nimbus der Fotografie wird in Zukunft allerdings mehr und mehr zugrunde gehen.

Künftige Verfahren zur Schaffung virtueller Realitäten werden nicht mehr als solche erkennbar sein und die Rezeption von Bildern jeglicher Art grundlegend verändern. Während sich beim Wandel von der analogen zur digitalen Fotografie die breite Öffentlichkeit nur selten mit den abbildtheoretischen Unterschieden der Technologien befasste und beiden Bildformen einen glaubwürdigen Realitätsbezug unterstellte, werden die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz sehr viel deutlicher spürbar sein. Zwar hatte man auch in der Vergangenheit von Bildmanipulationen gehört, analogen wie digitalen. Die wegretuschierten Genossen Stalins oder die künstlich langgezogenen Beine des Supermodels in der Werbung waren schon immer Hinweise darauf, dass ein Foto Manipulationen aufweisen konnte. Aber das waren Randphänomene der Bildwahrnehmung. Künftig werden alle technisch erzeugten Bilder mit der zweifelnden Frage begleitet werden, ob sie etwas mit der Realität zu tun haben oder frei erfunden sind. Das Misstrauen gegenüber dem Bild wird zum Bestandteil des Alltagsbewusstseins.

Seit Jahren werden Computerspiele immer realistischer, und beim Einsatz dreidimensional wirkender Betrachtungstechniken verstärkt sich der Eintaucheffekt in fremde Welten noch einmal zusätzlich. Vergleichbares gilt für den Film. Künstlich animierte Produktionen werden dem menschlichen Schauspieler den Rang ablaufen. Der programmierte Star macht keine Zicken, nimmt keine Drogen und benimmt sich auch sonst skandalfrei. Darüber hinaus ist er zu jedem Stunt und zu allerlei Zauberei bereit und kann bei Bedarf auch naturgetreu um die Ecke gebracht werden. Für die Produktion bietet das eine Menge Vorteile. Außerdem sind eine Handvoll Programmierer günstiger zu bekommen, als es die Gagen exaltierter Stars ausmachen. Hollywood, goodbye.

Virtuelle Realitäten werden parallel zum Fortschritt bei den Rechnerkapazitäten immer weniger von wirklichen Realitäten unterscheidbar sein. Schon heute gibt es Algorithmen, die charakteristische Bilddaten eines tatsächlichen Politikers zum Ausgangspunkt nehmen und aus diesen frei erfundene, jedoch realistisch erscheinende Filmaufnahmen mit Statements zu irgendwelchen Weltthemen kreieren können. Gestik, Mimik und Sprache wirken echt. Es ist deshalb nur eine Frage der Zeit, bis solche Möglichkeiten von interessierten Kreisen für politische Desinformationskampagnen genutzt werden. Auch wenn dies gegenwärtig noch Spezialisten vorbehalten ist, wird es Einzug ins Private halten. Für den Spaßbereich gibt es schon heute eine Reihe von Programmen oder Smartphone-Apps, die eine Portraitvorlage so verändern, dass die ursprüngliche Person mit seltsamsten Gesichtszügen versehen wird. Bislang sind die Ergebnisse nicht wirklich überzeugend. Mit weiterentwickelter Technik wird sich dies ändern. Es ist dann nicht nur eine Sache der Profis, Personen um Jahrzehnte altern zu lassen oder aus einem fröhlichen Menschen einen unangenehmen Griesgram zu machen, sondern wir alle werden das in großer Perfektion am heimischen Computer bewerkstelligen können. Ein neues Plug-in für Photoshop genügt dann, um aus einem x-beliebigen Bild eine Reihe höchst unterschiedlicher und stets glaubwürdiger Varianten zu erschaffen. Aus Pferden werden dann Zebras oder aus einem Monet ein Van Gogh. Laien werden dies nicht bemerken. Die schöne neue Welt der Fotografie eben.

 

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