Das Geheimnis der Objekte

von Ulrich Metzmacher

Dem reflexionsgeübten Fotografen ist der Gedanke vertraut, dass beim Prozess der Realitätsabbildung mit Hilfe der Kamera die Wirklichkeit nicht einfach nur objektiv durch die Linse auf den Film oder den Sensor gebannt wird, sondern die Dinge etwas komplizierter sind. Dennoch mag es nützlich sein, sich hin und wieder diesen Umstand in Erinnerung zu rufen.

Jedes Lehrbuch der Fotografie weist darauf hin, dass die Aufnahme eines Bildes eine komplexe Angelegenheit ist. Da gibt es gegebenenfalls die Umwandlung der farbigen Welt in ein Schwarzweißfoto, die Objektivbrennweite, den Einsatz von Filtern, die Nutzung der Tiefenschärfe oder die Bewegungsunschärfe zu berücksichtigen. Hinzu kommt der Umstand, dass die dreidimensionale Wirklichkeit in eine zweidimensionale Ebene transformiert wird, oder, nimmt man die Zeit als vierte Dimension hinzu, das Foto lediglich einen kurzen Moment wiedergibt, der im Sekundenbruchteil schon nicht mehr gültig ist. Bei alledem wird deutlich, dass beim Druck auf den Auslöser kein simples Abziehbild der Außenwelt in die Innenwelt der Kamera gerückt wird. Nein, es gibt unendlich viele Möglichkeiten zur Abbildung ein und derselben Realität.

Im Zeitalter der Digitalfotografie kommt die Zerlegung aller Dinge in binäre Einsen und Nullen hinzu. Auch dadurch vollzieht sich beim Fotografieren eine Umwandlung der Objektinformationen, zunächst in eine interne digitale Speicherung und dann wieder in ein analoges Bild. Es ist ein weiter Weg bis zur fertigen Fotografie, auf dem zusätzlich noch die Bildbearbeitung im Labor oder am Computer eingreift. Der Fotograf/die Fotografin muss sich unter diesen Umständen jedenfalls aktiv entscheiden, auf welche Weise er/sie sich gegenüber der Welt und den Objekten verhalten will.

Ob analog oder digital, der eigentliche Aufnahmevorgang ist stets durch ein Spannungsverhältnis zwischen Objekt und Fotograf gekennzeichnet. Der Philosoph und Soziologe Jean Baudrillard maß dem gar den Charakter eines Kampfes bei. Der naiv vorgehende, unbedenkliche Fotograf will, so Baudrillard, seine Sicht auf die Dinge durchsetzen, das Objekt hingegen strebt danach, sich in seiner eigenen Wesenheit und Augenblicklichkeit zu behaupten. Es bleibt offen, ob dem Fotografen die Bezwingung der Realität gelingt oder die Wirklichkeit mit ihrer Unordnung und allen Zufälligkeiten den Sieg davonträgt. Baudrillard bringt damit den Charakter des Fotografierens auf den Punkt: Jede Aufnahme kann, aus dem fiktiven Blickwinkel des Objektes betrachtet, neutralitätsbemüht oder subjektiv, angemessen wahrhaftig oder auch manipulativ sein.

Jean Baudrillard war selbst fotografisch aktiv und hat im Jahr 1997 in einem Interview seine Intentionen beschrieben. Es interessiert mich nicht, ob meine Bilder ästhetisch sind oder nicht. Es ist der Versuch, das Objekt heraufzubeschwören, ihm sein eigenes Geheimnis zu entlocken, ohne etwas hineinzugeheimnissen. Dies könnte geradezu ein paradigmatischer Grundsatz für jede Form dokumentierender Fotografie sein. Und dennoch, die Dinge für sich selbst sprechen lassen, wenn das so einfach wäre! Aber Baudrillard kannte natürlich die technischen Aspekte des Abbildungsvorganges und wusste, dass es kein objektives, neutrales Entsprechungsverhältnis zwischen Wirklichkeit und Bild gibt. Umso bedeutsamer ist die Haltung, mit der fotografiert wird. Ein wahres Bild mag es nicht geben, ein wahrhaftiges jedoch schon.

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