Das Dogma vom scharfen Bild

von Ulrich Metzmacher

Das Streben nach dem scharfen Bild kann Formen annehmen, die nicht frei sind von neurotischen Zügen. So wie der Zwangscharakter ständig sicher sein muss, nicht von Unordnung oder Unreinheit bedroht zu werden, fürchtet der Schärfesüchtige die Welt der Unschärfe.

In der Fotografie hat Schärfe nicht selten einen magischen Charakter. In nahezu allen Produktbewertungen von Kameras und Objektiven wird sie an vorderster Stelle genannt. In Zeiten der Digitalfotografie ist die Verabsolutierung zwar schwieriger geworden, da das Zusammenspiel von Objektiv und Kamerasensor sowie die kamerainterne Bildverarbeitung das Schärfeergebnis beeinflussen, aber das Dogma ist, vielleicht gerade deshalb, weiterhin wirksam.

Verlassen wir das Feld der Labordiagnostik und widmen uns der Frage, welche Bedeutung der Schärfe in der fotografischen Praxis beigemessen wird. In manchen Kreisen drückt sich die Bewunderung einer Fotografie ja gerne in der Bemerkung aus, diese weise eine makellose Schärfe auf, und mitunter werden nach dem Kauf einer neuen Kamera oder eines neuen Objektivs ganze Serien ausschließlich zu dem Zweck aufgenommen, deren Leistungsfähigkeit zu dokumentieren. Es soll sogar Fotografen geben, die fast nur solche Bilder produzieren. Gleichwohl werden die Kamera oder das Objektiv nicht selten nach einer gewissen Zeit durch noch bessere Versionen ausgetauscht. Der Blick in die Testberichte scheint nur dann Befriedigung zu verschaffen, wenn das eigene Equipment in der Spitzengruppe zu finden ist. Leitend ist die fixe Idee, dass eine gute Fotografie maximale Auflösung und Schärfe bis in die letzte Ecke verlangt. Unschärfe wird als Makel empfunden, da sie nicht Eigenschaft des fotografierten Gegenstandes ist, sondern eine bei der Aufnahme entstandene Ungenauigkeit. Der Zwangscharakter mag das nicht. Die Fixierung auf den Schärfeeindruck ist jedoch nur die halbe Wahrheit, oder besser: Ein Viertel von ihr.

Im fotografischen Alltag lassen sich vier logisch mögliche Beziehungen zwischen der Schärfe eines Bildes und dessen Attraktivität unterscheiden. Dabei reden wir hier nicht von gezielt eingesetzten partiellen Unschärfen, sondern vom allgemeinen Schärfeeindruck einer Aufnahme. Zunächst gibt es das scharfe Bild, das als schön wahrgenommen wird. Schön wird hier ausschließlich als eine subjektive Kategorie verstanden, die im Übrigen meist kulturell determiniert und am Ende deshalb gar nicht so individuell ist. Zweitens begegnet man scharfen Fotografien, die nicht als attraktiv empfunden werden. Ebenso können, drittens, unscharfe Bilder als unschön gelten, und viertens schließlich gibt es Unschärfen, die dann wieder als interessant wahrgenommen werden.

Scharf und schön kann das Abbild eines Bratens sein, der das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Wir befinden uns im klassischen Feld der Werbung beziehungsweise einer Form von Fotografie, der es um die exakte Wiedergabe geht. Oder es handelt sich um ein Genre wie etwa der Landschaftsfotografie, die meist eine überzeugende Detailsicht verlangt. Das Idealbild des oben erwähnten Fetischisten ist gleichfalls in dieser Kategorie angesiedelt.

Scharf und unschön kann der gleiche Braten sein, wenn die Fotografie zwei Wochen später aufgenommen wurde und durch ihre Genauigkeit Details zeigt, die man bei verdorbenen Lebensmitteln eher nicht sehen möchte. Vergleichbares gilt für hyperscharfe Portraitbilder, die jeden Pickel in analytischer Exaktheit festhalten. Darüber hinaus gibt es eine Menge knackscharfer Bilder, die einfach nur langweilig sind.

Unscharf und meist uninteressant sind Knipsbilder, die keine gestalterischen Ambitionen erkennen lassen. Man kann ihnen nicht viel abgewinnen, auch wenn das eine oder andere als kulturelles Zeugnis einer Epoche des massenhaft Beliebigen überdauern sollte. Wirklich unscharfe Bilder sind aufgrund der ausgefeilten Kameraautomatiken sowie der bei kleinen Sensoren großen Schärfentiefe heutzutage allerdings selten. Dafür hat die Kategorie der scharfen, jedoch uninteressanten Bilder erheblich zugenommen.

Einen gegensätzlichen Charakter schließlich weisen unscharfe und dennoch interessante Fotografien auf. Solche Bilder können Dynamik zum Ausdruck bringen, wenn etwa die Kamera während der Aufnahme mitgezogen wurde, oder es handelt sich um Reportagefotos im wilden Getümmel, denen die Unschärfe eine Authentizität harter Realität verleiht. Das D-Day-Foto von Robert Capa gehört in diese Kategorie.

Natürlich ist es von Vorteil, bei Bedarf die Potentiale der Technik ausreizen und scharf abbilden zu können. Für gigantische Werbebilder ist eine 50 MP-Kamera deshalb genau das Richtige. Auch ein rumlungernder Löwe wirkt meist beeindruckender, wenn selbst das kleinste Haar der Mähne klar zu erkennen ist und nicht im Diffusen verrauscht. Für die Sporfotografie gilt Ähnliches. Bei einem beträchtlichen Teil der Alltagsfotografie hingegen werden mit dem Schärfedogma eher die merkantilen Verkaufsstrategien der Produkthersteller bedient, obwohl die durchschnittliche digitale Amateurkamera mit ihren softwarebasierten Objektivkorrekturen heute selbst den ehemals teuren professionellen Vorgängerinnen analoger Zeiten haushoch überlegen ist. So viel Schärfe und Auflösung wie heute gab es in der Geschichte der Fotografie noch nie. Im Übrigen zeigt sich hier das szientistische Paradigma der realistischen Fotografie. Ein Bild soll demnach die Wirklichkeit, so wie sie ist, möglichst penibel abbilden. Dass dies eine Ideologie ist, mit der die Fotografie von Beginn ihrer Geschichte an aufgeladen wurde, ist hinreichend bekannt, aber vielleicht liegt gerade deshalb der Charme vieler alter Bilder in ihrer kornverrauschten relativen Unschärfe, die sich dem positivistischen Genauigkeitsstreben widersetzt. Die Wiederentdeckung der analogen Fotografie hat wohl auch damit zu tun.

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